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Persien: Triumph des Gottesstaates

Vor 30 Jahren stürzt die Islamische Revolution den Schah Persiens - und setzt Ajatollah Ruhollah Khomeini dafür an die Schaltstelle der Macht. Von Karl Grobe


Foto: getty

Flughafen Teheran-Mehrabad, 1. Februar 1979, 9.39 Uhr Ortszeit: Ein welthistorischer Augenblick. Ajatollah Ruhollah Khomeini setzt einen Fuß auf iranischen Boden, zum ersten Mal seit 15 Exiljahren. Millionen Iraner sind hinausgepilgert zum Airport, Millionen stehen am Straßenrand. Der Heimkehrer spricht nicht zu ihnen, er fährt zum Märtyrer-Friedhof Behest-e Zahra, erklärt die Regierung für illegal, ruft die Armee zur Neutralität auf. Zehn Tage danach folgt sie seinem Wunsch. Er weiß, dass er die Macht soeben dort aufgelesen hat, wo sie in Zeiten des Umbruchs zu liegen pflegt: auf der Straße.

Der Inhaber der Staatsgewalt, Mohammad Reza Schah Pahlavi (selbstgewählter Beiname: Aryamehr, "Licht der Arier"), ist seit zwei Wochen weg. Sein Regime ist zusammengebrochen, und keineswegs lautlos und unerwartet. Unmut über die Korruption der oberen Viertausend", über den Hochmut und die ins Unerträgliche wuchernde Arroganz des Kaisers und seiner Hofschranzen, Ärger über die "Verwestlichung" und die Abhängigkeit vom Ausland - vor allem den USA - hatten die Massen ergriffen. Und die brutale, gezielt eingesetzte Gewalt des Geheimdienstes Savak schüchterte nicht mehr ein. Im Gegenteil: Die Freilassung der über 25 000 politischen Gefangenen wurde zur entschiedenen Forderung der Opposition, erst recht nachdem der Schah im März 1977 genau 91 "Politische" amnestiert hatte.

Land und Leute

Im Iran leben rund 71 Millionen Menschen auf einer Fläche von 1,6 Millionen Quadratkilometern. Damit zählt das Land zu den 20 bevölkerungsreichsten und größten Staaten der Welt; es ist etwa viermal so groß wie die Bundesrepublik Deutschland. Den größten Volksstamm bilden die Perser mit 51 Prozent. Die Landessprache ist Farsi (Persisch). Insgesamt bekennen sich 98 Prozent der Bevölkerung zum Islam; 90 Prozent davon sind Schiiten und acht Prozent Sunniten.

Das Land grenzt an sieben Staaten: im Westen und Nordwesten an den Irak, die Türkei, Aserbaidschan und Armenien, im Nordosten und Osten an Turkmenistan sowie im Osten und Südosten an Afghanistan und Pakistan.

Der Revolutionsführer, seit 1989 Ajatollah Ali Khamenei, hat die uneingeschränkte Macht und ernennt die obersten Richter (allesamt Geistliche) und ist auch Oberkommandierender der Streitkräfte. Er wird vom Expertenrat auf Lebenszeit gewählt. Dieser wird wiederum alle acht Jahre vom Volk gewählt, wobei der Wächterrat die Kandidaten genehmigen muss.

Der Regierungschef ist der Präsident (seit 2005 Mahmud Ahmadinedschad). Er wird in allgemeinen Wahlen für eine vierjährige Amtszeit bestimmt.

1. FEBRUAR 1979 Ajatollah  Khomeini (re.) kehrt nach  15 Jahren im französischen Exil nach  Teheran  zurück.
1. FEBRUAR 1979 Ajatollah Khomeini (re.) kehrt nach 15 Jahren im französischen Exil nach Teheran zurück.
Foto: dpa

Lobeshymnen auf den Schah

Auf die USA konnte er noch bauen. Zu Neujahr 1978 rühmte Präsident Jimmy Carter in Teheran den Schah-Staat als "Insel der Stabilität" und versicherte den Schah "tiefer Dankbarkeit und persönlicher Freundschaft". Während in den Sommermonaten die Massenkundgebungen vom nördlichen Täbris bis zu den proletarischen Öl-Städten im Süden zunahmen, fand auch Chinas damals starker Mann, Hua Guofeng, im August in Teheran lobende Worte für den Schah. Die schon zum aufrührerischen Alltag gehörenden "Allah hu akbar"-Rufe von Dächern und Balkons hat er wohl nicht gehört.


