Wiesbaden. Die Flasche Wodka-Mix ist noch halbvoll. Frank F. (Name geändert) setzt an - und trinkt innerhalb einer Minute auf ex. Der schmächtige 16-Jährige aus Wiesbaden hat auf dem Fest schon "vorgeglüht". Das zeigt der Alkoholtest, den das Eingreifteam von Polizei und Ordnungsamt vornimmt: 0,8 Promille. Wahrscheinlich ein, zwei Bier aus dem Sixpack.
Kurz darauf setzt bei Frank die Wirkung des Hochprozentigen ein, der Alkohol geht schnell ins Blut, und der Magen rebelliert. Im Sanitätszelt, in das das Team den Jugendlichen gebracht hat, übergibt er sich mehrfach. Frank muss ins Krankenhaus, zur Ausnüchterung unter ärztlicher Aufsicht.
"Druckbetankung" heißt das Phänomen unter Jugendlichen, das Polizei, Rettungsdienste und Krankenhäuser mächtig auf Trab hält, und nicht nur bei Festen. "Freitagabends geht es mit dem Saufen los", sagt der Wiesbadener Polizeihauptkommissar Claus Konhäuser.
Manche Supermärkte haben bis 22 Uhr auf. Es sind beliebte Treffpunkte für Mädchen und Jungen, die den Kick suchen oder Stress abbauen wollen, den sie mit Schule oder Eltern haben. Kurz vor Ladenschluss wird noch Schnaps gekauft. Konhäuser: "Das ist wie das Signal ,Last Orders' im englischen Pub."
Wer es mit den Mengen übertreibt, säuft sich ins Koma
Die Gefahr: Manche verlieren beim Sturztrinken urplötzlich die Kontrolle. Anders als beim langsamen Trinken stellt sich bei der "Druckbetankung" keine Übelkeit ein. Und wer es mit den Mengen übertreibt, säuft sich ins Koma.
Wiesbaden ist nur ein Beispiel. Ob in der Großstadt, ob auf dem Land - überall dasselbe, sagt Konhäuser. In den Cliquen alkoholisierter Jugendlicher geht es rund. Gegröle, Streit, Randale, manchmal gemeinsame Klau-Touren, um sich Geld für mehr Alkohol zu besorgen.
Auch Hessens noble, gutbürgerliche Landeshauptstadt ist davor nicht gefeit. Sogar das "Theatrium", ein Traditionsfest am Staatstheater mit bis zu 500.000 Besuchern, geriet wegen abendlicher Randale in Verruf.
Seit zwei Jahren versuchen Stadt und Polizei, die Promillepegel zu drücken. Beim jüngsten Theatrium Anfang Juni war die Partyzone aufwändig trockengelegt: Wer dahin wollte, wo Bands und DJs einheizten, musste am Sicherheitsdienst vorbei, der die Jugendlichen auf "Sprit" kontrollierte. Zudem sprach das sechsköpfige Jugendschutz-Team von Stadt und Polizei Jugendliche an, die Bier, Wein oder Hochprozentiges dabei hatten - oft in "unauffällige" Cola-Flaschen umgefüllt.
"Wir wollten den Alkohol konfiszieren", sagt Polizistin Sabine Sonnberg, die das Präventionsprojekt HaLT (Hart am Limit) koordiniert. Die Eltern, die gleich angerufen wurden, sollten mit ihren Kindern auch die Flaschen abholen. Aber: "Die meisten Jugendlichen kippten das Zeug gleich weg". In den Gulli statt in den Magen.
Aber Sonnberg und Co. machten nicht nur Druck. Sie verteilten auch "Kotztüten", die als Gutschein einsetzbar waren. Wer sie am Chill-Out-Zelt ablieferte, bekam eine Flasche Bionade gratis. Aber nur, wenn die Tüte leer war. Die Taktik ging auf: Frank F. war der einzige, der sich so "betankte", dass er ins Krankenhaus musste.
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