Selbst die persönliche Schwäche verwandelt sich noch in politische Stärke. Als Antanas Mockus, 58, von einem Journalisten gefragt wurde, warum ihm die Hand so zittere, ging er kurzerhand in die Offensive: Die Ärzte hätten bei ihm Parkinson im Frühstadium festgestellt. Er könne zwar noch jahrelang unbehindert arbeiten, aber der Wähler solle trotzdem von seiner Krankheit wissen. Geschadet hat es ihm nicht. Er hat Parkinson, aber zittern tun die anderen, kalauerte die Presse.
Mockus bewirbt sich um die Nachfolge von Álvaro Uribe, dem Präsidenten von Kolumbien. Am 30. Mai wird gewählt. Im April nun legte Mockus in den Umfragen von neun auf mindestens 20 Prozent zu. Favorit Juan Manuel Santos sackte in der gleichen Zeit von 36 auf 30 Prozent ab. Santos war bisher Uribes Verteidigungsminister, er will den militärischen Kurs gegen die Guerilla fortsetzen. Das ist zwar, trotz übelster Menschenrechtsverletzungen, populär in Kolumbien, dennoch legt Mockus atemberaubend zu.
Der Sohn litauischer Einwanderer konnte mit zwei Jahren lesen und galt als Wunderkind. Er studierte in Frankreich und Kolumbien Mathematik und Philosophie, wurde Professor und Hochschulrektor. Als ihn einmal Studenten nicht zu Wort kommen ließen, entblößte er seinen Hintern.
Man könnte ihn als Politclown, als Sponti, als Hanswurst abqualifizieren. Er hat seine Frau auf einem Elefanten geheiratet, er trug Supermann-Kostüme und Käse-Hüte, und als Bürgermeister von Bogotá trat er, mit knappem Slip bekleidet, als Herold des sparsamen Wasserverbrauchs öffentlich unter die Dusche.
Zweimal regierte er, mit großem Erfolg, die Hauptstadt Kolumbiens. Er brachte Autofahrer dazu, Bürgersteige und Zebrastreifen zu beachten, die Einführung einer Sperrstunde senkte die Mord-Zahlen, viele Betuchte zahlten auf seinen Appell hin freiwillig mehr Steuern. Sein bekanntester Erfolg ist der Transmilenio, ein Bus-System, das den chaotischen Verkehr Bogotás entzerrte.
Mockus tritt für die Grünen an, er steht für eine bürgernahe, transparente Politik, die sich an moralischen Prinzipien orientiert und die Winkelzüge der politischen Klasse verabscheut. Bei den Kolumbianern, die den hasserfüllten, militärisch-harten Diskurs der acht Uribe-Jahre satt haben, kommt das gut an, vor allem bei den jungen. Der Regierungsstil hat in Kolumbien schon immer eine größere Rolle gespielt als der in Europa so wichtige Links-rechts-Gegensatz. Aber viele fragen sich freilich auch, wie der gute Mensch von Bogotá mit Hugo Chávez umgehen würde. Oder mit den Guerilla-Truppen im Lande. Oder mit der Kokain-Mafia. Oder mit den rechtsextremen Paramilitärs.
Nachrichten aus der Politik, Kommentare, Doku und Debatten

Damir Fras ist unser US-Korrespondent
Olivia Schoeller berichtete zuvor aus Washington
Daniel Haufler ist Redakteur im Ressort Meinung
Countdown für Obama - das Weblog zur US-Wahl
Bleibt Barack Obama Präsident der USA? Oder macht Mitt Romney von den konkurrierenden Republikanern das Rennen?
US-Wahl-Spezial mit Analyse und Hintergrund
Interaktive Karte zu den Vorwahlen der Republikaner
Exklusive Reportagereise durch den Wahlkampf
Weblog der USA-Experten unserer Redaktion
Bombardiert Israel die iranischen Atomanlagen? Weitet sich der Konflikt zum Regionalkrieg aus? Werden gar die USA hineingezogen? Die Lage in Nahost spitzt sich dramatisch zu. Das Spezial.
Ihr Wunsch-Bundespräsident Wulff scheitert, sie muss Gauck als Nachfolger hinnehmen, ihre Mehrheit steht im Bundestag nicht mehr hinter ihr: Die Autorität von Bundeskanzlerin Merkel schwindet. Das Spezial.
Manchmal sind es die kleinen, schönen Dinge am Rande, die beeindrucken. Die zeigen wir in unseren Bildern des Tages.