Man könnte es einen Pakt mit dem Teufel nennen. Kurz vor den Wahlen hat Hamid Karsai den wohl brutalsten Warlord Afghanistans aus dem Exil zurückgeholt. Im Triumph kehrte Abdul Rashid Dostum jüngst nach Kabul zurück. Der bullige Usbeken-General soll Karsai zum Sieg verhelfen. Dafür will der ihn angeblich mit Amt und Würden belohnen. Dostum schlug ein: "Wir müssen mit Karsai in die Zukunft gehen", empfahl er seinen Anhängern.
Noch 2004 hatte eine Sympathiewelle Karsai die Macht gesichert. Doch nun kämpft er ohne jeglichen Skrupel um seine Wiederwahl. Der 51-Jährige missbraucht den Staatsapparat, hofiert die Islamisten und kauft Clanchefs in Serie ein. Sein Kabinett wimmelt von Warlords der übelsten Sorte. Wie Dostum.
In den USA und Europa ist man entsetzt. Karsai und der Westen - das ist auch die Geschichte einer enttäuschten Liebe, einer Entzauberung oder auch Demontage. Als die USA Karsai 2001 an die Spitze Afghanistans hievten, schien er der Traumkandidat: Gebildet, eloquent und moderat.
Karsai hat ohne Frage tief enttäuscht. Kriminalität und Korruption grassieren, der Drogenhandel boomt. Das Volk darbt, die Mächtigen bereichern sich. Doch kann man die Misere nicht allein ihm anlasten. Vielmehr rächten sich auch eine lange Reihe von Fehlern der Bush-Regierung, meint der Analyst Thomas Ruttig.
Der Vater eines kleinen Sohnes ist nicht nur Paschtune wie 42 Prozent aller Afghanen. Karsai ist auch ein Adliger vom Stamm der Popalzai, dem auch die Königsfamilie angehörte. Er unterstützte zunächst die Taliban, stellte sich aber gegen sie, als sein Vater bei einem Taliban-Anschlag getötet wurde. Deshalb schien er 2001 ideal für den "härtesten Job der Welt", wie Newsweek damals schrieb. Auch seine Gabe, Gegner einzubinden, empfahl ihn. Heute sieht man sie mit Grausen. US-Medien stellen ihn als "paranoid" da. Tatsächlich verschanzte er sich nach mehreren Anschlägen zunehmend im Palast.
Im Westen dürfte man über eine Wiederwahl Karsais wenig froh sein. Das Verhältnis zwischen ihm und Washington wirkt frostig. Die ehemalige US-Marionette, sei zu aufmüpfig geworden, urteilt der indische Ex-Diplomat M. K. Bhadrakumar. Er glaubt, dass die USA gezielt auf eine Stichwahl hinarbeiten - in der Hoffnung, doch noch Karsais Rivalen Abdullah Abdullah an die Macht zu bringen.
Lesen Sie auf der Nächsten Seite, warum der Mann des Nordens, Abdullah Abdullah, als Hamid Karsais gefährlichster Gegner gilt
Nachrichten aus der Politik, Kommentare, Doku und Debatten

Damir Fras ist unser US-Korrespondent
Olivia Schoeller berichtete zuvor aus Washington
Daniel Haufler ist Redakteur im Ressort Meinung
Countdown für Obama - das Weblog zur US-Wahl
Bleibt Barack Obama Präsident der USA? Oder macht Mitt Romney von den konkurrierenden Republikanern das Rennen?
US-Wahl-Spezial mit Analyse und Hintergrund
Interaktive Karte zu den Vorwahlen der Republikaner
Exklusive Reportagereise durch den Wahlkampf
Weblog der USA-Experten unserer Redaktion
Bombardiert Israel die iranischen Atomanlagen? Weitet sich der Konflikt zum Regionalkrieg aus? Werden gar die USA hineingezogen? Die Lage in Nahost spitzt sich dramatisch zu. Das Spezial.
Ihr Wunsch-Bundespräsident Wulff scheitert, sie muss Gauck als Nachfolger hinnehmen, ihre Mehrheit steht im Bundestag nicht mehr hinter ihr: Die Autorität von Bundeskanzlerin Merkel schwindet. Das Spezial.
Manchmal sind es die kleinen, schönen Dinge am Rande, die beeindrucken. Die zeigen wir in unseren Bildern des Tages.