Er ist der älteste unter den rund 250 Journalisten, die nach München gekommen sind, um über den Prozess gegen den mutmaßlichen Kriegsverbrecher John (Iwan) Demjanjuk zu berichten. Er sitzt immer in der hintersten Reihe, da hat er alles im Blick.
Noah Klieger gehört mit seinen 83 Jahren noch immer der Redaktion der israelischen Tageszeitung Yedioth Ahronoth an und ist aus Tel Aviv angereist. Er hat schon über den Eichmann-Prozess in Jerusalem berichtet, über die Auschwitz-Prozesse in Frankfurt, über den Majdanek-Prozess in Düsseldorf, über den Prozess gegen Klaus Barbie, den Gestapo-Chef von Lyon, und auch über den Sobibór-Prozess in Hagen. Bei diesem war 1966 die Hälfte der Angeklagten - und es waren weit größere Kaliber als Demjanjuk, der in Sobibór das letzte Glied der Befehlskette war - wegen "vermeintlicher Nötigungsnotlage" (Befehlsnotstand) freigesprochen worden.
Klieger hat Auschwitz überlebt. Auch sein Vater und seine Mutter waren im größten Vernichtungslager der Nazis, sein Vater in Auschwitz II (Birkenau), seine Mutter im Stammlager, er selbst in Auschwitz III (Monowitz). Auch seine Eltern überlebten das KZ.
Geboren wurde Noah Klieger 1926 in Straßburg. Sein älterer Bruder ging 1935 zum Studium nach London. Die übrige Familie siedelte kurz vor den November-Pogromen ins vermeintlich sicherere Belgien um. Nachdem dort die Wehrmacht einmarschiert war, schloss sich Klieger mit 15 Jahren einer jüdischen Untergrundorganisation an. Doch er wurde schon bald verraten und 1943 nach Auschwitz deportiert. Beim Herannahen der sowjetischen Truppen wurde er auf einen der berüchtigten Todesmärsche geschickt. Er überlebte und kam ins KZ Ravensbrück, wo ihn Soldaten der Roten Armee befreiten.
Nach dem Krieg gehörte Klieger zur Besatzung der "Exodus", die 4500 Juden nach Palästina bringen wollte. Doch die Briten brachten das Schiff vor Tel Aviv auf und zwangen die Flüchtlinge, nach Europa zurückzukehren. Dort wurden sie einige Monate lang in einem britischen Lager interniert. 1948 war der überzeugte Zionist gerade noch rechtzeitig in Palästina zurück, um am Unabhängigkeitskrieg teilzunehmen.
Erst die großen Kriegsverbrecherprozesse führten den Auschwitz-Überlebenden nach Europa zurück. Wie die deutsche Justiz mit der nationalsozialistischen Vergangenheit über Jahrzehnte hinweg umgegangen ist, findet Klieger schlicht empörend. Er befürchtet, dass Demjanjuk noch während des Verfahrens für verhandlungsunfähig erklärt wird oder stirbt. Es geht Klieger nicht um Rache. Er will nur ein Urteil, ob ein Tag Haft oder lebenslang ist ihm egal.
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