kalaydo.de Anzeigen

Privatkredit-Affäre: Warum Wulff auf diesen Kredit besser verzichtet hätte

In Erklärungsnot: Christian Wulff.
In Erklärungsnot: Christian Wulff.
Foto: dapd

Als der heutige Bundespräsident noch Ministerpräsident und frisch geschieden war, lieh sich Christian Wulff Geld von der Ehefrau eines befreundeten Unternehmers. Ein Fehler, urteilt Lobby-Control-Chef Udo Müller und fordert Konsequenzen. FDP-Chef Rösler stellt sich hinter Wulff.

Herr Müller, was ist schlimmer: dass Herr Wulff den Privatkredit genommen hat, oder dass er das gegenüber der Öffentlichkeit nicht transparent gemacht hat?

Es ist beides problematisch. Aus meiner Sicht hätte er diesen Kredit überhaupt nicht annehmen sollen. Als Regierungschef sollte man keinen Privatkredit eines Unternehmers annehmen – auch nicht über die Ehefrau. Wulff hat zwar dem Buchstaben nach auf entsprechende Fragen geantwortet. Man kann aber auch durch Unterlassung der Nennung von Zusammenhängen und durch Nichtveröffentlichung von Fakten täuschen.

Reaktionen
Philipp Rösler
Foto: dpa
FDP-Chef Rösler

Bundeswirtschaftsminister und FDP-Chef Philipp Rösler stärkt Bundespräsident Wulff in der Diskussion über ein Privatdarlehen eines befreundeten Osnabrücker Unternehmerpaars in seiner Zeit als Ministerpräsident von Niedersachsen den Rücken. „Der Bundespräsident hat erklärt, er habe sich damals korrekt verhalten. Ich habe überhaupt keinen Anlass, an dieser Aussage zu zweifeln“, sagte Rösler, der als FDP-Fraktionschef und niedersächsischer Wirtschaftsminister eng mit Wulff zusammenarbeitete, der „Passauer Neuen Presse“: „Wer ein Eigenheim kauft oder baut, nimmt zumeist einen privaten Kredit über die Hausbank auf. Das ist bei meiner Familie nicht anders.“

Warum hätte Wulff den Privatkredit aus ihrer Sicht nicht nehmen dürfen?

Die Politik muss generell auf Distanz achten zu den wirtschaftlich Einflussreichen, damit es nicht zu Ungleichgewichten kommt. Es war ja auch ein günstiger Kredit, Wulff hat also selbst profitiert. Da könnte man auch fragen, ob das nicht ein Verstoß gegen das niedersächsische Ministergesetz war, das solche Belohnungen untersagt. Aber auch abseits davon dürfen Politiker ihren persönlichen Finanzbedarf nicht mit Beziehungen zu ökonomischen Eliten verbinden. Es geht um die Vermeidung von Abhängigkeiten. Das hätte Wulff regulär bei einer Bank erledigen können.

        

Ulrich Müller, 39, ist  Politikwissenschaftler und geschäftsführender Vorstand des Vereins Lobby Control.
Ulrich Müller, 39, ist Politikwissenschaftler und geschäftsführender Vorstand des Vereins Lobby Control.
Foto: Privat

Muss denn ein Spitzenpolitiker jegliche Freundschaften zu Unternehmern beenden?

Nein, aber der Politiker muss seine finanziellen Dinge von diesen Freundschaften trennen. Eine Freundschaft ist ja nicht davon abhängig, dass man einen Kredit annimmt. Das kann man auch anders regeln. Wulff hat als Ministerpräsident eine Verpflichtung gehabt, auf seine Regierungsführung zu achten. Da reicht der Verweis auf Freundschaft nicht. Das wäre der Freibrief zum Klüngeln. Freundschaft ist das eine – aber Geld oder Geschenke anzunehmen in einem politischen Amt sollte man tunlichst vermeiden.

Den Kredit hat aber damals nicht der Unternehmer, sondern dessen Ehefrau an Wulff vergeben.

Es reicht in dem Fall nicht als Erklärung, einfach zu sagen: das hat doch nur die Frau des Unternehmers gemacht. Es gibt eine enge Verbindung. Das ist ein Ausweichmanöver.