Foto: FR-Infografik/Galanty

Die Geistlichkeit hatte sich längst mit der Nationalen Front zusammengeschlossen, der bürgerlich-demokratischen Bewegung, die das Erbe des 1953 gestürzten Mohammed Mossadegh bewahrte, den ein vom US-Geheimdienst CIA in die Wege geleiteter Putsch aus dem Amt gejagt hatte. Die neue Opposition rief zum Generalstreik. Das Militär schoss eine Demonstration nieder. An diesem 8. September 1978, dem "Schwarzen Freitag", verlor das Regime den Rest seiner Legitimität.

Mullahs und Nationale Front waren nicht die einzigen Kräfte des Aufbegehrens. Studenten und Literaten, politische Untergrundbewegungen und im Elend der Teheraner Südstadt vegetierende, aus den Dörfern vertriebene Bauern, Öl- und Bahnarbeiter rebellierten. Junge Frauen legten aus Protest den Tschador an als Symbol politischer Emanzipation.

Es war eine Revolution. Aber nicht die, welche manche westliche Regierung und manchen westlichen Kommentator ängstigte: die nach russischer Oktober-Art, die "von Moskau gesteuerte" kommunistische.

Khomeini hatte seit 35 Jahren gegen den Schah gepredigt. Er war deutlicher geworden, nachdem er aus dem Irak nach Frankreich hatte ausweichen müssen: Saddam Hussein hatte dem Schah noch im Oktober des Revolutionsjahres den Gefallen getan, den unerbittlichen Prediger des Landes zu verweisen. Khomeini ließ seine Predigten mittels Kassettenrekorder verbreiten. Sein Wort erreichte die Unzufriedenen, Aufbegehrenden an den Orten, die dem Zugriff der Politik und des Savak weitgehend entzogen waren: in den Moscheen. Es erreichte die Mullahs und die Analphabeten. Es war der Ruf nach dem Gottesstaat.

Naivität - in Ost und West

"Staat im Islam heißt, die Gesetzgebung, die Gott dem Propheten übertragen hat, zu verwirklichen und sich ihr zu unterwerfen. Der Prophet ist tot. Seinen Auftrag haben die Kenner des islamischen Gesetzes, die Imame, übernommen." Das war die Botschaft. Sie wurde unterschätzt, auf naive Art von den Experten in West und Ost, auf opportunistische Weise von den vielen weltlichen, liberalen, linken Parteien und Strömungen im Lande. Die sahen den fast Achtzigjährigen als mobilisierendes Element; sie würden ihn beerben. Es würde ihre Revolution werden. Den Westlern aber war eine epochale Wende noch nicht aufgefallen.

Politischer Islam - das war das Neue. In Pakistan hatte Militärdiktator Zia ul-Haq seine Herrschaft durch Rückgriff auf den Islam gefestigt. In Afghanistan standen Konservative unter der grünen Fahne gegen die Modernisierer auf; nur ein Jahr nach Khomeinis Teheraner Triumphzug wurde die Religion, von Pakistan, den USA und Saudi-Arabien gefördert, zum einigenden Element des Widerstands gegen die Sowjetunion. In Algerien, in Ägypten, im Sudan, in Indonesien begannen politische Bewegungen, unter aus dem Islam entlehnten Parolen die etablierten Kräfte zu erschüttern.

Keine Parteien mehr, nur noch der Imam: Mit dieser unausgesprochenen Parole ließ Khomeini von den Moscheen aus im ganzen Land Revolutionskomitees einrichten. Sie nahmen den revolutionären Konkurrenten die Massenbasis weg. Schnellgerichte begannen, das zu schaffen, was in anderen Fällen revolutionärer Terror genannt worden ist - die physische Vernichtung der alternativen gesellschaftlichen Kräfte.

Schließlich rettete unabsichtlich Saddam Hussein zum zweiten Mal Khomeinis Regime durch seinen Überfall im September 1980. In dem Krieg, der acht Jahre dauerte, ging Irans alte Armee unter, neue bewaffnete Verbände übernahmen ihre Rolle, die Pasdaran und die Bassiji, nun auch als Revolutionswächter gegen das Volk.

Das Volk hatte eine andere Revolution bekommen, als es sich erträumt hatte. Nur Khomeinis Traum war wahr geworden, ein Alptraum für die anderen.

Autor:  KARL GROBE
Datum:  30 | 1 | 2009
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