Es sollte eine Befreiungsschlag für Christian Wulff werden. Doch aus Sicht der deutschen Medien ist ihm das mit seinem 21-minütigen TV-Auftritt nicht gelungen - im Gegenteil. „Schwer vorstellbar, dass der Bundespräsident mit dieser Erklärung seine Not lindert", urteilen etwa die Stuttgarter Nachrichten. Und die Thüringer Landeszeitung meint: „Einfach weiter so? Das kann es nicht sein. Wenn der Bundespräsident sich dieser Illusion hingibt, dann irrt er. Wulff hat sich mit seinem Fernsehauftritt Zeit gekauft, mehr nicht.
„Nein, dieser 21 Minuten kurze Auftritt war kein Befreiungsschlag. Christian Wulff hat die letzte Karte gezogen: Menschen machen Fehler und aus diesen Fehlern wolle er lernen, erklärte der Bundespräsident reumütig im öffentlich-rechtlichen Fernsehen. Er sei als Bundespräsident ins kalte Wasser geschmissen worden - das höchste Amt im Staate als Lehrberuf ? Nein, an dieser Stelle war nicht allein zerknirschte Rechtfertigung, sondern wahrhaftige Aufklärung gefragt. Doch die ist Christian Wulff sowohl zu seinem Anruf bei BILD als auch zu seinen umstrittenen Hauskrediten schuldig geblieben. Damit hat Wulff eine weitere, womöglich die letzte Chance vertan, seine Amtszeit mit Würde fortzusetzen. 'Die Persönlichkeit des Amtsinhabers prägt zwangsläufig die Amtsführung in besonderem Maße', heißt es auf der Internet-Homepage des Bundespräsidenten. Christian Wulff hat das Amt in den letzten Wochen tatsächlich geprägt. Aber das Amt wird Jahre brauchen, bis es sich davon erholt. Und die Affäre ist noch nicht zu Ende.“
„Die Botschaft, mit der sich Christian Wulff gestern zu Wort gemeldet hat, lässt sich wie folgt zusammenfassen: 'Ich bin klein, mein Herz ist rein.' Er sieht sich als 'Opfer', als 'hilflos', als jemanden, der mit dem schnellen Wechsel von Hannover nach Berlin überfordert gewesen ist. Der Bundespräsident hat in dem Interview mit ARD und ZDF Fehler eingeräumt und sich vor allem für den Anruf bei der 'Bild'-Zeitung entschuldigt. Einen Rücktritt aber lehnte er ab: 'Ich weiß, dass ich nichts Unrechtes getan habe.' Die Botschaft offenbart, dass der Bundespräsident nicht verstanden hat, worum es seit knapp vier Wochen geht. Besonders frappant zeigte sich dieses fehlende Verständnis in einem Satz, mit dem er auf die Vorwürfe zu seiner 'Salamitaktik' bei der Aufklärung antwortete. Zu den 400 Fragen von Journalisten, die er bekommen hat, sagte er: Wenn man sie scheibchenweise bekomme, dann könne man sie auch nur scheibchenweise beantworten. Das ist eine fast schon nietzschehafte Umwertung der Vorgänge: Nur Wulff kennt die ganze Wahrheit, doch da er nur scheibchenweise damit rausrückt, können Journalisten auch nur scheibchenweise fragen! Der Bundespräsident wählte als Verteidigung die Guttenberg-Variante: die Verbrüderung mit dem Volk. Eine böse Hauptstadtpresse macht demnach Jagd auf den, der im Volk beliebt ist. Das Volk aber hält weiter zu seinem Liebling. Das darf man Wulff nicht durchgehen lassen."