Pool-Planscherei und Bonusmeilen: Politiker-Affären

Bildergalerie ( 8 Bilder )

Waren auch Wulffs erste Antworten im niedersächsischen Landtag ein Ausweichmanöver?

Diese Vorgänge sind sehr merkwürdig: Man hat die Anfragen zwar beantwortet, aber nichts zu dem Kontext gesagt, um den es ging. Auch bei weiteren Anfragen hat Wulff am Thema vorbei geantwortet und den ursprünglichen Kreditgeber verschwiegen. Das zeigt, dass er kein Interesse hatte, das wirklich öffentlich zu machen, obwohl es erkennbar öffentliches Interesse an dem Vorgang gab. Er hat nicht beantwortet, von wem das Geld stammte, wer das Haus finanzierte und in welchem Verhältnis er zur Familie Geerkens stand. Er ist ausgewichen.

Was bedeutet das für das Amt des Bundespräsidenten?

Es gibt einen großen Regulierungsbedarf für die Annahme von Geschenken und Krediten in der Politik. Es gibt auch keine rechtlichen Sanktionen, weil immer argumentiert wird, der Politiker müsse sich dann der politischen Verantwortung stellen. Herr Wulff hat sich dieser Verantwortung aber noch nicht gestellt. Was er getan hat, verträgt sich nicht gut mit dem Amt des Bundespräsidenten, das sehr stark als moralische Autorität wahrgenommen wird. Und was er bislang erklärt hat, reicht nicht aus.

Das Gespräch führte Matthias Thieme.

Datum:  14 | 12 | 2011
Kommentare:  7
Empfehlen:  E-Mail
Leserbrief:  Leserbrief
Artikel:  Drucken
Ressort

Nachrichten aus der Politik, Kommentare, Doku und Debatten


US-Wahl 2012: Countdown für Obama

Damir Fras ist unser US-Korrespondent
Olivia Schoeller berichtete zuvor aus Washington
Daniel Haufler ist Redakteur im Ressort Meinung
Countdown für Obama - das Weblog zur US-Wahl


Spezial: US-Wahl 2012

Bleibt Barack Obama Präsident der USA? Oder macht Mitt Romney von den konkurrierenden Republikanern das Rennen?

US-Wahl-Spezial mit Analyse und Hintergrund

Interaktive Karte zu den Vorwahlen der Republikaner

Exklusive Reportagereise durch den Wahlkampf

Weblog der USA-Experten unserer Redaktion

Kolumne

Die Politik ist eine Castingshow - und Angela Merkel ihr Dieter Bohlen: Stephan Hebel in seiner Audioslideshow über Peter Altmaier (eine Runde weiter!), den Osterhasen (Artenvielfalt gerettet!) und einen friedlosen ESC (wo ist Nicole, wenn man sie braucht?). Über Fußball - diesmal kein Wort!

Interaktiv

Wer sitzt mit wie vielen Abgeordneten im Bundesrat? Alle Ministerpräsidenten, alle Zahlen und Fakten hier!

Anzeige

 

Anzeige

 

Video
Spezial: Israel-Iran-Konflikt

Bombardiert Israel die iranischen Atomanlagen? Weitet sich der Konflikt zum Regionalkrieg aus? Werden gar die USA hineingezogen? Die Lage in Nahost spitzt sich dramatisch zu. Das Spezial.


Politik-Spezial

Ihr Wunsch-Bundespräsident Wulff scheitert, sie muss Gauck als Nachfolger hinnehmen, ihre Mehrheit steht im Bundestag nicht mehr hinter ihr: Die Autorität von Bundeskanzlerin Merkel schwindet. Das Spezial.


Fotostrecke
Plaßmanns Welt (295 Bilder)
Fotostrecke
Meeresbewohner: Leuchtend grüne Quallen gleiten durch ein Aquarium.

Manchmal sind es die kleinen, schönen Dinge am Rande, die beeindrucken. Die zeigen wir in unseren Bildern des Tages.

Revolte

Protest und Party, Revolte - aber keine Revolution: 1968 hat die Gesellschaft nachhaltig verändert.

Quiz
Wissens-Test.

Politik, Sport, Wirtschaft - wie gut sind Sie informiert? Machen Sie den Test mit dem unterhaltsamen Tagesquiz.

ANZEIGE
- Business
- Kauftipps!