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Politikwissenschaftler Klaus Schroeder: "Die Verklärung nimmt zu"

Politikwissenschaftler Klaus Schroeder spricht im Interview mit der Frankfurter Rundschau über das Geschichtsbild der Jugend in Ost und West.

Klaus Schroeder ist Politikwissenschaftler an der FU Berlin. Der 60-Jährige leitet den Forschungsverbund SED-Staat, der sich mit der deutschen Teilungsgeschichte und dem Wiedervereinigungsprozess auseinandersetzt.
Klaus Schroeder ist Politikwissenschaftler an der FU Berlin. Der 60-Jährige leitet den Forschungsverbund SED-Staat, der sich mit der deutschen Teilungsgeschichte und dem Wiedervereinigungsprozess auseinandersetzt.
Foto: privat

Herr Schroeder, Sie haben 2007 mehr als 5000 Schüler in ganz Deutschland zu ihrem DDR-Bild befragt. Was ist so spannend an dem Thema?

Uns interessierte, inwieweit das Geschichtsbild junger Menschen in Ost und West zusammengewachsen ist. Da diese Generation die DDR nicht mehr miterlebt hat, rechneten wir mit einem einheitlichen Bild. Doch es kam anders. In Berlin, Brandenburg, Nordrhein-Westfalen und Bayern unterschieden sich die Geschichtsauffassungen genau wie in der Elterngeneration.

Zur Person

Klaus Schroeder ist Politikwissenschaftler an der FU Berlin. Der 60-Jährige leitet den Forschungsverbund SED-Staat, der sich mit der deutschen Teilungsgeschichte und dem Wiedervereinigungsprozess auseinandersetzt.

Gemeinsam mit Mitarbeiterin Monika Deutz-Schroeder brachte er 2007 die Studie "Soziales Paradies oder Stasi-Staat? Das DDR-Bild von Schülern - Ein Ost-West-Vergleich" heraus.

Wer hat Schuld?

Die Schulen haben versagt. Außer in Bayern wurde das Thema nicht behandelt. Das DDR-Bild der Schüler resultiert also lediglich aus Erzählungen der Eltern, der Verwandten und aus Filmen wie "Good Bye, Lenin", "Sonnenallee" und "Das Leben der Anderen". Ohne konkretes Wissen wird sich irgendetwas zusammengereimt. Dabei gibt es nirgendwo sonst so einen engen Zusammenhang zwischen Kenntnissen und Urteil, wie beim Thema Geschichte: Je mehr Schüler wissen, desto kritischer sind sie. Kenntnis drängt das aufgeschnappte Gerede zurück.

Bei den Ergebnissen gibt es regionale Unterschiede.

Da die Lehrer im Osten das Thema besonders ungern behandeln, wissen die Jugendlichen dort am wenigsten. Viele können Demokratie und Diktatur nicht auseinanderhalten, nur jeder Dritte wusste, dass es in der DDR keine demokratischen Wahlen gab. Es gab tatsächlich Schüler, die sagten, die DDR sei eine Demokratie gewesen, weil sie "Deutsche Demokratische Republik" hieß.

Welche Gefahren bringt diese Unwissenheit mit sich?

Jugendliche wissen generell immer weniger, verlieren den Bezug zu Freiheit und Demokratie. Das macht sie anfälliger für irgendwelche Diktaturen, die mit Verheißungen locken. Akzeptiert werden kann alles unterhalb der Demokratie-Gefährdung, danach hört der Spaß für mich auf.

Haben die Kultusministerien reagiert und Maßnahmen ergriffen?

Brandenburg hat nach der Studie groß getönt, aber dann ist nichts passiert. Berlin hat versucht, die Studie mit obskuren Argumenten schlechtzumachen, weil sie nichts ändern wollen. Nur zwei Länder haben reagiert und sich ins Zeug gelegt. Sachsen-Anhalt hat die Angelegenheit zur Chefsache erklärt, und auch in Baden-Württemberg hat sich etwas getan, weil dem dortigen Kultusminister die DDR am Herzen liegt. Die anderen Bundesländer haben sich weggeduckt.

Wie sollten sich Ihrer Meinung nach die Geschichts-Lehrpläne ändern?

Weniger Mittelalter, mehr Zeitgeschichte. Außerdem muss der Geschichtsunterricht lebendiger gestaltet werden, indem man zum Beispiel Gedenkstätten besucht und Zeitzeugen einlädt. Auch das NS-System haben wir schließlich irgendwann zu verarbeiten angefangen.

Braucht es noch ein Jahrzehnt, damit die Verdrängung der Verarbeitung weicht?

Das befürchte ich. Die Verklärung nimmt in den letzten Jahren eher zu, was mit den Frustrationen über die Wiedervereinigung zusammenhängt. Denn diejenigen, die die DDR verklären, sind meist Fundamentalkritiker der Vereinigung.

Wie ist es denn um die geistige Einigung Deutschlands bestellt?

Vor allem im Osten gibt es immer noch starke Vorbehalte gegen alles Fremde. Die wechselseitigen Vorurteile machen mir richtig Sorgen. Die Leute kapieren einfach nicht, dass man in den unterschiedlichen Systemen verschieden leben musste. Stattdessen wirft man sich ebendies wechselseitig vor; Misstrauen und Ablehnung werden immer größer.

Immerhin haben wir eine ostdeutsche Kanzlerin.

Ja, aber auch das hat nicht gefruchtet. Denn der Osten kritisiert Frau Merkel gleich wieder, sie sei gar keine Ostlerin, weil sie nicht immer das Ostschild vor sich herträgt. Es sind menschliche Begegnungen, also Patenschaften und Schulaustausch, die das Verhältnis auflockern, doch das kann man natürlich nicht für 82 Millionen machen. Vielleicht müsste man das Ganze im Fernsehen, in den Medien noch stärker betonen: Um sich endlich gegenseitig zuzuhören und das Anderssein zu akzeptieren.

Interview: Malina Opitz

Datum:  8 | 11 | 2009
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