„Hat der Bundespräsident im Fernsehen seine Freiheit wieder gewonnen? Hat er sich die Macht zurück erobert über die einzige Waffe, die er hat: sein Wort? Kann er morgen wieder ein ganz normales Staatsoberhaupt sein, eines, das die Gier der Finanzmärkte geißelt, die Bürger auffordert, sich nicht zu bereichern, für Offenheit und Ehrlichkeit als politische Tugenden eintritt, in Unterdrückerstaaten die Pressefreiheit einfordert. Und so weiter. Wohl kaum. Durch seine Fehler hat Christian Wulff seine Möglichkeiten und die seines Amtes schwer beschnitten. Er ist, aus eigenem Verschulden, nicht einmal ein halber Spitzenstaatsbeamter. Das hat sich auch durch seinen TV-Auftritt nicht geändert. Die Kanzlerin hat nach dem gescheiterten Seiteneinsteiger Köhler einen Politprofi gesucht, einen, auf den Verlass sein würde in puncto Seriosität und Stilempfinden. Gerade von Wulff glaubte sie, Unfallfreiheit erwarten zu können. Ein Irrtum. Ein Präsident, der um Verständnis bittet und um Entschuldigung. Ein Präsident, der seine Familie nach vorne schiebt. Und auch einer, der die seltsamsten Spekulationen um seine Frau noch selbst befeuert, indem er diese als 'Fantasie' bezeichnet. Einer, der sich am Ende selbst frei sprechen muss, weil es kein anderer tut. Zum Fremdschämen.“
"Das eigentliche Grundproblem des Christian Wulff hat jener selbst gestern Abend in so bitterer wie unbarmherziger Klarheit beschrieben: Er müsse das Amt des Bundespräsidenten erst noch lernen. Dies heißt: Im Schloss Bellevue sitzt ein Bundes- präsidenten-Azubi. Für ein Amt, dessen Bedeutung aus der Kraft der Worte und der Vorbildfunktion kommt, eine desaströse Beschreibung. Und kein Ruhmesblatt für die deutsche Politik, wenn selbst jahrelange Ministerpräsidententätigkeit keine Vorbereitung für höhere Aufgaben ist."
„Es ist die eigentliche Aufgabe des Bundespräsidenten, durch die Macht des Wortes und des eigenen Vorbildes die Akzeptanz in die Institutionen des Staates zu festigen. Wie aber soll das gehen, wenn der Amtsinhaber als Schnorrer, Heuchler und Täuscher angesehen wird? Wenn er in den Internetforen zur Schießbudenfigur geschrumpft ist und ihn auch die Elite des Landes nicht mehr achtet? Bei der nächsten 'großen' Rede dieses Präsidenten, zu welchem Thema auch immer, werden sie alle innerlich grienen, die im Saal und die an den Bildschirmen draußen. Wulff wird lange brauchen, um dieses Image wieder wegzureden. Aber er weiß ja nicht einmal, worüber er reden soll.
Das ist nämlich das andere, womöglich viel größere Problem mit diesem Präsidenten. Er weiß auch nach eineinhalb Jahren noch nicht, was er eigentlich mit dem Amt will. Er ließ intern an einer Agenda arbeiten, aber wurde nie damit fertig, er begann Themen anzustoßen, ohne je mehr als ein Stichwort zu setzen. Aber zu jenen Fragen, die die Menschen bewegten, rechter Terror, Eurokrise, Atom, äußerte er sich nicht, zu spät oder zu zaghaft. Dieser Bundespräsident Christian Wulff, der doch Orientierung geben soll, war orientierungslos, ehe er jetzt auch noch sein Ansehen verlor. Er ist ein Kaiser ohne Kleider, den nun das Amt vor dem politischen Totalabsturz schützen muss. Dafür es eigentlich nicht da.“
