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13. Dezember 2012

Präsidentin der Welthungerhilfe: "Wir wollen uns überflüssig machen"

Bärbel Dieckmann ist seit November 2008 Präsidentin der Welthungerhilfe.  Foto: dpa

Bärbel Dieckmann, Präsidentin der Welthungerhilfe, spricht im Interview über ungerechte Verteilung von Lebensmitteln, falsche Kritik an der Hungerhilfe und die Lage in Äthiopien.

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Bärbel Dieckmann, Präsidentin der Welthungerhilfe, spricht im Interview über ungerechte Verteilung von Lebensmitteln, falsche Kritik an der Hungerhilfe und die Lage in Äthiopien.

Frau Dieckmann, In diesem Monat wird die Welthungerhilfe fünfzig Jahre alt. Im Gründungsjahr gab es die Hoffnung, Armut und Hunger in absehbarer Zeit ausrotten zu können. Was ist davon geblieben?

Sicher haben die Gründer damals nicht gedacht, dass es die Welthungerhilfe 2012 noch gibt und geben muss. Wir produzieren global zwar genug Nahrungsmittel, um alle sieben Milliarden Menschen ausreichend versorgen zu können. Aber wir haben es nicht geschafft, eine gerechte Verteilung durchzusetzen. Und in den letzten Jahren haben wir viel zu wenig in die Landwirtschaft investiert.

Immerhin hat das Entwicklungsministerium nach der Agrarpreiskrise die Gelder für ländliche Entwicklung aufgestockt.

Das Ministerium hat auch schon in früheren Jahren in diesen Bereich investiert, sonst hätten wir gar nicht arbeiten können. Seit unserer Gründung haben wir von den jeweiligen Bundesregierungen Zuschüsse für unser Kernmandat, die Förderung der ländlichen Entwicklung, erhalten. Jetzt ist dieser Bereich, nachdem er weltweit vernachlässigt wurde, aber wieder zu einem Schwerpunkt in der internationalen Entwicklungszusammenarbeit geworden. Dabei muss es bleiben, denn drei von vier Hungernden weltweit leben auf dem Land.

Nach einer Studie müsste sich die Weltbevölkerung fast vollständig auf fleischlose Kost umstellen, um in Zukunft neun Milliarden Menschen ernähren zu können. Sollten wir alle Vegetarier werden?

Nein, aber wir müssen den Fleischkonsum erheblich einschränken. Wenn der Fleischkonsum in den Schwellenländern auf westliches Niveau steigt, wird es enorme Probleme mit den dafür nötigen Ressourcen wie Wasser, Futtermittel und Land geben. Aber nicht zuerst die Inder oder Chinesen müssen sich beschränken, sondern auch und vor allem wir Europäer oder Amerikaner.

Es gibt inzwischen viel Kritik an der westlichen Hilfe. Der Haupttenor ist, sie mache abhängig und packe die Probleme nicht an der Wurzel an.

Die Kritik ist in dieser Form falsch, ebenso wie die Forderung, die Hilfe zu beenden, denn dann würden noch mehr Menschen leiden. Diese Menschen leiden und sterben an Ursachen, die oft auch die Industriestaaten mit zu verantworten haben. Denken sie etwa an den Klimawandel, zu dem wir durch unsere Lebensweise beitragen. Wir sind verpflichtet, den Betroffenen zu helfen. Aber Entwicklungshilfe muss vor allem zur Selbsthilfe befähigen.

Aber festigen wir mit unserer Hilfe nicht auch autoritäre Strukturen?

Die Welthungerhilfe steht mit Regierungen und Behörden in Kontakt, arbeitet aber nicht direkt mit ihnen. Unsere Partner sind lokale Nichtregierungsorganisationen und die Menschen in den Projektgebieten. Demokratischere Strukturen entstehen erst dann, wenn die Bevölkerung stark ist, also, nicht hungert, ein gutes Auskommen und vor allem eine gute Bildung hat. Also müssen wir die Lebensbedingungen verändern, den Hunger bekämpfen und Bildungsprogramme anbieten, um die Zivilgesellschaft zu stärken.

Wie beurteilen Sie die Lage in Äthiopien, das jahrelang Hilfe erhielt und als Entwicklungsvorbild galt? Es wurden Gesetze erlassen, um lokale und internationale Nichtregierungsorganisationen zu reglementieren.
Unsere Partnerorganisationen müssen in vielen Ländern darum ringen, dass sie gute und faire Arbeitsbedingungen bekommen. Wir unterstützen sie in dem Bemühen, unabhängig und oft auch kritisch zu den Zuständen in ihren Ländern Stellung zu beziehen. Das ist manchmal ein mühsamer Prozess, der sich am Ende aber lohnt.

Ein neuer Trend ist die Suche nach Ackerland durch ausländische Investoren. Wie verändert das ihre Arbeit?

Wir brauchen Investitionen in die Landwirtschaft. Aber wir lehnen es ab, dass Land verkauft wird ohne Rücksicht auf die dort lebende Bevölkerung. Auf diesem gekauften oder verpachteten Land werden meist Agrarprodukte angebaut, die exportiert werden. Die Menschen haben oft nichts davon, es kommen keine Lebensmittel zu vernünftigen Preisen auf den Markt, es werden keine Arbeitsplätze geschaffen. Der Boden und die Wasserressourcen werden ausgebeutet. Wir müssen die Zivilgesellschaft in diesen Ländern stärken, damit sie sich dagegen wehren kann.

In der Zukunft wird es neue, andere Herausforderungen geben. Wie bereitet sich die Welthungerhilfe auf die nächsten fünfzig Jahre vor?

Unser Wunsch ist, dass wir keinen 100. Geburtstag feiern müssen. Wir wollen uns überflüssig machen. Ganz oben auf unserer Tagesordnung bleiben die Entwicklung der Landwirtschaft und die Bekämpfung des Hungers als wichtigste Grundlage jeder Entwicklung. Wir werden eine politische Stimme und ein Anwalt der Hungernden bleiben.

Das Gespräch führten Martina Doering und Tobias Schwab.

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