Der Freitag vergangener Woche war ein Tag, an dem sie hätte verzweifeln können über die Nachrichten aus Deutschland. An diesem Tag hörte Albena Simeonova die Meldung, die sie befürchtet hatte: Der Essener Energiekonzern RWE hat ein Abkommen über den Bau und Betrieb des Atomkraftwerks Belene unterschrieben. Belene, im Süden Bulgariens, liegt nur zehn Kilometer von Simeonovas Biobauernhof entfernt. Und dass dort nun ein breitschultriger Mann über die Schritte der 44-Jährigen wacht, hat eng mit den deutschen Kraftwerksplänen zu tun. Denn während der Essener Stromriese seine 49-prozentige Beteiligung an dem AKW als "wichtigen ersten Schritt in den südosteuropäischen Strommarkt" feierte, schickten und finanzierten deutsche Umweltschützer Simeonova einen Bodyguard.
Schon vor drei Jahren war Bulgariens wohl bekannteste Umweltaktivistin wegen ihres Widerstands gegen das AKW Belene Morddrohungen ausgesetzt, zuerst telefonisch und per SMS. Dann standen die Männer direkt vor der Haustür der alleinerziehenden Mutter. Sie solle aufhören, den Widerstand gegen das AKW zu organisieren, drohten die Besucher, "sonst überlebst du den nächsten Tag nicht". Jetzt bekamen sie und ein anderer Anti-Belene-Mitstreiter erneut Morddrohungen. Nimm dich in Acht, warnten wohlmeinende politische Insider. Geh besser nicht aus dem Haus! Ihre Treffen mit lokalen Bürgermeistern, die sich gegen das AKW-Projekt engagieren, solle sie zur eigenen Sicherheit besser absagen.
Albena Simeonova fuhr trotzdem hin, gefolgt von einem verdächtig erscheinenden Auto. Seit nunmehr 20 Jahren kämpft die Frau mit der Lockenmähne gegen das AKW, das hier in eine wunderschöne, aber erdbebengefährdete Weinbauregion gesetzt werden soll. 1996 bekam sie für ihr zähes Engagement den renommierten US-Goldman-Umwelt-Preis. Als die postkommunistische bulgarische Regierung das AKW-Projekt wegen Sicherheitsbedenken auf Eis legte, glaubte Simeonova schon an einen Sieg und an Durchschnaufen. Doch dann wurde das Projekt wiederbelebt, und jetzt ist es mit dem westlichen Partner RWE so konkret wie nie.
Die neuen Morddrohungen gegen die Umweltaktivistin sehen ihre deutschen Mitstreiter als Indiz dafür, dass sich RWE mit Belene nicht nur auf ein Nuklear-Projekt mit hohem Sicherheitsrisiko einlässt, sondern auch auf einen bulgarischen Energiemarkt mit mafiösen Strukturen. Für Simeonovas Sicherheit fühlt sich RWE bisher offenbar nicht zuständig. Man setze bei Belene auf "Offenheit und Transparenz", kündigte der Konzern an, und "einen intensiven Dialog mit allen Seiten". Sollte Simeonova dazu eingeladen werden, wird sie womöglich mit Bodyguard kommen müssen.
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