„Schwer vorstellbar, dass der Bundespräsident mit dieser Erklärung seine Not lindert. Hebt sie doch seinen schwersten und - soweit bis jetzt erkennbar - einzigen Fehler in der sogenannten Affäre um seinen Häuslebauer-Kredit nicht auf: dass er sich durch eine unfassbar dilettantische Öffentlichkeitsarbeit zum Getriebenen hat machen lassen. (...) Die, gemessen an der Intensität der Wulff-muss-weg-Kampagne, für den Präsidenten erstaunlich guten Umfrageergebnisse spiegeln dies wider: Er hat einen Fehler gemacht; aber sein Fall unterscheidet sich fundamental von echten Skandalen, wie sie ein Gerhard Glogowski oder ein Karl-Theodor zu Guttenberg ausgelöst haben.“
"Auch wenn er es abstreitet: Christian Wulff bleibt ein Bundespräsident auf Bewährung. Das Interview war seine letzte Chance, alles aufzuklären. Seine Chance, die Bürger davon zu überzeugen, dass er ihr Bundespräsident bleiben kann. Aufgeklärt hat Wulff wenig bis nichts. Dafür hat er geschickt agiert. An den richtigen Stellen gab er sich kämpferisch. Vor allem aber trat er weniger als Staatsoberhaupt auf, sondern vielmehr als Mensch, der Fehler macht. Wer Demut zeigt, dem wird vergeben: Menschlich betrachtet dürfte Wulff bei vielen Bürgern gepunktet haben. Politisch betrachtet hat Wulff seinen Kredit aufgebraucht. Sollten noch weitere -- vorsichtig ausgedrückt -- kritikwürdige Vorkommnisse ans Tageslicht kommen, bliebe ihm nur der Rückzug. Ins Privatleben."
„Man muss ihm das vorhalten, erst recht nach gestern: Christian Wulff bedauert gerne, oft und aufrichtig. Aber immer erst hinterher. Er hat bedauert, dass er sich im Flugzeug in die erste Klasse setzen ließ - als die Sache rauskam. Er hat bedauert, dass er den niedersächsischen Landtag täuschte - als die Täuschung aufgeflogen war. Er hat verstanden, dass sein Urlaub in der Villa eines Supermillionärs nicht gut ankam - als er zurück war. Und nun erklärt er mit treuherzigem Blick, dass ihm sein Ausraster gegenüber Journalisten aufrecht leid tut. Nun verspricht er völlige Transparenz und erklärt sich, Gipfel der Heuchelei, flugs noch zum Vorbild für künftige Präsidentengenerationen. Das ist allzu glitschig, das ist aalglatt. Den Rücktrittsforderungen mag sich Wulff für den Augenblick damit entwunden haben. Weiteren Recherchen nicht. Wehe, da kommt noch was. Der Ansehensverlust bei den Bürgern ist ohnehin da und wiegt schwer. Es ist die eigentliche Aufgabe des Bundespräsidenten, durch die Macht des Wortes und des eigenen Vorbildes die Akzeptanz in die Institutionen des Staates zu festigen. Wie aber soll das gehen, wenn der Amtsinhaber als Schnorrer, Heuchler und Täuscher angesehen wird? Wenn er in den Internetforen zur Schießbudenfigur geschrumpft ist und ihn auch die Elite des Landes nicht mehr achtet?“
"Wulff will im Amt bleiben, um sich zu rehabilitieren. Aber der Mann hat dem Land zu dienen und nicht das Amt dem Mann. Ob er dafür noch eine Chance erhält, wird davon abhängen, dass ihm das politische Berlin und die bundesweite Öffentlichkeit den reuigen und lernbereiten Sünder abkaufen, als der er sich präsentierte. Wulff braucht Ruhe, um sich auf sein Amt konzentrieren zu können. Die wird es aber nur dann geben, wenn nun wirklich alle Fakten auf dem Tisch liegen. Dass man daran zweifeln muss, ist Wulffs eigene Schuld. Deshalb bleibt er, auch wenn er das nicht hören will, ein Präsident auf Bewährung."
Der Bundespräsident als Wutbürger, der zum Schutze persönlicher Interessen dunkle Drohungen ausstößt: Das ist würdelos und nicht aus der Welt zu schaffen, indem man die „Bild“-Zeitung um Verzeihung bittet.
