Politik
Nachrichten und Kommentare zur Politik in Deutschland und der Welt

25. November 2012

Pfarrer gegen Agrarindustrie: Sklavenarbeit und ein toter Hase

 Von Katja Tichomirowa
Einen toten Hasen, ähnlich diesem Exemplars, findet der kritische Pfarrer vor seiner Tür. Ein Gruß der Fleischindustrie? Foto: Tim Graham/Getty Images

Ein niedersächsischer Pfarrer greift die Agrarindustrie an. Er wirft ihr kriminelle, moderne Sklaverei vor. Die Produkte seien fragwürdig und minderwertig. Daraufhin bekommt er ein makabres Geschenk vor die Haustür gelegt.

Drucken per Mail

Für einen Christenmenschen, einen Pfarrer zumal, ist das kein überraschender Satz: „Wenn sie schon bei uns die Schwerstarbeit machen, dann sollen sie dafür auch ganz legal und anständig bezahlt werden können.“ Peter Kossen, der Ständige Vertreter des bischöflichen Offizials in Vechta, hat ihn in einer Predigt geäußert. Und er hat ihn gegen die örtliche Fleischindustrie gerichtet. „Kriminelle Praktiken moderner Sklaverei“, erklärte Kossen seiner Gemeinde, müssten „verfolgt, bestraft und unterbunden“ werden.

Die modernen Sklaven, damit meinte Kossen Rumänen und Bulgaren, die für Fleischfabriken im Oldenburger Münsterland arbeiten. Daran verdient hätten „unbescholtene Bürger, die Zeitarbeitsfirmen abbruchreife Häuser vermieteten, für horrende Preise in Essen, Emstek, Visbek und Lohne“.

Totes Kaninchen vor die Tür gelegt

Die modernen Sklavenhalter legten dem Prälaten dafür am vergangenen Dienstag das abgezogene Fell eines Kaninchens vor die Tür. Jedenfalls mutmaßte Kossen, dass es sich um einen Gruß der Fleischbranche handele. Die Polizei in Vechta ermittelt. Der Sprecher des bischöflichen Offizials interpretierte den „Gruß“ gar als Drohung. Das solle wohl heißen: „Wir ziehen Dir das Fell über die Ohren.“

Wer auch immer dem Pfarrer das tote Kaninchen vor die Tür gelegt hat, dem Verhältnis zwischen Kirche und Agrarindustrie konnte er kaum noch größeren Schaden zufügen. In Niedersachsen formiert sich seit geraumer Zeit der Widerstand gegen die Hühner- und Schweinebarone, die das Land mit Mastbetrieben und Schlachtanlagen überziehen – nicht nur im Landkreis Oldenburg. Und beide Kirchen bezogen Stellung.

Minderwertige Produkte

Unlängst forderte der niedersächsische Bauernverband seine Mitglieder auf, unbotmäßige Kanzelworte an den Verband zu melden. Anlass war eine Predigt, in der gefragt wurde, wofür man am Erntedank noch danken solle – angesichts der „fragwürdigen und minderwertigen Produkte, welche die industrielle Landwirtschaft hervorbringt“.

Prälat Peter Kossen greift die Agrarindustrie von einer anderen Seite an. Er prangert die Entlohnung der Arbeiter und kriminelle Praktiken der Personalvermittlungsunternehmen an. Er unterscheidet dabei durchaus zwischen Unternehmen, die ihre Mitarbeiter ordentlich behandeln und anderen, „schwarzen Schafen“, die Not und Perspektivlosigkeit in Ländern wie Rumänien und Bulgarien ausnutzten und ihren Arbeitern Hungerlöhne zahlen. Zeitarbeit dürfe nicht als Mittel missbraucht werden, um Tariflöhne zu umgehen, forderte Kossen. „Wenn eine Personalvermittlung 50 Prozent des Stundenlohns abschöpft, dann ist das durch nichts zu rechtfertigen“.Der Verdacht, dass, wer sich solcher Praktiken bedient, auch bereit ist, seinen Gegnern tote Tiere vor die Tür zu legen, ist nicht abwegig.

Jetzt kommentieren

Ressort

Nachrichten aus den Inland und Ausland, Analysen und Kommentare.

Fotostrecken
Videonachrichten Politik
FR exklusiv
Durch die Fahne eines Edward-Snowden-Anhängers schimmert der Bundestag.

Der Internetaktivist und Ex-Wikileaks-Sprecher spricht Klartext über gefährliche Pläne von IBM und Google, den NSA-Skandal und die Zukunft von Whistleblowern.

Quiz
Angela Merkel

Wie gut kennen Sie sich mit Politik und unseren Politikern aus? Stellen Sie Ihr Wissen auf die Probe!

Meinung
Spezial

Bombardiert Israel die iranischen Atomanlagen? Weitet sich der Konflikt zum Regionalkrieg aus? Werden gar die USA hineingezogen? Die Lage in Nahost spitzt sich dramatisch zu. Das Spezial.