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Phnom Penh: Horror im Foltergefängnis

Der Henker der Roten Khmer hat mindestens 12.380 Menschen ums Leben gebracht - und mit der methodischen Konsequenz eines Beamten foltern lassen. Von Christiane Oelrich

Die Vision der kambodschanischen Steinzeitkommunisten vom neuen Menschen endete im Massenmord am eigenen Volk.
Die Vision der kambodschanischen Steinzeitkommunisten vom "neuen Menschen" endete im Massenmord am eigenen Volk.
Foto: Foto: dpa

Phnom Penh. Erregung zeigt der Mann nicht, der mindestens 12.380 Menschen auf dem Gewissen hat. Kaing Guek Eav (66) alias Duch war unter der Herrschaft der Roten Khmer in Kambodscha fast vier Jahre für die "Vernichtung der Feinde der Revolution" zuständig.

Methodisch, konsequent und mit System: "Gefoltert wurde von sieben Uhr morgens bis elf, von zwei bis fünf, und von sieben bis elf Uhr abends", zitiert das Völkermord-Tribunal in seiner Anklageschrift aus Duchs Anweisungen. Der frühere Mathematiklehrer leitete das Folterzentrum Toul Sleng, genannt S21.

Er sitzt an diesem Montag kerzengerade auf der Anklagebank, lehnt sich nicht an, verfolgt aufmerksam den Text, macht sich Notizen. Gefühle zeigt er nicht.

Duch ist der erste, der 30 Jahre nach dem Ende der Schreckensherrschaft zur Rechenschaft gezogen wird. Der Fall gegen ihn ist ziemlich klar. Obwohl nur eine Handvoll Gefangener die Folter- und Hinrichtungsmaschinerie von S21 überlebt hat, gibt es genügend Aussagen einstiger Wachen, die den grauhaarigen Mann schwer belasten.

"Zeuge Y hat gesehen, wie Duch die Folter persönlich überwachte", lässt das Gericht aus der Anklageschrift vorlesen. "Duch hat eingeräumt, dass es Autopsien an Lebenden gab, Ausbluten vonGefangenen und Medikamententests", heißt es an anderer Stelle.

"Duch sagte: Keiner, der verhört wurde, konnte der Folter entkommen." Duch hat seine Schuld längst eingestanden. Er hat sich mit einer lebenslangen Haftstrafe abgefunden. Dennoch bestehen vor allem die Opfer darauf, in dem Prozess auch zu Wort zu kommen.

"Unser Hauptziel ist eine möglichst umfassende Darstellung der Einzelschicksale", sagt die Berliner Anwältin Silke Studzinsky, die 18 Opfer vertritt. "Wir wollen, dass alle Facetten dessen, was unter Duchs Befehlsgewalt passiert ist, auch bekannt gemacht werden."

Auf dem Völkermord-Tribunal lasten viele Erwartungen. Neben der juristischen Aufarbeitung der Grausamkeiten erhoffen sich viele Beobachter auch einen Auftakt für die gesellschaftliche Auseinandersetzung mit der Vergangenheit. Das hat bislang nicht stattgefunden.

In den Schulgeschichtsbüchern kommt die Rote-Khmer-Zeit nicht vor. Entsprechend wissen die jüngeren Generationen wenig über die Vergangenheit. Gleichzeitig leben in vielen Dörfern Opfer und Täter heute wieder Tür an Tür. "Die Opfer wollen endlich erfahren, was damals wirklich passierte", sagt Studzinsky.

Einen Eindruck aus dem Elendsalltag in S21 gab es am Montag. Über endlose Verhöre berichtet das Gericht, von Gefangenen, die bis kurz vor dem Ersticken Plastiktüten über den Kopf gezogen bekamen. Über die Todes-Transporte der Abgefertigten zu den Hinrichtungsstätten vor der Stadt. "Sie wurden mit Eisenstangen auf den Hinterkopf geschlagen, in eine Grube gestoßen, dann schlitzte ihnen einer den Hals oder den Bauch auf", las das Gericht vor.

"Kinder wurden aus dem 3. Stock auf den Boden geworfen, um ihnen das Genick zu brechen." Duch hatte den Ermittlungsrichtern gesagt, dass die Politik der Vernichtung der Feinde auch die Familie und Kindern umfasste.

Die Vietnamesen bereiteten dem Terrorregime im Januar 1979 ein Ende. Duch tauchte unter, blieb den versprengten Rote Khmer-Truppen, die im Dschungel aber noch jahrelang im Widerstand blieben, bis in die 90er Jahre aber verbunden.

1995 ließ er taufen und legte sein Schicksal in Gottes Hand. Journalisten spürten ihn 1999 auf. (dpa)

Autor:  Von Christiane Oelrich
Datum:  30 | 3 | 2009
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