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04. Dezember 2013

PISA : "Es wird zu wenig wirklich gelernt"

15-jährige deutsche Schüler bewegen sich in der neuesten Pisa-Studie im Mittelfeld.  Foto: dpa

Wissen alleine reicht heute nicht, sagt Pisa-Koordinator Andreas Schleicher. Er spricht über die falsche Darstellung der Bildungsstudie und Bequemlichkeiten im deutschen Schulsystem.

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Wissen alleine reicht heute nicht, sagt Pisa-Koordinator Andreas Schleicher. Er spricht über die falsche Darstellung der Bildungsstudie und Bequemlichkeiten im deutschen Schulsystem.

Herr Schleicher, die Pisa-Studie hat die deutsche Bildungspolitik stark beeinflusst. Welche Reformen führen Sie direkt auf Pisa zurück?

Es gibt ein ganzes Bündel davon. Dass die Bundesländer sich auf gemeinsame Bildungsstandards geeinigt haben, war ein ganz wichtiger Schritt. Genauso wie die frühkindliche Bildung – das war in Deutschland vor Pisa ein Randthema. Es gab damals noch viele, die der Meinung waren, der Staat soll sich nicht in die Erziehung von Kindern einmischen, das ist die Angelegenheit von Familien. Heute ist die frühkindliche Bildung fest etabliert. Es gibt sogar ein gesetzlich verankertes Recht auf einen Kindergartenplatz – da hätte man früher gar nicht dran denken können!

Dass Ganztagsschulen selbstverständlich sind, war vor zehn Jahren noch unvorstellbar.

Ja, das war genauso ein Randthema. Und heute sind Ganztagsschulen etwas Selbstverständliches und auch bei allen Parteien und gesellschaftlichen Gruppierungen etabliert. Die Förderung von sozial schwachen Kindern und Kindern mit Migrationshintergrund ist noch ein gutes Beispiel, wo in Deutschland sehr viel in Bewegung gekommen ist.

Wissen reicht nicht

Andreas Schleicher

Andreas Schleicher ist OECD-Bildungsdirektor und Koordinator der Pisa-Studie.

Was müsste denn Deutschland noch tun, um eines Tages bei Pisa auf Platz 1 zu stehen?

Ich denke, die Zielsetzung kann weiter hochgeschraubt werden, man muss sich in Deutschland an den leistungsstärksten Bildungssystemen messen – auch an der Veränderungsdynamik dieser Länder. Da bleibt viel zu tun, gerade in Bezug auf Kompetenz, also der Anwendung von Wissen. Die globale Wirtschaft bezahlt die Leute im 21. Jahrhundert nicht mehr für das, was sie wissen, sondern für das, was sie mit diesem Wissen tun. Und das ist ein großer Unterschied. Dieses Konzept der Kompetenz ist in den Bildungsstandards schon gut abgebildet. Aber in der Unterrichtspraxis ist Deutschland da noch relativ weit von entfernt.

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Wie kommt das?

Immer noch wird zu viel Stoff frontal vermittelt und zu wenig wirklich gelernt. Und das sieht man auch an den Pisa-Resultaten sehr deutlich. Deutsche Schüler sind in der Regel besser, wenn Wissen abgefragt wird und haben eher Schwierigkeiten, wenn sie dieses Wissen in neuen, unbekannten Zusammenhängen kreativ anwenden sollen.

In Deutschland ist der Zusammenhang zwischen sozialer Herkunft und Bildungserfolg besonders groß – ein Problem, das uns schon in der ersten Pisa-Studie bescheinigt wurde.

Ich glaube, mit dem Schulsystem hat Deutschland weiterhin zu kämpfen. Der Weg zum zweigliedrigen Schulsystem in vielen Bundesländern ist ein ganz wichtiger Schritt. Aber es werden noch viele junge Menschen, die talentiert sind, auf Schulformen mit minderen Anforderungen abgeschoben. Und das ist nicht allein eine Frage des Systems. Es ist auch die Frage, ob man erkennt, dass gewöhnliche Schüler ungewöhnliche und außergewöhnliche Fähigkeiten haben.

"Ein bequemes System"

Warum tut sich Deutschland da so schwer?

Wenn ich Schüler beispielsweise eine Klasse wiederholen lassen kann, macht das dem Lehrer das Leben leichter. Er kann davon ausgehen, dass jemand anders sich im kommenden Jahr dieses Schülers annimmt. Und ich denke, das ist ein bequemes System. Aber kein System, das sowohl Leistungsdefizite effizient ausgleicht als auch Talente fordert und fördert. Deutschland kann also definitiv in Bezug auf Chancengerechtigkeit besser werden. Aber auch im Bezug auf die Leistungsspitze, die ja heute auch immer wichtiger wird.

Die Pisa-Studie gilt vielen als Sinnbild für standardisiertes und genormtes Wissen – ein ungerechtes Image?

Das ist wirklich absolut falsch. Wer Pisa mit traditionellen Schultests und Wissensquiz vergleicht, der weiß von Pisa wirklich nichts. Das entspricht weder dem Konzept noch dem Test. Bei Pisa können Sie keine einzige Aufgabe mit Abfragewissen beantworten. Es geht bei allen Aufgaben um die kreative Anwendung von Wissen. Gerade da hat Pisa Maßstäbe gesetzt – dass es bei Schulwissen eben nicht allein um Abfragewissen geht.

Wo sehen Sie die Grenzen der Pisa-Studie?

Es ist wichtig, dass wir Pisa nicht isoliert betrachten, sondern innerhalb eines Gesamtspektrums von Instrumenten. Ich brauche als Lehrer im Klassenzimmer nicht nur einen Überblick, wie ich ihn von Pisa bekomme, sondern auch diagnostische Instrumente. Wo kann ich die Stärken und Schwächen jedes einzelnen Schülers erkennen, wie kann ich ihn fördern? Tests und Leistungserfassung zeigen mir die Fragestellung auf – geben mir aber keinen Aufschluss darüber, was ich wirklich tun kann. Dafür brauche ich gute Unterstützungs- und Förderungssysteme. Wenn Instrumente wie Pisa isoliert betrachtet werden, dann haben sie im Grunde auch wenig Wirkung.

Halten Sie es tatsächlich für sinnvoll, sich die Länder, die bei Pisa erfolgreich sind, zum Vorbild zu nehmen?

Vielleicht kann Pisa uns hier auch helfen, Vorurteile auszuräumen und von anderen zu lernen. Das Bild, das man in Deutschland von einem Bildungssystem wie in Shanghai hat, ist arg verzerrt. Da werden Extrembeispiele rausgegriffen. Ich war in vielen Klassenzimmern dort und habe dort wirklich fantastischen, kreativen, konstruktiven Unterricht gesehen – auch stark individualisierten Unterricht. Wie sich Lehrer und Schüler – auch untereinander – umeinander gekümmert haben, das hat mich dort immer besonders beeindruckt. Davon kann Deutschland ganz sicher ganz viel lernen. Man kann solche Systeme nicht kopieren. Aber man kann in Deutschland aus vielen anderen Bildungsansätzen sehr viel lernen. Und das ist ja auch das, was passiert ist. Vieles was hier an Reformen umgesetzt wurde, hat man sich aus anderen Ländern abgeschaut.

Interview: Kerstin Meier

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