"Knapp die Hälfte der Deutschen will Christian Wulff nach einer aktuellen Umfrage als Bundespräsident behalten. Dieser Anteil dürfte nach dem als Befreiungsschlag gedachten Fernsehinterview wohl steigen. Denn dort gab sich der Bundespräsident als Mensch, gestand schwere Fehler ein, warb als Familienvater und Ehemann um Verständnis für sein Handeln. Reumütigkeit und Demut, damit punktet jeder. Dem Niedersachsen in Berlin verschafft der fast beispiellose Auftritt ein wenig Luft, doch macht er sich und sein Amt damit auch gewöhnlich und klein, vielleicht zu klein. Gestattet sei der Hinweis: Bei allen Vorwürfen gegen Wulff ermittelt immer noch kein Staatsanwalt. Die Liste der Unzulänglichkeiten des ersten Mannes im Staate allerdings ist alles andere als kurz. Sie hat zu einer beispiellosen Kluft bei der Bewertung des Staatsoberhauptes in der öffentlichen und der veröffentlichten Meinung geführt. Mit dem unbedingten Ja zum Amt hat Wulff (s)einem politischen Leben die weitere Richtung gegeben. Die Chance hat er verdient. Weitere Entschuldigungen des Bundespräsidenten mag niemand mehr hören. Die angeführte Lernphase vom Minister- zum Bundespräsidenten trägt nicht mehr. Wulff hat seinen politischen Kreditrahmen vollkommen ausgeschöpft. Noch ein Fauxpas, dann bleibt nur der Abgang mit Anstand."
„Tief verletzt ist Wulff. Das lässt er, selbst wenn er es nicht will, immer wieder durchblicken und verspielt damit die Chance, deutlich zu machen, dass er dazugelernt hat. Er entschuldigt sich und bittet doch nicht um Entschuldigung - die schließlich, so ist das eben bei Fehlern, nur andere gewähren können. Und dennoch: Wulff wird vorerst Bundespräsident bleiben. Nicht weil er sich an die Öffentlichkeit gewagt hat, nicht weil die meisten Bürger hinter ihm stehen. Sondern weil zwei Personen ihm das Vertrauen ausgesprochen haben: Angela Merkel und Horst Seehofer. Sie halten Wulff im Amt und geben ihm damit die nächste Chance - es ist seine letzte.“
„Einfach weiter so? Das kann es nicht sein. Wenn der Bundespräsident sich dieser Illusion hingibt, dann irrt er. Wulff hat sich mit seinem Fernsehauftritt Zeit gekauft, mehr nicht. Wie lange die Zeit läuft, ist heute noch nicht abschätzbar. Aber eins lässt sich sagen: Christian Wulff wird über kurz oder lang an seinen eigenen Ansprüchen, ein guter Bundespräsident sein zu wollen, scheitern. Denn das ist er schon längst nicht mehr. (...) Wulff klammert sich an sein Amt. Er ist auf Gedeih und Verderb jetzt vom Wohlwollen der Kanzlerin abhängig. Dem hohen Amt des Bundespräsidenten hat er mit seiner gestrigen Entscheidung keinen Gefallen getan - und sich selbst vermutlich auch nicht.“
„Was stellen wir jetzt an mit diesem Bundespräsidenten? Christian Wulff will weitermachen. In der Rolle des Azubi, der am Vorabend aus Gram einen über den Durst getrunken und sich deshalb am Morgen verspätet hat, warb er gestern bei der Bevölkerung um Verständnis für sein Verhalten. Er habe nichts Unrechtes getan, aber auch nicht alles richtig gemacht. Was insgesamt so falsch nicht ist, aber die Frage provoziert, wie Wulff in Zukunft nun so richtig den Präsidenten geben will? Zumal das Amt seiner Ansicht nach aus vielerlei Gründen immer schwieriger geworden ist. Welche das sind, hat er nicht so richtig gesagt, eigentlich gar nicht, man kann aber davon ausgehen, dass es nicht ganz falsch ist, dass die Medien nach Wulffs Verständnis einen gewissen Anteil haben. Jedenfalls will er in Zukunft seine Beziehungen zu ihnen neu ordnen und ihre Vermittlerrolle anerkennen. Alle Achtung.
