Frau Hahn, was hat sich nach den Missbrauch-Skandalen in Internaten und bei der Katholischen Kirche bewegt?
Der sexuelle Missbrauch in Institutionen ist ein Thema, das lange Zeit völlig tabuisiert war. Erst durch die starke Medienberichterstattung rückte das Thema nach langer Zeit endlich in das Blickfeld der öffentlichen Diskussion.
Kirche und Reformpädagogik unter Druck: Immer mehr Missbrauchsvorwürfe werden laut. Mehr dazu im Spezial.
Was muss nun beim Kampf gegen den Missbrauch geschehen?
Der Runde Tisch „Sexueller Kindesmissbrauch“ legt unter anderem ein starkes Gewicht auf Prävention. Das halte ich für ganz zentral. Insbesondere die Rechte von Kindern und Jugendlichen zu stärken, ist wichtig. Pro Familia arbeitet schon lange Jahre mit Konzepten zur sexuellen Bildung, die auf die Umsetzung der sexuellen Selbstbestimmungsrechte zielen. Dazu gehört das Recht auf ein Leben ohne sexuelle Gewalt. Denn sexuelle Rechte sind Menschenrechte. Für diese präventive Arbeit muss es in Schulen und anderen Einrichtungen aber mehr Raum und Ressourcen geben.
Familienministerin Schröder plant ein neues Kinderschutzgesetz. Ärzte sollen unter anderem ein vertrauliches Melderegister führen. Eine gute Idee?
Viele der Maßnahmen im Kinderschutzgesetz richten sich auf Interventionen im häuslichen Bereich. Aus unserer Erfahrung sollte man aber besser ansetzen, bevor es zu Übergriffen kommt. Das Pro Familia-Projekt „Ziggy zeigt Zähne“ etwa bestärkt Grundschulkinder in Brandenburg, „Nein“ zu sagen oder sich Unterstützung zu suchen, wenn etwas passiert, was sie nicht wollen.
Warum ist das so wichtig?
Starke Kinder sind weniger anfällig für sexuelle Gewalt. Immer ist es besser dort anzusetzen, wo Kinder in ihren Rechten bestärkt werden. Sexueller Missbrauch ist ein Problem mit großer gesellschaftlicher Breite, findet in allen sozialen Schichten statt und in der letzten Zeit auch verstärkt zwischen den Jugendlichen selbst.
Welche Strukturen in Kindergärten oder Schulen beugen Übergriffen und sexuellem Missbrauch vor?
Wichtig ist es, ein transparentes Umfeld zu schaffen, das Vertrauen ermöglicht. Undurchlässige Machstrukturen und ausgeprägte Hierarchien sollten dagegen vermieden werden. Hilfreich ist außerdem die stärkere Vernetzung von Schulen, Jugendämtern und Beratungsstellen, so dass alle immer wissen, wer der richtige Ansprechpartner ist. Internate, Kitas und kirchliche Einrichtungen sollten beispielsweise Beschwerdestellen für Kinder einrichten, damit Betroffene keine Angst haben und sich trauen, Vorfälle sofort anzuzeigen.
Wie die Skandale zeigen, haben aber auch Pädagogen oft große Probleme, den sexuellen Missbrauch ihrer Schützlinge transparent zu machen.
Erzieher und Pädagogen brauchen mehr Hilfestellung, wie sie bei Kindern Anzeichen für sexuellen Missbrauch erkennen können. Aber sie müssen auch dafür sensibilisiert werden, wie sie so etwas gegenüber Kindern ansprechen.
Ist das sehr schwierig?
Häufig sind Erzieher in solchen Situationen überfordert und wissen nicht, ob sie erst mit dem Kind oder aber mit Kollegen reden sollten – oder lieber gleich zum Jugendamt gehen. Deshalb muss es Standards geben, die als Handlungsabläufe im Ernstfall zu beachten sind. Die Mitarbeiter der Beratungsstellen von Pro Familia leisten seit vielen Jahren psychosoziale Beratung für Gewaltopfer. Sie können daher auch Einrichtungen mit Konzepten unterstützen, wie künftig präventiv mit den Kindern gearbeitet werden kann.
Interview: Franziska Schubert
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