Auf den ersten Blick bastelt Ricardo Dominguez an einem Meisterwerk des zivilen Ungehorsams. Der Dozent für Bildende Kunst an der University of California in San Diego will Mexikanern helfen, einen illegalen Grenzübertritt in die USA zu überleben - mit einer von ihm erfundenen Handy-Software. Die soll Flüchtlinge per GPS zu Wasserstellen in der Wüste führen und kann ihnen helfen, sich vor US-Grenzern zu verstecken.
Auf den zweiten Blick ist das alles nicht so eindeutig. Zwar ist Dominguez ein erfahrener Ungehorsamer. Als Mitbegründer des Electronic Disturbance Theaters hat er seit Ende der 90er Jahre Attacken auf Computernetzwerke der US-Regierung und der mexikanischen Regierung initiiert. Damit wollte Dominguez gegen das harte staatliche Vorgehen gegen die mexikanischen Zapatisten protestieren. Seine Fluchthelfer-Applikation jedoch ist alles andere als ein reines Revoluzzer-Werkzeug.
Zunächst einmal baut das Team um Dominguez die Applikation in billige, aber GPS-fähige Handys ein, die dann an Hilfsorganisationen verteilt werden sollen, die diese an Fluchtwillige aushändigen können. "Mitte Juli wird unser Transborder Immigrant Tool einsatzbereit sein", verspricht Dominguez. Macht er sich damit nicht wegen Beihilfe zum illegalen Grenzübertritt strafbar? Ein Verfassungsrechtler, sagt Dominguez, habe die App als "fast illegal" bezeichnet. Ob ein Richter sie für vollständig illegal halten wird, wartet er ab.
Der 50-Jährige versteht sich in erster Linie als Künstler - und das schlägt sich auch in der Software nieder. Potenziell überlebenswichtig ist zwar die Funktion, die Lage von Wasser- und Versorgungsstellen anzuzeigen. Doch das Programm soll auch geistige Nahrung liefern. Eine Dichterin hat dafür Haikus geschrieben, die dem Flüchtling in der Not Trost spenden sollen. "Geo-Poesie" nennt Dominguez das.
Die Geräte sollen außerdem Stützpunkte der US-Grenzpatrouillen anzeigen. Das macht es Flüchtlingen leichter, sie zu umgehen. Dominguez leugnet das nicht, betont aber, dass er Leben retten will. Die Grenzschützer seien für viele Verirrte in der Wüste die letzte Rettung. Auch sonst nimmt er gerne die Hilfe der US-Regierung in Anspruch: Für die Präsentation ihrer Idee bekam die Dominguez-Gruppe 2007 den Transnational Communities Award, überreicht von der US-Botschaft in Mexiko. Das Preisgeld bildete ihr Startkapital.
Manchen Verfechtern einer harten Einwanderungspolitik ist der Plan ein Dorn im Auge. "Wir bekommen fast täglich Droh-Mails", erzählt Dominguez, "sie zeigen die gefährliche Stimmung gegenüber "papierlosen Immigranten" in diesem Land."
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Damir Fras ist unser US-Korrespondent
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