Der Mann mit den im Ansatz schon leicht ergrauten Schläfen ist Amateur, aber kein Anfänger. Am Wochenende wurde der 40-jährigen Jens Seipenbusch zum Vorsitzenden der Piratenpartei gewählt. Zum zweiten Mal bereits. Zwischen Mai 2007 und Mai 2008 war er bereits Chefpirat. Jetzt kämpft Seipenbusch, hauptberuflich Systemadministrator an der Universität Münster, erstmals in einem Bundestagswahlkampf um Stimmen - und gegen Vorurteile.
Beharrlich hält sich der Vorwurf, die Piraten stünden für kostenlose Downloads und sonst nicht viel. Schlimmstenfalls wird ihnen eine Nähe zu pädophilen Straftätern angedichtet, weil sie vehement gegen die Sperrung von Internetseiten sind, mit der die Bundesregierung die Verbreitung von Kinderpornografie im Netz erschweren will. Der Oberpirat muss also dicke Bretter bohren.
Staat und Wirtschaft würden bei Datensammelwut und Ausspähen der Bürger doch Hand in Hand arbeiten, sagt der gebürtige Wuppertaler, der den Altersschnitt der Parteimitglieder auch optisch anhebt. Seine Piraten sieht er als Wortführer der "Digital Natives", der kommenden Generationen, die mit dem Internet aufwachsen werden. "Irgendjemand muss diese Diskussion ja führen."
Den etablierten Parteien traut der studierte Physiker das nicht zu. Union und SPD gelten spätestens seit Verabschiedung des Zugangserschwerungsgesetzes, also der Internet-Sperren, bei Netz-Aktivisten als "unwählbar". Auch für die anderen Parteien hat Seipenbusch kein gutes Wort: "Was von der FDP zu halten ist, weiß man spätestens, seit Sabine Leutheusser-Schnarrenberger wegen des großen Lauschangriffs zurückgetreten ist. Die Grünen sind eine strukturell konservative Partei mit ganz anderen Interessen. Die Linke war ursprünglich nur eine Protestbewegung. Da sind wir ja viel mehr Partei als die."
Das sagt einer, der vor der Kamera am liebsten mit Dreitagebart und T-Shirt auftritt. Der gern gegen die "teils lobbygetränkten, abgezockten Berufspolitiker" lästert. Der sich in Interviews schnell mal in Nebensätzen verheddert und trotzdem als besserer Rhetoriker gilt als sein Vorgänger. Die Gefahr besteht, dass er bei denen, die der Partei ideologisch sowieso nahestehen, als authentisch durchgeht, bei allen anderen aber als unseriös.
Seipenbusch muss die Piraten nun zügig in für sie unbekannte Gewässer führen: Raus aus dem Internet, rein in die Fußgängerzonen. Er muss mit finanziell beschränkten Mitteln einen ernsthaften Wahlkampf führen und dafür sorgen, dass seine Partei den Ruf einer Spaß- und Protesttruppe abstreift. Andernfalls dürfte das erklärte Ziel, das Überschreiten der Fünf-Prozent-Hürde, in weiter Ferne bleiben. Für einen Nebenjob ist das ziemlich viel Arbeit.
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