Selbst seine Frau Mitzi war überrascht: Die Tochter macht gerade Abitur, da sollte der Vater anwesend sein. Nun ist es auch in Venezuela nicht selten, dass Politiker vor lauter Politik ihre Familie vernachlässigen, aber bei Antonio Ledezma liegt der Fall etwas anders: Der Bürgermeister von Caracas ist in den Hungerstreik getreten. Und zwar nicht zu Hause oder in seinen Amtsräumen, sondern er hat sich im Büro der Organisation Amerikanischer Staaten zum Protest-Fasten niedergelassen. Die hat zwar wegen der Honduras-Krise keine Augen für Venezuela, aber darum geht es ja: Die OAS, findet Ledezma, muss eine hochrangige Kommission nach Venezuela schicken, die sich von der "ernsten Lage der Demokratie in unserem Land" überzeugen soll.
Ledezma, 54, wurde im November 2008 zum Ober-Bürgermeister der 3,2 Millionen Menschen zählenden Hauptstadt gewählt. Er gehört dem oppositionellen "Bündnis Tapferes Volk" an. Aber wenn man sein Amt mit einem Kleid vergleichen will, dann steht Ledezma ziemlich nackt da. Er ist zwar gewählt, niemand spricht ihm seinen Titel ab, er ist zweifellos Alcalde Mayor. Aber er hat wenig Macht und Befugnisse, seit das von Anhängern des Präsidenten Hugo Chávez beherrschte Parlament Ende April einen neuen Job geschaffen hat: den des "Regierungschefs des Bundesdistrikts". Der ist dem Alcalde Mayor übergeordnet und wird nicht gewählt, sondern vom Staatschef eingesetzt. So oder so ähnlich war das schon im 19. Jahrhundert. Die Dezentralisierung, die den Bürgern mehr Mitsprachemöglichkeit auf unteren Ebenen gab, begann wie in vielen südamerikanischen Ländern erst in den 1980er Jahren. Unter Chávez wird sie nun zurückgedreht, jedenfalls in Caracas, wo es politisch opportun ist.
Zur Regierungschefin des Bundesdistrikts machte Chávez eine stramme Chavistin, Jacqueline Farias. Und die übernahm schnell alles, was wichtig ist in einer Millionenstadt: von der Kasse bis zur Feuerwehr. Im Durcheinander der Kompetenzen blieben zunächst 15 000 städtische Bedienstete auf der Strecke - weil unklar ist, wer sie nun bezahlt, erhielten sie erst mal überhaupt kein Geld.
Die Chavistas verteidigen die Landnahme als Akt ausgleichender Gerechtigkeit. Der Alcalde Mayor habe das arme Viertel Libertador vernachlässigt - die einzige der fünf Teilgemeinden von Caracas, in der sie gewählt wurden. "Wenn dieser Herr seine Amtsgeschäfte richtig führen würde, dann würde er arbeiten und nicht so eine Show abziehen", giftete Jorge Rodríguez, der Bürgermeister von Libertador, als Ledezma seinen Hungerstreik aufnahm. Ledezma hielt dagegen: "Meinetwegen holt mich hier tot raus, aber wir müssen die 15 000 Leute bezahlen und weiter für die Demokratie in diesem Land kämpfen."
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