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Urananreicherung: Pjöngjangs kalkulierte Enthüllung

Nordkorea hat enthüllt, dass es eine bisher geheime Fabrik zur Urananreicherung besitzt und damit eine neue Runde im Atompoker eingeleitet. Ein US-Experte war vor Ort. Er ist überrascht, wie ausgereift die Anlage ist.

Die nordkoreanische Atomkomplex Yongbyon.
Die nordkoreanische Atomkomplex Yongbyon.
Foto: AFP
Washington –  

Bei einem Besuch im Atomkomplex Yongbyon hatte das Regime in Pjöngjang die Anlage dem US-Nuklearwissenschaftler Siegfried Hecker am 12. November vorgeführt. Laut Hecker produzieren dort nach nordkoreanischen Angaben 2000 Zentrifugen niedrig angereichertes Uran mit einem Reinheitsgrad von 3,5 Prozent. Das Uran solle als Brennstoff in einem zivilen Atomkraftwerk verwendet werden, dessen Bau Pjöngjang schon im Frühjahr angekündigt hatte.

Er selbst habe die Angaben nicht überprüfen können, schrieb der frühere Direktor des US-Atomwaffenlabors Los Alamos in einem Bericht, aus dem US-Medien am Sonntag zitierten. Er habe aber hunderte Zentrifugen gesehen und sei verblüfft gewesen über die Ausgereiftheit der Anlage. Der „erstaunlich moderne Kontrollraum“ würde auch „in jede moderne amerikanische Aufbereitungsanlage passen“.

In der Vergangenheit hatte vor allem das Plutonium-Programm Nordkoreas die internationale Gemeinschaft beschäftigt. Pjöngjang verfügt nach Erkenntnissen westlicher Geheimdienste aus seinem Reaktor in Yongbyon über waffenfähiges Plutonium für rund ein Dutzend Atombomben und hatte 2006 und 2009 unterirdische Atomtests durchgeführt. Seither gilt das Land als inoffizielle Atommacht. 2003 hatten die USA Nordkorea erstmals vorgeworfen, seit Mitte der 1990er Jahre auch ein geheimes Programm zur Urananreicherung zu betreiben. Hoch angereichertes Uran kann ebenfalls zum Bau von Atomwaffen verwendet werden. Laut dem US-Atomwissenschaftler David Albright vermuteten US-Geheimdienste schon lange, dass Nordkorea geheime Anlagen zur Urananreicherung betreibt.

Das Regime hatte offenbar Hilfe aus dem Ausland

Die jetzt Hecker vorgeführte Zentrifugen-Anlage auf dem Areal Yongbyons wurde offenbar erst jüngst errichtet. Laut New York Times hatte sie nicht existiert, als internationale Inspektoren im April 2009 Nordkorea verlassen mussten. In Geheimdienstkreisen geht man daher davon aus, dass Nordkorea trotz UN-Sanktionen Hilfe aus dem Ausland hatte. Ein hoher US-Beamter wurde mit den Worten zitiert, „sehr wahrscheinlich“ gebe es in Nordkorea noch andere geheime Anlagen zur Urananreicherung.

Warum Pjöngjang die Anlage jetzt vorgeführt hat, darüber spekuliert Washington ebenfalls. Vermutet werden etwa innenpolitische Gründe im Zusammenhang mit geplanten Veränderungen in der Führungsriege des Regimes. Diktator Kim Jong Il bereitet nach Ansicht von Beobachtern die Machtübergabe an seinen Sohn Kim Jong Un vor.

Vor allem aber wird die „kalkulierte Enthüllung“ (New York Times) in den USA als Manöver im Atompoker betrachtet. Zuletzt hatte Nordkorea angeblich über diplomatische Kanäle Interesse bekundet, die nach dem Atomtest 2009 abgebrochenen Sechser-Gespräche über sein Atomprogramm mit den USA, China, Japan, Russland und Südkorea wieder aufzunehmen. In der Vergangenheit hatte Nordkorea bei diesen Verhandlungen im Gegenzug für die Stillegung umstrittener Atomanlagen immer wieder umfangreiche Hilfen bekommen.

Nach dieser Logik könnte die Uran-Anlage als neues Druckmittel bei künftigen Verhandlungen dienen. „Es ist typisch für Nordkorea, zu sehen, ob wir sie belohnen werden“, ließ sich ein hoher US-Beamter zitieren. Bei seinem Besuch in Yongbyon war Hecker auch unterrichtet worden, dass Pjöngjang mit dem Bau eines „experimentellen Leichtwasserreaktors“ begonnen habe.

Die US-Regierung, die laut New York Times von Hecker vertraulich über die neue Entwicklung informiert worden war, schickte am Wochenende den US-Sondergesandten für Nordkorea, Stephan Bosworth, nach Asien. Neue Verhandlungen mit Pjöngjang sind derzeit nicht in Sicht.

Autor:  Dietmar Ostermann
Datum:  22 | 11 | 2010
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