kalaydo.de Anzeigen

Piratenpartei: Klar zum Ändern

Die Piratenpartei setzt alles auf die eine Losung "Freiheit im Netz" - und strebt damit in die ernsthafte Politik. Peinlich nur, wenn beim Parteitag ausgerechnet das WLAN nicht funktioniert. Von Jörg Schindler

Alle in einem Boot: Szene vom Parteitag der Piratenpartei.
Alle in einem Boot: Szene vom Parteitag der Piratenpartei.
Foto: dpa

Hamburg. Die Sache mit dem WLAN ist dann doch ein bisschen peinlich. Es ist zehn Uhr an diesem Samstag im Bürgerhaus Wilhelmsburg, einem Backsteinbau mit Seerosenteich im Süden Hamburgs. Eigentlich sollte der Bundesparteitag der Piratenpartei jetzt beginnen. Rund 300 Leute sitzen mit aufgeklappten Notebooks im Saal. Alles ist angerichtet. Nur "WLAN gibt's noch nicht", hat einer vorne auf eine Tafel gekrakelt. Irgendwie blöd für eine Partei, die ihren rasenden Aufstieg zu allererst dem Internet zu verdanken hat. Die real existierende Welt - sie hat so ihre Tücken.

Wie sich überhaupt erst so einiges zurechtrütteln muss auf dieser politischen Vollversammlung der Netzgemeinde. Draußen im Anmeldebüro hat einer ernsthafte Schwierigkeiten nachzuweisen, dass er einem Landesvorstand angehört. Drinnen im Saal ruft eine der wenigen Frauen "Rheinland-Pfalz"? - "Hier!", echot eine Grüppchen vorne links. Es ist wie beim Blind Date. Eine Partei lernt sich kennen. Und schaut mal, was daraus wird.

Es ist zwar bereits der vierte Bundesparteitag, den Deutschlands Piraten an diesem Wochenende ausrichten. Aber so etwas wie diesmal hat es noch nicht gegeben. Allein in den letzten vier Wochen hat sich die Mitgliederzahl mehr als verdreifacht. 3200 überwiegend junge Männer sind nun klar zum Ändern. Fast täglich wurde zuletzt ein neuer Landesverband gegründet.

Das aktuelle Anlagevermögen von 2,69 Euro dürfte rapide gewachsen sein. Und wenn der scheidende Vorsitzende Dirk Hillbrecht, ein IT-Fachmann mit Raspelhaar und Wohlstandsbäuchlein, nun mal eben ein Wahlziel von fünf Prozent ausgibt, klingt das längst nicht mehr so lustig wie noch vor der Europawahl. 0,9 Prozent schafften die Piraten da aus dem Stand. Die schwedische Schwesterpartei kam gar auf 7,1.

Das ist eine erstaunliche Entwicklung für eine Partei, deren Themen sich an den Fingern einer Hand abzählen lassen. "Freiheit im Netz", das ist die Losung der Piraten. Seit Jahren, sagt der neue Chef Jens Seipenbusch, arbeiteten Staat und Wirtschaft an einem "Überwachungsstaat, der uns schleichend droht". Und keine Partei, keine Bürgerbewegung habe sich bislang ernsthaft dagegen gewehrt.

Die Piraten wollen das ändern. Und wenn es ihnen nebenbei gelingt, das Urheberrecht zu reformieren, Patente abzuschaffen und das Downloaden von Musik und Filmen endlich wieder straffrei zu bekommen, soll ihnen das Recht sein.

Internet nur Randthema bei anderen Parteien

Themen sind das, für die sich der analog aufgewachsene Teil dieser Welt - und dazu zählen fast alle Berufspolitiker - bislang bestenfalls am Rande interessierte. Ein entsprechendes Schattendasein fristeten die ohnehin etwas lichtscheuen Netzpiraten. Dann kam Familienministerin Ursula von der Leyen. Unbeirrt von triftigen fachlichen und juristischen Einwänden boxte die CDU-Frau ein unausgegorenes Gesetz zur Sperrung von kinderpornographischen Internetseiten durch - und wurde damit unfreiwillig zur Seeräuber Jenny der Nation.

Die Netzgemeinde nämlich witterte den Einstieg in eine umfassende Überwachung des Web und lief Sturm gegen das Vorhaben von "Zensursula". Aus dem Stand beschafften die digitalen Freiheitskämpfer 134.000 Unterschriften für eine Petition. Und verhalfen der Piratenpartei zu einer Aufmerksamkeit, wie sie nur die Grünen hatten, als dort noch Steinewerfer und häkelnde Revoluzzer zu Hause waren.

Inzwischen hat die einst bestenfalls ignorierte Partei sogar einige namhafte Gegner, erst recht, seit sie jüngst den SPD-Paria Jörg Tauss bei sich aufnahm. Gegen den wird nach wie vor wegen des Besitzes von Kinderpornographie ermittelt. Tauss freilich lächelte Kritik daran auch am Wochenende beiseite. Seinen Neu-Genossen, sagte er der Frankfurter Rundschau, gehe es derzeit wie einst Gandhi: "Erst wird man belächelt, dann bekämpft."

