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Politikwissenschaftler im Interview: Protestierern fehlt Rückhalt in Ägypten

Aurel Croissant über die Macht des Militärs in Ägypten, Momente des kollektiven Wahnsinns und die hohen Erwartungen der Protestbewegung.

        

Aurel Croissant, Politologe, forscht  zu zivil-militärischen Beziehungen in Demokratisierungsprozessen.
Aurel Croissant, Politologe, forscht zu zivil-militärischen Beziehungen in Demokratisierungsprozessen.
Foto: privat

Herr Aurel, waren die Probleme beim Aufbau einer Demokratie in Ägypten absehbar?

Ja, die Chancen standen hoch, dass das Militär die Revolution nutzen würde, um seine Interessen abzusichern. Das Militär ist nicht genuin ein Demokratieunterstützer. Zudem zeigt sich, dass die Protestierer eine schwache Gruppe in der Gesellschaft sind. Der sogenannten Generation Facebook fehlt der breite Rückhalt.

Was ist schief gelaufen?

Transitionsprozesse sind hochkomplex, umso mehr, wenn sie mit einer revolutionären Massenmobilisierung eingeleitet werden. In Ägypten waren die Voraussetzungen doppelt schlecht. Zum einen hat der Sturz Mubaraks zu einer politischen Aufwertung des Militärs geführt, weil es der entscheidende Akteur war. Die Generäle waren es, die Mubarak den Gehorsam verweigert und einen verhältnismäßig unblutigen Putsch durchgeführt haben. Nicht nur in Ägypten, auch im Ausland wurde das Militär deshalb begrüßt. Als das alte Regime kollabierte, wurde die Stelle der Macht frei, in die das Militär nun hineindrängt. Aus Lateinamerika oder Südostasien wissen wir, dass das problematisch ist. Zum anderen war die ägyptische Revolution eine Massenmobilisierung der Straße. So etwas funktioniert, wenn es – wie in Ostdeutschland 1989 – friedliche Proteste gibt. Was wir in Ägypten sehen konnten, nennen wir Momente des kollektiven Wahnsinns. Der politische Prozess wurde von den Institutionen auf die Straße verlagert. Die Erwartungen der Protestbewegung sind hoch und nicht so schnell realisierbar. Dadurch steigt der Unmut der Bevölkerung.

Demonstranten harren auf Tahrir-Platz aus

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Gestürzte Tyrannen aus zwei Jahrzehnten

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Ist die Lage in Ägypten mit anderen Ländern vergleichbar ?

In den vergangenen 20 Jahren gab es eine Reihe ähnlicher Konstellationen – nur haben die meist einen anderen Ausgang genommen, zum Beispiel in Indonesien. Dort war die Zivilgesellschaft stärker und der politische Islam moderater. Bei der ägyptischen Muslimbruderschaft ist es schwierig, zu beurteilen, ob sie ein aufrichtiges Interesse an einer liberalen Demokratie hat. Ägypten steuert auf eine vom Militär bevormundete formal zivile Herrschaft zu.

Kann die internationale Gemeinschaft dem Militär Einhalt gebieten?

Die Einflussmöglichkeiten sind beschränkt. Das liegt unter anderem an Ägyptens geostrategischer Lage, nicht am Rande der arabischen Welt wie Tunesien, und in direkter Nachbarschaft zu Israel. Washington oder Brüssel werden schon allein deshalb nicht so einfach mit den Generälen brechen.

Ist der Demokratisierungsprozess vor den Wahlen gescheitert?

Es hat zunächst große Fortschritte gegeben. Die Einschätzung, dass die disorganisierte und apathische Gesellschaft in der arabischen Welt nicht fähig ist, ihre korrupten Diktaturen abzuschütteln, war falsch. Die Menschen sind gewillt gegen Missstände und kleptokratische Herrscher zu protestieren. Zudem waren es nicht die Islamisten, die diese Proteste initiiert haben, sondern eine breite gesellschaftliche Schicht mit säkularen Slogans. Aus so einer Volksbewegung kann nicht über Nacht eine funktionierende Demokratie werden. Vielleicht waren wir zu optimistisch. Die politische Mobilisierung der Menschen aber wird bleiben.

Interview: Anne Lena Mösken

Datum:  22 | 11 | 2011
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