Seit Ewigkeiten hat es in Deutschland so etwas nicht mehr gegeben: Historiker in Hamburg streiten noch darüber, wann genau im 17. Jahrhundert der letzte Seeräuberprozess stattfand. Jetzt gibt es einen neuen: Am heutigen Montag müssen sich in Saal 337 des Landgerichts zehn Männer aus Somalia wegen Piraterie verantworten. Sie sollen im Frühjahr vor Ostafrika ein deutsches Frachtschiff überfallen haben.
Die Hamburger Staatsanwaltschaft wirft den zehn Somaliern einen „Angriff auf den Seeverkehr und erpresserischen Menschenraub“ vor. Sie sollen am 5. April 2010 das deutsche Containerschiff „Taipan“ 530 Seemeilen östlich des Horns von Afrika attackiert und geentert haben. Die zehn Männer sollen in zwei Schnellbooten den Frachter unter „lebensbedrohliches Gewehrfeuer“ genommen und dann mit Enterleitern erobert haben. Ziel war es, so die Ermittler, die 14-köpfige Mannschaft und den deutschen Kapitän als Geiseln zu nehmen und Lösegeld zu erpressen.
Doch die Sache lief aus dem Ruder: Die Mannschaft flüchtete während des Angriffs in einen versteckten und gesicherten „Saferoom“. Als die Piraten an Bord waren und den Kurs des Schiffs änderten, drehte ihnen die versteckte Crew aus dem Versteck den Strom ab und sendete einen Notruf. Das Schiff war nicht mehr steuerbar und Hilfe im Anmarsch.
Gut drei Stunden später näherte sich die niederländische Fregatte „Tromp“ dem gekaperten Frachter. Soldaten wurden per Hubschrauber auf der „MS Taipan“ abgesetzt. Es gab einen kurzen Schusswechsel, dann ergaben sich die Angreifer.
Unüberschaubares Verfahren
Für die Hamburger Justiz ist der Fall so eindeutig wie das jetzt anstehende Verfahren unüberschaubar. Die Angeklagten wurden auf frischer Tat ertappt. Die Soldaten nahmen ihnen fünf Kalaschnikow-Sturmgewehre, zwei Raketenwerfer, zwei Pistolen, zwei Messer, Enterleitern und Handys ab. Die Beweislage ist eindeutig. Das Bundeskriminalamt hat die Spuren und Einschusslöcher der Schießerei an Deck dokumentiert.
Seeräuberei war lange Zeit auch an deutschen Küsten Alltag; vor allem am Ende des 14. Jahrhunderts blühte die Piraterie und machte den Kaufleuten der Hansestädte wie Hamburg oder Bremen das Leben schwer. Nicht selten wurde den Freibeutern in den Häfen an Nord- und Ostsee der Prozess gemacht.
Drakonische Strafen gegen Piraten waren an der Tagesordnung. Nach Recherchen des Historikers Ralf Wiechmann richteten allein die Hanseaten zwischen 1390 und 1600 mindestens 533 Seeräuber hin. Ihre Köpfe wurden zur Abschreckung oft auf Balken genagelt und an der Hafeneinfahrt aufgestellt.
Bekannt ist vor allem die Fehde der Hamburger „Pfeffersäcke“, wie die vermögenden Geschäftsleute genannt wurden, mit dem legendären Klaus Störtebeker. Dieser berüchtigte Freibeuter bedrohte mit seinen Getreuen die Schifffahrt auf der Nord- und Ostsee, bis ihn die Hanseaten schließlich vor Helgoland schnappten. Im Jahr 1400 soll Klaus Störtebeker geköpft worden sein.
Aber anders als in deutschen Prozessen mit Tätern aus Europa, über die sich Informationen, Namen, Herkunft, Lebenslauf oder Vorstrafen per Amtshilfe beschaffen lassen, richtet die Hamburger Strafkammer über zehn Männer, von denen sie buchstäblich fast nichts weiß. Keiner der Angeklagten habe sich zur Tat geäußert, sagt Oberstaatsanwalt Wilhelm Möllers der Frankfurter Rundschau. Die Männer hatten keine Ausweise, waren nicht identifizierbar. Einige hätten sich über Mitangeklagte geäußert. Es gebe ein paar Namen, aber ob das Gesagte stimme, sei nicht nachprüfbar. Recherchen und Anrufe in Somalia, einem seit Jahrzehnten kaputten Staatswesen, seien sinnlos. „Wir haben nur ganz rudimentäre Angaben“, so Möllers.
Um wenigstens das Alter der Angeklagten ungefähr zu kennen, ließen die Ermittler die Männer ärztlich untersuchen. Sie hegten den Verdacht, die Angeklagten würden sich jünger machen, um mit milderen Strafen davonzukommen. Laut Oberstaatsanwalt Möllers ist einer der zehn ein Jugendlicher, zwei sind Heranwachsende zwischen 18 und 21 Jahren, sieben erwachsen. Dreien drohen Strafen bis maximal zehn, den anderen sieben Beschuldigten bis zu 15 Jahren Gefängnis.
Weitere Prozesse stehen an
In Hamburg geht man von einem komplizierten und zähen Prozess aus. Er könnte bis weit ins nächste Jahr dauern. Die zehn Somalis sind wahrscheinlich nicht die letzten mutmaßlichen Piraten vor einem bundesdeutschen Gericht. Allein in den ersten neun Monaten dieses Jahres gab es nach Zählung des Internationalen Schifffahrtsbüros mit Sitz Malaysia weltweit 289 Piratenüberfälle – die meisten vor Somalias Küste. Kenia will neun verhaftete Piraten nach Deutschland ausliefern.
Die Hamburger Staatsanwaltschaft hat seit 2009 in 60 Fällen Ermittlungen aufgenommen. Die meisten freilich führten zu keinen Ergebnissen.
Zu Oberstaatsanwalt Möllers ungeklärten Piratenfällen gehört auch der Fall des berühmten Seeräuberhauptmanns Klaus Störtebeker, der vor 609 Jahren in Hamburg geköpft worden war: Sein berühmter Totenschädel wurde im Januar 2010 aus einem Museum gestohlen und ist seitdem unauffindbar.
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