Das Opfer: Hans-Martin Schulze, 24 Jahre alt, Pharmazie-Praktikant aus Oldenburg, Kandidat bei der Pro-Sieben-Samstagabend-Show "Schlag den Raab" und derzeit wohl einer der meistgehassten Menschen im deutschsprachigen Web 2.0. Die Täter: Gwendolin, alexcarn, drcox1882 und tausende, zumeist anonyme Internetnutzer, die den jungen Mann am vergangenen Wochenende auf Twitter, Youtube, Studivz oder Facebook in Echtzeit durch das soziale Netz fallen ließen. Dies ist ein Portrait über Webmobbing.
Hans-Martin Schulze gegen Stefan Raab, das war anfangs noch ein TV-Duell, eines, das diesen Namen auch wirklich verdiente, aber am Ende keines wie die vielen anderen in der Geschichte des quotenreichen Erfolgformats. Mit jedem der 15 Wettkämpfe, in denen der Herausforderer gegen den entnervten Entertainer stichelte und provozierte, verlor er in der Gunst des Studiopublikums. Und als er gegen Mitternacht seinen Geldkoffer, immerhin 500.000 Euro schwer, in den Händen hielt, wurde er gnadenlos ausgebuht.
Doch das war allenfalls ein laues Lüftchen im Vergleich zu dem Sturm der Entrüstung, der bereits durch die vernetzte Welt fegte.
Schon während der Livesendung entstand das Twitter-Schlagwort "#hassmartin", im Sekundentakt liefen dort kübelweise Häme und übelste Beschimpfungen im Microblogformat ein. Die Gruppe "Ich könnte Hans-Martin pausenlos die Fresse polieren" wurde bei Facebook gegründet, das Pendant bei Studivz heißt "Die große Anti Hans-Martin Grupp". Die hatte bis Montagmittag 6500 Mitglieder. Selbst T-Shirts ("Deine Mudder heißt Hans-Martin") kann man seitdem bestellen. Kosten: 14,90 Euro, plus Versand.
In eilig produzierten Videos pöbelten sie via Youtube, es tauchte sogar ein Auszug über Hans-Martin Schulze aus dessen Abi-Zeitung im World Wide Web auf. Original oder Fälschung - so richtig scheint das niemand zu interessieren. "Eingebildeter Möchtegern/arrogant/Vollidiot", so hatten es Mitschüler angeblich vor Jahren geschrieben. Es war Legitimation genug, um über den Unbeliebten herzufallen und sich in Hasstiraden regelrecht zu überbieten. Zu schlechter Letzt wurde das Gerücht lanciert, er hätte während der Sendung auf der Toilette gekokst; Standbilder aus der Sendung sollten den Beweis liefern, es gab sogar Gewaltdrohungen.
Nun kennt Deutschland das Web "2.1", die hässliche Fratze sozial-multimedialer Verknüpfung und ihre ungeheure Dynamik. Es war unerträglich. Und auch wenn erste Youtube-Videos und Studivz-Beiträge nun gesperrt wurden. Das Netz vergisst nicht. Die digitalen Spuren bleiben. Vielleicht ist das gut so. Sie könnten eine Warnung sein. Immerhin.
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