Natürlich ist das Amt kein Zuckerschlecken. Und natürlich können Journalisten lästig sein. Aber dass ein Bundespräsident einen großen Teil seiner privaten Freiheit verliert, sollte dem ehemaligen Ministerpräsidenten Niedersachsens vor Amtsantritt klar gewesen sein. Darüber im Nachgang zu klagen ist unlauter. Wer die Öffentlichkeit sucht, muss mit ihr leben. Und wer Präsident sein will, braucht die Souveränität, die Nachteile schweigend zu ertragen. Wulff fehlt dieses Format.“
"Schade: Joachim Gauck wäre vermutlich ein ziemlich guter, wenn auch sehr politischer Präsident geworden. Wulff dagegen ist inzwischen nur noch ein ziemlich peinlicher Präsident. Aber die Bundesrepublik wird auch das aushalten."
"Wulff sagt, er müsse noch lernen, wie er sich als Bundespräsident angemessenes und vorbildhaft zu verhalten hat. Ja, genau so ist es - mit einer wichtigen Einschränkung: Es wäre gut gewesen, wenn ihm vorher (!) jemand gesagt hätte, wie er sich zu verhalten hat, welche Maßstäbe gelten und dass er sie womöglich nicht erfüllen kann. Bundespräsident ist kein Lehrberuf. Hätte er Respekt vor dem Amt, wäre Wulff spätestens gestern zurückgetreten."
„In seiner Amtsführung als Bundespräsident - also weit weg von Hauskredit und Drohgebärden gegen Springer-Zeitungen - machte Christian Wulff bislang keine schlechte Figur. Sein klares Eintreten gegen Fremdenfeindlichkeit, derzeit und wohl auch in Zukunft eines der brennenden Themen unserer Gesellschaft, war überzeugend und ehrt ihn. Auch weil er es nicht bei wohlfeilen Reden beließ, sondern mit seiner dezidierten Aussage, auch der Islam sei inzwischen Teil unserer Gesellschaft, Prügel riskierte, die er ja auch prompt erhielt. Umso größer dann die Enttäuschung, als Wulff wegen persönlicher Verfehlungen - über deren Schwere man streiten kann - in Panik geriet. Dabei handelte er so, wie jeder Parteipolitiker meint mit Affären umgehen zu müssen: Erst gar nichts sagen, dann abstreiten. Gestern hat Wulff diesen Parteipolitiker-Reflex abgestreift. Und damit vielleicht einen wichtigen Schritt getan, um auch persönlich zum Bundespräsidenten zu reifen. Denn ein Staatsoberhaupt darf kein Raufbold im politischen Tageskampf sein. Er ist der Repräsentant unseres Gemeinwesens und seiner Werte. Dass Christian Wulff die intellektuellen Fähigkeiten hat, dies zu erfassen, steht außer Zweifel. Jetzt kommt es darauf an, ob auch sein Charakter dafür steht, das Erkannte durchzuhalten. Eine Chance hat er jedenfalls verdient.“
