Vor einigen Wochen servierte der Dalai Lama in einem US-amerikanischen Obdachlosenheim das Mittagessen. Es gab Pasta mit Pesto und dazu eine Kostprobe, warum der 74-jährige Mönch einer der beliebtesten Menschen des Planeten ist. "Wissen Sie, ich bin auch heimatlos", scherzte er in die Runde der Penner und lachte dabei so herzlich und mitreißend, dass selbst diejenigen einstimmten, die weder sein holpriges Englisch noch die Anspielung auf sein Exil verstanden hatten.
In der Regel sind derartige Suppenküchentermine das Spielfeld von Politikern im Wahlkampf oder Promis bei der Imagesanierung. Doch das tibetische Religionsoberhaupt absolviert sie mit der gleichen Ernsthaftigkeit. Seit fünf Jahrzehnten ist sein Leben eine einzige Öffentlichkeitskampagne für sich und seine Sache: die politische oder zumindest kulturelle Freiheit der Tibeter.
Diese Woche macht er wieder einmal in Deutschland Station, und wie immer, wenn der Dalai Lama in Erscheinung tritt, wird auch hier viel gelacht werden. Humor gehört zu seiner Lehre wie Buddhas und Mandalas. "Die Kunst des Lebens", lautet das Motto seiner viertägigen Unterweisung in der Frankfurter Commerzbank-Arena.
Wo sonst Fußballspiele oder Popkonzerte stattfinden, versprechen die Veranstalter nun "einen Impuls, der Ihnen neue Kraft im Alltag gibt". Neben Buddhismus spricht der Dalai Lama auch über Hirnforschung, die Wirtschaftskrise, Klimawandel und Armutsbekämpfung. Diese Mischung aus Spiritualität, Politik und Wissenschaft ist ein bewährtes Programm, mit dem der Friedensnobelpreisträger schon in dutzenden Stadien vor Millionen Menschen aufgetreten ist.
Der bescheidene Mann in der roten Kutte und der zeitlos unmodischen Brille hat alles, was einen Superstar ausmacht und gilt trotzdem als Gegenentwurf zum globalen Entertainment- und Erleuchtungszirkus.
Denn der Dalai Lama ist eine Jahrhundertpersönlichkeit. Alle großen Themen unserer Zeit spiegeln sich in ihm wider. Dass er 1959 vor den Kommunisten aus seiner Heimat ins indische Exil floh, machte ihn zu einer Symbolgestalt des Kalten Kriegs und gleichzeitig zu einer Ikone des Pazifismus.
Dank seines persönlichen Charismas und Engagements wurde die Tibetfrage nicht nur zu einem Konflikt von weltpolitischer Bedeutung, sondern auch zu einem Exempel, an dem sich die Meinungen darüber bilden, wie sich westliche Wertevorstellungen über Menschenrechten und Demokratie mit den wirtschaftlichen und politischen Zwängen der Globalisierung vereinbaren lassen.
Er symbolisiert den Kampf der Armen und Schwachen gegen die Reichen und Mächtigen. Er verkörpert die moderne Sinnsuche zwischen Religion und Wissenschaft. Er steht für die Probleme, Tradition und Fortschritt miteinander zu vereinbaren. Der Dalai Lama ist ein Mikrokosmos der großen Fragen der Moderne.
Er hat sich diese Rolle nicht selbst gewählt. Aber er füllt sie perfekt aus. 1935 unter dem Namen Lhamo Dhondrub als Sohn armer Bauern geboren, wurde er im Alter von zwei Jahren als 14. Reinkarnation des Dalai Lama ausgewählt, des religiösen und politischen Oberhaupts der Tibeter.
In Lhasa wurde er einer strengen religiösen Erziehung unterworfen. Als er gerade fünfzehn war, gliederte Mao Zedong Tibet in die Volksrepublik China ein. Der große Vorsitzende umschmeichelte den jungen Geistlichen und versuchte ihn zum Kommunismus zu bekehren, zunächst sogar mit Erfolg.
Doch als der Dalai Lama erkannte, wie der real existierende Sozialismus die Kultur seiner Heimat umzukrempeln versuchte, wurde er zum Anwalt der tibetischen Selbständigkeit. Für Peking wurde er damit zur Feindfigur, und als die Volksbefreiungsarmee im März 1959 einen Tibeteraufstand brutal niederschlug, überredete ihn seine Gefolgschaft zur Flucht nach Indien, wo er im Bergdorf Dharamsala eine Exilregierung gründete.
Unter normalen Umständen hätte die tibetische Unabhängigkeitsbewegung dort wohl ein schnelles und ruhmloses Ende gefunden. Denn Tibets jahrhunderte altes Feudalsystem passte eigentlich so wenig in die moderne Welt, dass es bisweilen sogar mit der Mullah-Herrschaft im Iran verglichen wird - eine Parallele, mit der sich vergangenes Jahr eine deutsche Politikerin der Linken bei einer Debatte in der Hamburger Bürgerschaft unrühmliche Minutenprominenz verschaffte.
Schließlich ist es dem Dalai Lama gelungen, das de facto entmachtete Herrschaftssystem so zu reformieren, dass es heute wie eine Demokratie mit tibetischen Traditionen erscheint.
Im Westen erwies sich die Mischung aus antikommunistischem Widerstandskampf, buddhistischer Kultur und Himalaja-Romantik als interessante Nebenhandlung der großen Weltpolitik und der Dalai Lama als eine Persönlichkeit, mit der sich Prominente und Politiker gerne umgaben und den sie bereitwillig "Eure Heiligkeit" nannten.
Der in weitgehender Isolation aufgewachsene Mönch entpuppte sich schnell als medienpolitisches Ausnahmetalent und als das einzige Original in einer Welt voller Selbstdarsteller und Möchtegerns. Nie erlag er der Versuchung, sich als Missionar zu betätigen. Bei seinen Veranstaltungen weist er bis heute stets darauf hin, dass die Menschen ihren spirituellen Halt lieber in ihren eigenen Religionen und Traditionen suchen sollten, statt ihre Hoffnungen in eine neue Glaubensrichtung zu setzen.
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Damir Fras ist unser US-Korrespondent
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