Bisher agierte Ahmet Davutoglu meist im Hintergrund, jetzt tritt er ins Rampenlicht: Vom außenpolitischen Chefberater des türkischen Ministerpräsidenten Tayyip Erdogan avanciert Davutoglu zum Außenminister und damit zum Chefdiplomaten. Schon in seiner bisherigen Funktion unternahm der 50 Jahre alte Politikprofessor manch heikle diplomatische Mission. Davotuglu bahnte im vergangenen Jahr die indirekten Friedensgespräche zwischen Israel und Syrien an. Auch die Annäherung der Türkei an den "Erbfeind" Armenien trägt seine Handschrift.
Davutoglu gilt als Architekt der neuen türkischen Außenpolitik, die auf engere Kontakte zu den nahöstlichen Nachbarn und der islamischen Welt zielt. Er sieht sein Land als Ordnungsmacht, die "die Verhältnisse in der Region formt". Die Spannungen, die es in den vergangenen Jahren mehrfach zwischen Premier und Außenministerium gab, dürften mit Davutoglus Berufung der Vergangenheit angehören. Beide Männer ergänzen sich. Hier der emotionale Vollblutpolitiker Erdogan, der manchmal übers Ziel hinausschießt, dort der nüchterne Stratege Davutoglu, der stets rational zu handeln scheint. Beide personifizieren auf unterschiedliche Art eine zunehmend selbstbewusst auftretende Türkei, die in die Rolle einer Regionalmacht hineinzuwachsen beginnt und nicht nur den Europäern sondern auch den USA auf Augenhöhe begegnet. Bei einem Vortrag in der Princeton University in den USA sagte Davutoglu kürzlich, der Türkei sage man bisher "starke Muskeln, einen schwachen Magen, ein krankes Herz und mittelmäßigen Verstand nach". Diesen Stereotypen setzte Davutoglu das Bild einer neuen Türkei entgegen, die "maximale Kooperation" mit ihren Nachbarn suche und eine Schlüsselrolle in der Region übernehmen wolle.
Der 1959 im zentralanatolischen Konya geborene Davutoglu besuchte eine deutsche Schule in Istanbul und studierte an der Bosporus-Universität Ökonomie und Politische Wissenschaften. Schon als Akademiker widmete er sich dem Spannungsverhältnis zwischen Orient und Okzident. In seinen Arbeiten findet sich vieles von dem, was er als Politiker umzusetzen versucht. Manche Kritiker sprechen bereits von einer "neo-osmanischen" Außenpolitik. Skepsis gibt es vor allem im Westen, zumal Davutoglu keine Berührungsängste kennt, wenn es um Kontakte zu Parias wie der Hamas oder den iranischen Mullahs geht.
Dass sein Land gleichzeitig engere Beziehungen zum Westen und zu seinen islamischen Nachbarn sucht, ist für den neuen Außenminister in Ankara allerdings kein Widerspruch. Die Türkei könne "in Europa europäisch sein und im Orient orientalisch", sagt Ahmet Davutoglu, "denn sie ist beides."
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