Der Tag, an dem nichts wirklich passiert ist“, nennt Marina Weisband den Tag, an dem die Nachricht die Runde macht, dass sie im April wahrscheinlich nicht wieder für ihren Posten im Bundesvorstand der Piratenpartei kandidieren wird. Weil sie dann ihr Studium zu Ende bringen und ihr Psychologie-Diplom machen möchte. Und weil die Arbeit an der Spitze der jungen Partei sie auslaugt, ihrer Gesundheit zusetzt. „Entweder ich bleibe in dem Amt und pfeife auf das Diplom, oder ich mache erstmal das Diplom und stelle das Amt zeitweise zurück“, erklärt Weisband ihren Entschluss.
Kein besonderer Tag also? Die Außenwelt sah das anders. Am Donnerstag klingelt bei Weisband unablässig das Telefon. Medienanfragen, besorgte Piratenkollegen. Der Vorsitzende der Partei, Sebastian Nerz, bedauert Weisbands Rückzug. Sie sei eine sehr fähige Politikerin, die die Außenwirkung der Piratenpartei geprägt habe, sagte Nerz. Es werde schwierig, die Lücke zu schließen, die Weisband hinterlasse. Er hoffe, dass sich Weisband ihre Entscheidung noch einmal überlege, setzte Nerz sogar zu einem Rückholversuch an.
„Ich bin noch nicht tot“
Selbst Politiker anderer Parteien meldeten sich zu Wort. Die Entscheidung „verdiene großen Respekt, twitterte etwa Unions-Fraktionsgeschäftsführer Peter Altmaier (CDU). „Weil sie klug und ehrlich begründet ist, wird sie die Piratenpartei nicht schwächen“, meint Altmeier. Auch der Grünen-Netzpolitiker Konstantin von Notz zollte Weisband Respekt für die Entscheidung.
Weisband wurde auch das etwas zu viel: „Menschen drücken mir ihren Respekt aus und erinnern sich an die schöne Zeit, als sei das der Tag meiner Beerdigung“, so Weisband. „Bitte keine Abgesänge an mich. Ich bin noch nicht tot“, twittert die 24-jährige prompt, die in letzter Zeit zur bekanntesten Gestalt der Piraten wurde. Doch genau das empfindet Weisband als Problem: „Ich bin medial zum einzigen Gesicht der Partei geworden, und das ist falsch“, sagt sie der FR. „Wir wollen die Weisband oder wir nehmen keinen Piraten in die Sendung“, hätten Fernsehsender diktiert. So wurde Weisband medial zur „Lichtgestalt“, zur „schönsten Piratin“. Was sie inhaltlich etwa zum Urheberrecht oder zum Bildungssystem sagte, habe kaum jemanden interessiert, sagt Weisband. „Meine Medienpräsenz besteht zu 80 Prozent aus Fotos, Kommentaren über meine Frisur, meine Kleidung, meine Hobbys, meine Art.“ Von solcher Aufmerksamkeit wolle sie nicht abhängig werden.
Kindheit in Kiew
Deshalb will Weisband jetzt lieber als Psychologin das Wertegefüge ukrainischer Kinder erforschen, die in die neue Zeit nach dem Systemwechsel geboren wurden. Weisband selbst lebte bis zum sechsten Lebensjahr in Kiew, wurde vom Leben der urbanen jüdischen Intelligenzija geprägt.
Als Einwandererkind habe sie mit Erstaunen und Distanz auf die deutsche Gesellschaft mit ihren „Hausordnungen und jeden Lebensbereich reglementierenden Verboten“ geschaut, sagt Weisband. Politik war damals in ihren Augen etwas für dicke weiße deutsche Männer mit „Vitamin B“. Das sehe sie auch jetzt noch so, sagt sie. Das wolle sie ändern. Politisch. Als einfache Piratin. Ohne Amt. Erstmal. „Ich mache keinen Rückzug“, so Weisband, „ich nehme nur etwas Anlauf.“
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