Die Piraten aber, sie haben Blut geleckt und schicken sich nun an, mit ihren orange-farbenen Trikots den Reichstag zu kapern. In Hamburg übten sie schon mal, "Politik ohne Netz und doppelten Boden" zu machen, wie sich Ex-Cäptn Hillbrecht ausdrückte. Sonderlich anders als anderswo ging es dabei aber nicht wirklich zu. Auch Piraten können sich offenbar an Geschäftsordnungsanträgen, Kassenprüfberichten und Wahlkampfkostenerstattungsregeln ergötzen.

Nur das unterdurchschnittliche Alter der Teilnehmer und die überdurchschnittliche Zahl von Notebooks machte diesen Parteitag zu einem etwas anderen. Letztere konnten dann übrigens doch noch genutzt werden. WLAN ging wieder. Das Passwort lautete: 000ZENSURSULA.

Autor:  JÖRG SCHINDLER
Datum:  5 | 7 | 2009
Kommentare:  Kommentieren
Empfehlen:  E-Mail
Leserbrief:  Leserbrief
Artikel:  Drucken
Ressort

Nachrichten aus der Politik, Kommentare, Doku und Debatten


Kolumne

Unser Autor Stephan Hebel macht launische Bemerkungen über die doppelte Merkel, den griechischen Unmut über Spar-Kommissare - und, natürlich, den Sylt-Urlaub unseres Staatsoberhaupts.

Spezial
        

 Polizisten vor dem  durch eine Explosion zerstörten Haus in Zwickau,  in dem das rechtsradikale Trio zuletzt untergeschlüpft war.

13 Jahre lang überziehen Rechtsextreme der Zwickauer Zelle das Land mit Morden, Bombenanschlägen und Überfällen. Analysen und Hintergründe im Spezial zum Neonazi-Terror.

Interaktiv

Hier finden Sie alle Termine und aktuellen Ergebnisse der Vorwahlen der Republikaner, sowie Informationen zu den Präsidentschaftskandidaten.

Interaktiv

Wer sitzt mit wie vielen Abgeordneten im Bundesrat? Alle Ministerpräsidenten, alle Zahlen und Fakten hier!

Fotostrecke
Fotostrecke
Politiker-Pannen 2011 (14 Bilder)
Spezial
Die Gegner von S 21 freuen sich über den Etappensieg.

Seit Februar 2010 laufen Bauarbeiten am Stuttgarter Bahnhof. Diskussion, Hintergründe, Fotostrecken und mehr im FR-Spezial.

Fotostrecke
Plaßmanns Welt (240 Bilder)

Anzeige

Spezial
Rechte Proteste gegen den Bau der Kölner Zentralmoschee (Archivbild).

Radikales Gedankengut erreicht unter dem Deckmantel von Islamkritik das bürgerliche Lager. Das Spezial zur Neuen Rechten.

In eigener Sache

FR-Online.de möchte Lesern unter vielen Texten zielführende Diskussionen ermöglichen. Die Redaktion prüft Beiträge in verschiedenen Verfahren.

Sonderthema
Protest in Libyen.

Tunesien, Ägypten, Libyen, Algerien, Jemen - das Volk wagt den Aufstand gegen die Autokraten. Einige sind gefallen, andere bekämpfen die Revolutionäre bis aufs Blut.

Videos
Fotostrecke
Zum Anbeißen: Der Zoo Hannover sorgt beim Füttern für die saisonal passende Deko. Das Erdmännchen hat offenbar seinen Spaß dran.

Manchmal sind es die kleinen, schönen Dinge am Rande, die beeindrucken. Genau die zeigen wir in unseren Bildern des Tages.

Anzeige

Spezial

Bespitzelung von Beschäftigten, Datenklau, Elena, Swift - Was passiert mit unseren Daten?

Anzeige

 
Quiz
Wissens-Test.

Politik, Sport, Wirtschaft - wie gut sind Sie informiert? Machen Sie den Test mit dem unterhaltsamen Tagesquiz.

Fotostrecke
Plaßmanns Klima (19 Bilder)
Meistgeklickt
Mohamadou Idrissou: Noch reicht die Kraft nicht für 90 Minuten, vielleicht reicht sie aber für Fortuna Düsseldorf?
Eintracht gegen Fortuna 
Moderator Günther Jauch.
Günther Jauch 
Gegen seine alten Kollegen in der Startelf: Bamba Anderson.
Eintracht gegen Fortuna 
Ohne Draht zum Volk: Adolf Sauerland.
Kommentar zu Sauerland 
Interaktive Karte
Die Karte Freiheit im Internet 2011 wurde von der NGO Freedom House erstellt - und von der FR als Google Map umgesetzt.

FR-online.de zeigt die Ergebnisse der Studie "Freedom on the Net 2011" in einer interaktiven Karte.

ANZEIGE
- Business
- Kauftipps!