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16. Juli 2013

Pflegebranche: Das Geschäft mit der Pflege

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Es gibt sie: Pflegeheime, wo es den Bewohnern gut geht.  Foto: dapd/Oeser/Archiv

Ein Platz im Pflegeheim ist teuer, die Betreuung oft trotzdem schlecht. Das müsse nicht sein, sagt die Leiterin einer viel gelobten Einrichtung – und erklärt, wie es besser geht.

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Ein Platz im Pflegeheim ist teuer, die Betreuung oft trotzdem schlecht. Das müsse nicht sein, sagt die Leiterin einer viel gelobten Einrichtung – und erklärt, wie es besser geht.

Berlin –  

Es gibt sie: Pflegeheime, die sich einen eigenen Koch leisten, der jeden Tag mehrere frische Mahlzeiten zubereitet. Heime, in denen die Bewohner auf Toilette gehen dürfen, wenn sie müssen, und keine Windeln tragen, nur weil diese für das Personal praktischer sind. In denen alte Menschen Hilfe beim Trinken bekommen, wenn sie Durst haben und nicht nur dann, wenn es der enge Zeitplan der Pfleger erlaubt. Doch sind das Einrichtungen, die auch bezahlbar sind? Oder haben die Betreiber recht, die Personalmangel, schlechtes Essen und Pflege im Akkord damit rechtfertigen, dass sie zu wenig Geld bekommen?

Letzteres zu glauben, fällt schwer. Denn Pflegeheime in Deutschland sind teuer, auch die billigen unter ihnen. Ein Heimplatz in Nordrhein-Westfalen kostet im Monat in der Pflegestufe III im Durchschnitt 3263 Euro, in Berlin 2903 Euro, in Hessen 2967 Euro, in Sachsen-Anhalt ist er noch am günstigsten mit 2267 Euro. Dazu kommen die Ausgaben für Investitionen und Zusatzleistungen, die sich auch noch einmal auf ein paar Hundert Euro im Monat summieren können. Die Pflegeversicherung erstattet in der höchsten Pflegestufe 1550 Euro. Das deckt also oft nicht einmal die Hälfte der Kosten. Trotz dieser durchaus stolzen Preise klagen Betreiber immer wieder, dass sie mit diesen Einnahmen unmöglich die Qualität bieten können, die von ihnen erwartet werde.

Fast alle Heime machen Gewinne

Margarete Vehrs, Leiterin des vielfach ausgezeichneten Pflegeheims Villa am Buttermarkt im Eifelörtchen Adenau, kann diese Klagen nicht mehr hören. Ein Heimplatz Pflegestufe III kostet bei ihr 3658 Euro im Monat, damit liegt sie zwar über dem Landesdurchschnitt, gehört aber trotzdem nicht zu den teuren Einrichtungen. „Wir arbeiten auch am Limit und natürlich wäre es etwas leichter, wenn wir mehr Geld hätten. Aber ich habe in mehreren Einrichtungen gearbeitet und immer wieder erlebt: Die Heime machen fast alle Gewinne.“

Entscheidend ist für Vehrs, was man mit den Einnahmen macht. Der gemeinnützige Trägerverein Projekt 3, der neben der Villa am Buttermarkt noch sieben weitere Einrichtungen in Rheinland-Pfalz und Sachsen-Anhalt betreibt, steckt das Geld zum Beispiel nicht in die Verwaltung, sondern ins Pflegepersonal. „Brauche ich unbedingt eine Qualitätsmanagerin, die am Schreibtisch sitzt und ganz viele Berichte schreibt, die kein Mensch liest? Oder stelle ich stattdessen eine weitere Pflegerin ein? Dann habe ich vielleicht eine schlechtere Note, weil die Dokumentation nicht geschrieben wird. Dafür fühlen sich die Bewohner wohl“, sagt Margarete Vehrs.