„Das soll es nun gewesen sein. Ein Interview zur allerbesten Sendezeit auf den beiden Hauptkanälen des deutschen Fernsehens. Und abermals eine Entschuldigung. Am Freitag dann empfängt der Präsident die Sternsinger im Schloss Bellevue - als wäre nichts gewesen. Aber war da nicht was? Das ist die Frage, die Christian Wulff von nun an in seinem Amt begleitet. Ganz gleich, was er sagt. Ob zur Solidarität in der Gesellschaft, ob zur Notwendigkeit des Sparens, ob zu den Grundrechten, ob zur Integrität von Politikern, ob zur Aufrichtigkeit im Allgemeinen. Stets wird die die Frage kommen: War da nicht was?“
„Es bleibt der üble Nachgeschmack eines Deja-vu. Mehr als einmal gelobte Wulff Transparenz zur Finanzierung seines Heims - und dann tauchten neue Fragen und Ungereimtheiten auf. Wiederholt sprach er von Fehlern - um neue zu machen. Als oberster Repräsentant des Staates braucht Wulff den Respekt und das Wohlwollen des Volkes. Beides ist arg geschrumpft. Ob Wulff das reparieren kann, muss sich zeigen. Es wird schwer. Fest steht: Noch eine Unsauberkeit und Wulffs Integrität ist weg. Noch einen 'Ich-bereue-Auftritt' kann es nicht geben.“
"Das Interview im öffentlich-rechtlichen Fernsehen war ein Versuch von Christian Wulff, Demut zu zeigen und Vertrauen zurückzugewinnen. Wie gesagt: ein Versuch. Die fragwürdige Immobilienfinanzierung als Ministerpräsident, die Salami-Taktik bei Bekanntwerden der Vorwürfe, schließlich die dreiste Intervention bei Medien, um kritische Berichterstattung zu verhindern - all das bleibt hängen und entspricht nicht dem Anspruch an das Amt des Bundespräsidenten. Wer gestern Mittag der Meinung war, dass Wulff das Format zum obersten Repräsentanten des deutschen Staates fehlt, der wird gestern Abend nicht zum glühenden Anhänger des Niedersachsen geworden sein."
"Es bedarf nicht des großen Wortes von der vierten Gewalt im Staate, um die Rolle der Medien in der Demokratie zu umreißen. Journalisten sind weder gewählt noch rechenschaftspflichtig, noch machen sie immer alles richtig. Aber sie haben das Recht und die Pflicht, im Rahmen der gültigen Gesetze und Berufsregeln für Offenheit in der Gesellschaft zu sorgen. Eine Aufgabe, die für das Funktionieren einer Demokratie unerlässlich und deshalb unter allen Umständen zu verteidigen ist. Etwa gegen Amtsträger, die sich belästigt fühlen, aber auch gegen Militärs, Geheimdienstler und Wirtschaftsbosse, die nicht immer von sich aus den Drang zur Offenheit verspüren. Gut, dass uns Christian Wulff daran erinnert hat."
"Der Versuch konnte gar nicht gelingen: Nicht der geballten Bundespressekonferenz stellte er sich. Stattdessen ein Interview nur mit zwei Journalisten, die dazu nicht gerade als Spezialisten in Sachen Wulff-Recherchen aufgefallen waren. Deutlicher konnte er gar nicht kundtun: Ich habe Angst vor Fragen. Dass Wulff wurde, was er ist, verdankt er nicht zuletzt exzellenter medienfachlicher Beratung. Auf dem Karriere-Höhepunkt kippte das um. Gestern präsentierte sich ein Präsident der Beschönigungen - beratungslos und ratlos."
