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Politik
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18. Januar 2013

Pflege: „Da kann einem Bange werden“

 Von Daniel Baumann
Wenn es so weiter geht, wird es im Jahr 2030 etwa 3,4 Millionen Pflegebedürftige in Deutschland geben.  Foto: dpa

Es gibt immer mehr pflegebedürftige Menschen in Deutschland. Die Politik handelt zu langsam. Die Versorgung übernehmen hauptsächlich noch immer ihre Angehörigen, vor allem Frauen. Doch ohne die Pflege durch Angehörige wird es künftig kaum gehen.

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Deutschland läuft beim Aufbau eines leistungsfähigen Pflegewesens nach Ansicht von Experten die Zeit davon. Sie fordern die Bundesregierung auf, schneller zu handeln. „Im Moment läuft das zu langsam“, sagte die Vizepräsidentin des Deutschen Pflegerates, Gisela Bahr-Gäbel, am Freitag der Berliner Zeitung. „Es muss schneller gehen.“ Auch der Pflegeexperte Stefan Görres von der Universität Bremen hält die Vorbereitungen auf den starken Anstieg der Pflegefälle in den kommenden Jahren für unzureichend. „Da kann einem schon Bange werden“, sagte er am Freitag.

Die Zahl der pflegebedürftigen Menschen steigt jährlich. Die Versorgung übernehmen hauptsächlich noch immer ihre Angehörigen, vor allem Frauen. Über zwei Drittel aller Pflegebedürftigen werden zu Hause versorgt, berichtete das Statistische Bundesamt am Freitag. Ende 2011 waren das 1,76 Millionen von insgesamt zweieinhalb Millionen Alten, Kranken und Behinderten. Davon stemmen die Angehörigen in 1,18 Millionen Fällen die Pflege allein. Nur 576.000 bekamen in ihren eigenen vier Wänden – zusätzlich oder ausschließlich – Hilfe von ambulanten Pflegediensten. Ein Drittel der Menschen, die als pflegebedürftig im Sinne des Pflegeversicherungsgesetzes gelten, werden in Heimen betreut.

Pflegetagesstätten in Firmen

Im Vergleich zu 2009 ist die Zahl der Pflegebedürftigen in Heimen um 3,6 Prozent gestiegen. 3,8 Prozent mehr Menschen werden durch ambulante Dienste in Privatwohnungen betreut. Wie stark die Zahl derjenigen gewachsen ist, die ausschließlich durch Angehörige versorgt werden, ist laut Statistischem Bundesamt statistisch schwer zu erfassen. Stützt man sich auf die Daten der Pflegekassen, könnten es rund zehn Prozent mehr sein. Daten des Bundesgesundheitsministeriums zu den Leistungsempfängern der Pflegeversicherung zeigen einen viel geringeren Zuwachs um zwei Prozent. Ursache seien Änderungen bei der Datenmeldung.

In den kommenden Jahren wird die Zahl der Pflegebedürftigen nach Vorausberechnungen des Statistischen Bundesamtes massiv steigen. Wenn sich der Anteil der alten Menschen, die pflegebedürftig werden, nicht verändert, wird es in Deutschland im Jahr 2020 etwa 2,9 und im Jahr 2030 dann etwa 3,4 Millionen Pflegebedürftige geben. Letzteres entspricht einem deutlichen Zuwachs um 58 Prozent im Vergleich zum Jahr 2005.

Pflegeexperten fordern deshalb die Regierung auf, deutlich schneller zu handeln und massiv umzusteuern. „Wir müssen die Versorgung der Pflegebedürftigen durch die Angehörigen stärken“, sagte die Vizepräsidentin des Deutschen Pflegerates, Gisela Bahr-Gäbel. Zum Beispiel müssten Lösungen gefunden werden, damit es möglich ist, Pflege und Beruf zu vereinbaren. Zudem müsse gesichert werden, dass Menschen eine auskömmliche Rente erhalten, wenn sie sich für die Pflege von Angehörigen eine berufliche Auszeit nehmen.

Die Zahl der Pflegebedürftigen steigt.
Die Zahl der Pflegebedürftigen steigt.
 Foto: Thomas Plaßmann

Ohne Angehörige wird es nicht gehen


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Ohne die Pflege durch Angehörige wird es künftig kaum gehen. Denn es gibt nicht genügend professionelle Pfleger. „Wir sind sehr schlecht vorbereitet. Wir haben zu wenige Pflegekräfte. Bis 2030 werden uns 500 000 oder mehr fehlen“, sagt Pflegeexperte Görres. Er glaubt nicht, dass diese Lücke aufgefüllt werden kann. „Der Beruf ist unattraktiv und es sind zu wenig Jugendliche da, die den Beruf ergreifen könnten“, sagt Görres. Ausländische Pflegekräfte aus Ost- und Südeuropa oder Asien seien nur ein Tropfen auf den heißen Stein.

Pflegeexperte Görres fordert deshalb kreative Lösungen zu finden. „Wir könnten Tagespflegeeinrichtungen in Unternehmen einrichten“, sagt er. So könnten Beruf und Pflege besser vereinbart werden. Zudem wäre für Görres denkbar, dass im häuslichen Umfeld ein Netz aus Familie, Nachbarn und Freunden pflegebedürftige Menschen betreut. (mit dpa)

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