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Doch noch etwas ist anders in den Heimen, in denen sich die alten Menschen wohlfühlen, und das hat nichts mit Geld zu tun: „Die Strukturen. Oft ist es so, dass es in den Heimen sehr starr zugeht und sich das Personal engstirnig an feste Ablaufpläne hält, so dass keine Luft für die Bewohner ist, zum Beispiel auch mal später aufzustehen“, ärgert sich die Heimleiterin. „Aber es muss doch nicht schon frühmorgens ein Waschgeschwader loslaufen, damit dann alle um acht Uhr gestriegelt am Frühstückstisch sitzen. Und wer sagt denn, dass eine 90-Jährige von Kopf bis Fuß geschrubbt werden muss? Oder der 85-Jährige abends nicht noch länger aufbleiben und seinen Schnaps trinken darf?“

Ist es also möglich, ein Pflegeheim so zu betreiben, dass Bewohner und Personal zufrieden sind und der Träger trotzdem Gewinne einstreicht? Selbstverständlich, sagt auch der Pflegeexperte Claus Fussek. Er hat kein Verständnis dafür, wenn Betreiber und Leiter jammern, ihr Haus sei defizitär, weil die Kassen zu wenig zahlten. „Es gibt keine Ausreden mehr. In jeder Stadt gibt es ordentlich geführte Einrichtungen, die unter ähnlichen finanziellen und personellen Rahmenbedingungen arbeiten wie die schlechten Heime und die zeigen, dass es anders geht.“

Verantwortungsloses Sparen

Wenn Heimträger nachts 60 und mehr Bewohner von einer Pflegekraft versorgen lassen und deshalb demente Menschen fixieren oder mit Psychopharmaka ruhig stellen, dann ist das nach Fusseks Worten verantwortungsloses Sparen zulasten hilfebedürftiger Menschen. Es wird gespart, entweder, weil mit den Einnahmen Verluste an anderer Stelle quersubventioniert werden müssen, oder weil das Haus schlicht schlecht gemanagt wird. Richtig ist aber auch, dass der Kostendruck in der Branche zunimmt.

Denn es gibt zu viele Heimplätze, vor allem in Ballungsgebieten herrscht ein Überangebot. Es gibt 2,5 Millionen Pflegebedürftige in Deutschland, davon werden 743 000 in Heimen versorgt. Deutschlandweit sind die Einrichtungen im Durchschnitt gerade mal zu 87 Prozent ausgelastet.

Das klingt viel, ist aber zu wenig, wenn man bedenkt, dass ein Heim eine Auslastung von mindestens 95 Prozent braucht, um kostendeckend zu arbeiten. „Von einer Boombranche kann keine Rede sein“, sagt der Branchenexperte Nikolaos Tavridis. Analysten rechnen deshalb mit einer Konsolidierung des Marktes in den kommenden Jahren. Will heißen: Pflegeheime werden übernommen, es bilden sich Ketten, ältere und unwirtschaftliche Einrichtungen werden vom Markt verschwinden.

Auch wenn die Demografie der Pflegebranche in die Hände zu spielen scheint, ein sicheres Geschäft ist ein Heim daher nicht mehr. Zwar droht kein Baustopp für Pflegeheime, wie er seit Ende der 80er-Jahre in Dänemark gilt. Aber die Prioritäten haben sich inzwischen verschoben.

Ambulant vor stationär

Es gilt der Grundsatz: ambulant vor stationär. Gefragt sind Wohn- und Unterstützungsangebote, die Versorgungssicherheit bieten und zugleich ein Leben in der vertrauten Wohnung ermöglichen. Das Heim ist zur letzten Station geworden, wenn alles andere nicht mehr geht. Entsprechend kurz ist inzwischen die Verweildauer, in Großstädten beträgt sie sogar nur noch sechs Monate.

Der dramatische Fachkräftemangel bremst das Wachstum zusätzlich. Schon heute ist es in bestimmten Regionen fast unmöglich, qualifiziertes Personal für eine neue Einrichtung zu bekommen.

Und woran erkennt man nun ein gutes Heim? An der Note bestimmt nicht, sagt der Unternehmensberater Tavridis. Das liege nicht nur daran, dass sich heute fast jede Einrichtung mit der Bestnote sehr gut schmücken könne. „Man kann bei den Noten vieles kritisieren, aber was ich wirklich frappierend finde, ist, dass man auch eine gute Note bekommen kann, wenn der Personaleinsatz unter dem vereinbarten Schlüssel ist.“

Über die Traumnoten am Fließband kann sich der Münchner Pflegekritiker Fussek auch nur noch aufregen. Wenn ihn jemand um Rat fragt, wie man herausfindet, ob ein Heim hält, was es verspricht, empfiehlt er: „Fragen Sie den örtlichen Notarzt oder den Bestatter. Die wissen am besten Bescheid.“

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