„Als Horst Köhler nach ein paar kritischen Bemerkungen das höchste Amt im Staat wegwarf wie ein altes Hemd, hagelte es Kritik, der Mann halte wohl nichts aus. Zumindest diesen Vorwurf muss sich Christian Wulff nicht machen lassen. Er hält viel aus. Und er bleibt seinem eigenartigen Stil treu: Allem Kritischen ausweichen, aber sich halbherzig entschuldigen. Dass er zugleich ARD und ZDF zum Staatsfunk adelt und die Medien, die seine Affäre ans Licht der Öffentlichkeit zerrten, nämlich die Presse, ausschloss, kann in diesem Zusammenhang vielleicht als die vom Präsidenten angekündigte 'Neuordnung' seines Verhältnisses zu den Medien verstanden werden. Souveränes Handeln geht anders. Jedenfalls: Ein Befreiungsschlag war dieses Interview nicht. Wulff darf aus taktischen Gründen Bundespräsident von Angela Merkels Gnaden bleiben. Das ist sehr praktisch für die schwarz-gelbe Koalition. Und das Land wird sich daran gewöhnen, dass zumindest für die nächsten vier Jahre das Wort des Bundespräsidenten kein besonderes Gewicht haben wird. Sarkastisch formuliert möchte man zusammenfassen: Bei Banken kennt er sich offenbar besser aus, als vermutet. Von der Pressefreiheit scheint er dagegen keine Ahnung zu haben. Der Rest ist Fassungslosigkeit.“
„Wulff selbst hat mit seinem Handeln und seiner verfehlten Krisenpolitik eine Staatsaffäre heraufbeschworen. Wie will er bei kommenden Krisen glaubhaft Leitlinien setzen? Vorbild sein? Hoffnung geben? Selbst wenn Wulff im Amt bleibt, wird er es jetzt erst recht nicht mehr ausfüllen können. Deutschland steht dann de facto ohne Bundespräsidenten da. Nachdem es bereits ohne Außenminister auskommen muss und die Kanzlerin durch die Schuldenkrise auf EU-Ebene gebunden ist, stellt sich langsam die Frage: Wie lange kann das Land die dogmatische Parteienpolitik von Schwarz-Gelb noch ertragen?“
„Ein Satz fehlte noch: 'Ich liebe meine Frau'. Mit diesem Klassiker hat Kanzler Schröder einst im TV-Duell gesiegt. Ansonsten hat der Bundespräsident überraschend viel richtig gemacht in einem historischen Moment. Demut, Mitleidsheischen und dosierte Gegenwehr - mit einem knapp an der Fremdschämerei vorbeigeknisterten Emotionsauftritt hat Christian Wulff beileibe nicht alle Vorbehalte ausgeräumt, sich zumindest aber Luft verschafft. Ein Feuerwerk der Fehler versuchte er in eine Opfer- und Heldenarie umzudeuten. Fazit nach 25 Minuten Staatstheater: Wulff will bis 2015 im Schloss Bellevue bleiben."
Dass Wulff mit seinen Affären das Amt beschädigt hat, darüber sind sich die Kommentatoren einig. Zwar ringt sich nicht jeder zu einer klasren Rücktrittsforderung durch, doch die Kritik an Wulffs Verhalten zieht sich durch alle Blätter. "Wulff will im Amt bleiben, um sich zu rehabilitieren. Aber der Mann hat dem Land zu dienen und nicht das Amt dem Mann. Ob er dafür noch eine Chance erhält, wird davon abhängen, dass ihm das politische Berlin und die bundesweite Öffentlichkeit den reuigen und lernbereiten Sünder abkaufen, als der er sich präsentierte", schreibt etwa die "Badische Zeitung".
Noch gnadenloser ist die Westdeutsche Allgemeine Zeitung": "Ein Präsident, der seine Familie nach vorne schiebt. Und auch einer, der die seltsamsten Spekulationen um seine Frau noch selbst befeuert, indem er diese als 'Fantasie' bezeichnet. Einer, der sich am Ende selbst freisprechen muss, weil es kein anderer tut. Zum Fremdschämen."
Und "Der neue Tag" schreibt: "Schade: Joachim Gauck wäre vermutlich ein ziemlich guter, wenn auch sehr politischer Präsident geworden. Wulff dagegen ist inzwischen nur noch ein ziemlich peinlicher Präsident. Aber die Bundesrepublik wird auch das aushalten."
Das passende Schlusswort für die Analyse von Wulffs Auftritt liefert die "Rhein-Neckar-Zeitung": "Der Rest ist Fassungslosigkeit."
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