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Pflegebericht: Unterernährt, wundgelegen, festgeschnallt

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Die Situation in deutschen Pflegeheimen ist desolat.
Die Situation in deutschen Pflegeheimen ist desolat.
 Foto: dpa
Berlin –  

Die Prüfer kommen stets unangemeldet. Jeweils zwei Experten des Medizinischen Dienstes der Krankenkassen (MDK) nehmen den Alltag in einer Pflegeeinrichtung unter die Lupe, sie lassen sich Akten zeigen und überprüfen den Gesundheitszustand der Heimbewohner. Was die Prüfer zwischen 2009 und 2010 ermittelten, wirft kein gutes Licht auf die Pflegelandschaft: Hunderttausende Bewohner von Heimen sind nach wie vor nicht ausreichend versorgt: Sie werden ohne rechtliche Grundlage mit Gittern oder Gurten im Bett festgehalten, sie sind wundgelegen oder essen und trinken zu wenig.

Wie groß die Missstände sind, zeigt der dritte Qualitätsbericht zur Pflege in Deutschland, der am Dienstag vorgestellt wurde: Danach wurden rund 20 Prozent der Heimbewohner – das sind immerhin etwa 140.000 Pflegebedürftige – in ihrer Freiheit eingeschränkt, sei es durch Bettgitter, Gurtfixierung oder abgeschlossene Türen. Bei 14.000 Betroffenen fehlte die notwendige richterliche Anordnung, die „freiheitseinschränkende Maßnahme“ war also illegal. Ohnehin sind sich Pflegeexperten einig, dass derartige Methoden nicht in diesem Umfang notwendig sind. Kritiker meinen, sie dienen immer wieder auch der Entlastung des Personals. Kassenverbandsvorstand Gernot Kiefer forderte daher, die Häufigkeit solcher Freiheitseinschränkungen sehr deutlich zu reduzieren – und in jedem Fall den Rechtsweg einzuhalten. Auch der Deutsche Ethikrat hatte sich kritisch zu diesem Thema geäußert.

Fortschritte bei der Ernährung

Aber auch auf anderen Feldern gibt es weiterhin große Probleme. Ungenügend ist immer noch die Dekubitusprophylaxe – also die Verhinderung von Druckgeschwüren. Bei 40 Prozent der Betroffenen wurden die dafür notwendigen Schritte (Lagerungswechsel, richtig eingestellte Matratzen) vom Personal unterlassen. Der Wert war im vorigen Qualitätsbericht von 2007 ähnlich hoch. Auch im Umgang mit Medikamenten bestehen weiterhin deutliche Missstände. Bei fast jedem fünften Heimbewohner gab es Fehler. So stimmten beispielsweise die verabreichten Arzneimittel nicht mit den in den Akten genannten Präparaten überein. Auch hier konnte der MDK gegenüber 2007 kaum eine Verbesserung feststellen.

Von Fortschritten berichtete MDK-Geschäftsführer Peter Pick zumindest bei der Ernährung. 80 Prozent der Heimbewohner, die beim Essen und Trinken auf die Hilfe der Betreuer angewiesen sind, bekamen diese Unterstützung auch. 2007 waren es nur 64 Prozent. Unter dem Strich bleibt aber: Noch immer wird ein Fünftel der Betroffenen in den Heimen nicht richtig ernährt.

Ein Viertel der Demenzkranken nicht richtig betreut

Ein etwas besseres Bild als 2007 zeigt sich zudem bei der Versorgung von Demenzkranken. Sie machen nach den neuesten Zahlen immerhin 60 Prozent aller Heimbewohner aus. Drei Viertel von ihnen wurden angemessen betreut, sie erhielten also geeignete, auf sie zugeschnittene Angebote. Der Wert lag 2007 noch um zehn Prozentpunkte niedriger. Doch trotz der Verbesserung kann niemand mit dieser Situation zufrieden sein: Wenn ein Viertel der Demenzkranken in den Heimen nicht richtig betreut wird, handelt es sich um rund 100.000 Menschen.
Etwas unverständlich erscheint daher das Fazit von MDK-Geschäftsführer Pick. „Die große Mehrzahl der Pflegebedürftigen wird angemessen versorgt, nur eine Minderheit weist Versorgungsdefizite aus“, sagte er. Insgesamt habe sich die Qualität der Pflege verbessert, so seine Einschätzung. Kassenverbands-Vorstand Kiefer schränkte allerdings ein: „Die Tatsache, dass es insgesamt besser geworden ist, heißt nicht, dass es überall gut ist.“

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