Am Wochenende hatte Juan Manuel Santos endlich mal wieder Grund zur Freude. Eine große Umfrage im Auftrag eines Rundfunksenders und einer Wochenzeitschrift sah den Abwärtstrend des rechten kolumbianischen Präsidentschaftskandidaten gestoppt. Die Erhebung platzierte den früheren Verteidigungsminister erstmals seit Wochen wieder vor seinem stärksten Herausforderer Antanas Mockus. Doch gerade mal einen Prozentpunkt trennt Santos (35 Prozent) demnach vom linksliberalen Ex-Bürgermeister von Bogotá. Kein anderer der neun Kandidaten hat Chancen, die Wahl am 30. Mai zu gewinnen.
Dabei schien der Wahlkampf lange Zeit von allein zu laufen, und der Sieg für Santos schon in der ersten Runde mit der absoluten Mehrheit sicher. Einmal im Monat kamen die Berater des früheren britischen Premiers Tony Blair in Bogotá vorbei, um die Kampagne auf Kurs zu halten. Der Kandidat versprach nichts, außer Uribes Politik der "Demokratischen Sicherheit" fortzuführen.
Dann aber kam die grüne Welle von Antanas Mockus und spülte den sicher geglaubten Sieg von Santos einfach weg. Der frühere Bürgermeister von Bogotá, ein unorthodoxer Linksliberaler, stieg mit seiner Grünen Partei in einem Tempo in den Umfragen, dass es vor allem Santos schwindelig wurde. In zahlreichen Erhebungen hängte Mockus den Kandidaten der Rechten ab - bis zu diesem Wochenende. Jetzt liegt Santos wieder vorn.
Wie er das geschafft hat? Er hat die Reißleine gezogen. 27 Tage vor der Wahl wechselte er mehrere enge Berater aus, feuerte seinen Pressechef, schickte die Berater von Blair in die Wüste und mit ihnen gleich den Leiter seines Wahlkampfes. Er krempelte seine Kampagne um und verpflichtete dafür einen der gefürchtetsten Wahlkampfmanager Lateinamerikas: Juan José Rendón. Der 46 Jahre alte Venezolaner ist ebenso berühmt wie berüchtigt.
Rendón ist ein glühender Gegner von Hugo Chávez und Strippenzieher zahlreicher rechter Schmutzkampagnen in Lateinamerika. 2006 arbeitete er bereits in Kolumbien, als er die Schaffung der Uribe-Partei "U" mit ersann und sie in nur vier Monaten zum Sieg bei den Parlamentswahlen führte. Zuletzt sorgte er in Honduras dafür, dass der konservative Kandidat Porfirio Lobo die Wahl gewann. Anschließend war Rendón Berater Santos´ im Verteidigungsministerium. Er soll verantwortlich für eine Kampagne gegen den ehemaligen liberalen Senator und jetzigen Präsidentschaftskandidaten Rafael Pardo sein, der fälschlicherweise der Verbindungen zur Linksguerilla Farc beschuldigt wurde. Selbst Anhänger von Amtsinhaber Uribe kritisierten die Verpflichtung Rendóns als Wahlkampfmanager. Ab sofort gehe es weniger um Inhalte, sondern nur noch um Diffamierung, kritisierten sie.
Und tatsächlich: Kaum war Rendón nun wieder aktiv, tauchten in ganz Kolumbien Plakate, Graffitis und Internet-Botschaften auf, die Mockus als Verbündeten der Linksguerilla und Ungläubigen verunglimpften. Im sozialen Netzwerk Facebook wurde der Kandidat der Grünen Partei gar mit dem Tode bedroht. Rendóns Verpflichtung hat etwas bewirkt, das unmöglich schien: Santos gewann die mediale Oberhoheit wieder. Allein die Personalie Rendón wurde tagelang in Zeitungen, im Radio und im Fernsehen diskutiert, und so war Santos plötzlich auch wieder in den Medien präsent.
Ob der Aufschwung für Santos ein Strohfeuer ist oder eine Wendung, wird sich in den kommenden Tagen zeigen. Noch scheint es, als sei ganz Kolumbien von Mockus´ grüner Welle erfasst. Die grüne Kampagne des studierten Mathematikers und Philosophen hat weniger mit Umweltschutz zu tun als mit Ethik, Transparenz und Justiz - die während Uribes acht Amtsjahren zunehmend gelitten haben.
Der rechte Präsident hat mit seiner militärischen Doktrin der "Demokratischen Sicherheit" die Farc in die Defensive gedrängt, in den vergangenen Jahren seines Mandats mit seiner Politik aber immer mehr die Grenze zur Illegalität überschritten.
Zunehmend kamen Skandale an die Öffentlichkeit, die von Morden der Armee an Unschuldigen erzählten, von Stimmenkauf und engen Verbindungen von Uribe-treuen Parlamentariern zu den Paramilitärs. Dem setzt Mockus sein Versprechen von "demokratischer Legalität" entgegen. Und das zieht.
Es haben eben doch mehr Kolumbianer genug vom hasserfüllten und jähzornigen Regierungsstil Uribes. Sein Kandidat Santos hat das wahrscheinlich zu spät kapiert. Denn die Umfrage vom Wochenende sieht im Falle einer Stichwahl zwischen Mockus und Santos noch immer den grünen Kandidaten eindeutig vorne: Mit 48 zu 41 Prozent der Stimmen. Es bleibt also spannend in Kolumbien und die grüne Welle darf weiter hoffen.
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