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12. Juli 2010

Professorin warnt vor PID: "Ein Klima der Selektion droht"

Babys aus der Petrischale: Eine Ärztin in Neapel bei der Arbeit mit Eizellen für eine künstliche Befruchtung.  Foto: dpa

Nach dem Urteil des Bundesgerichtshofes warnen Experten vor der unbeschränkten Freigabe der Präimplantationsdiagnostik. Eine davon ist Jeanne Nicklas Faust. Im FR-Interview warnt sie vor den Folgen.

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Zur Person

Jeanne Nicklas-Faust ist Ärztin und Professorin für medizinische Grundlagen der Pflege an der Evangelischen Hochschule in Berlin. Außerdem ist sie Vize-Vorsitzende der Bundesvereinigung Lebenshilfe für Menschen mit geistiger Behinderung. Ihre zweite Tochter kam vor 19 Jahren mit dem Angelman-Syndrom auf die Welt - was eine schwere geistige Behinderung zur Folge hat. Die junge Frau ist auf dem geistigen Entwicklungsstand eines einjährigen Kindes.

Lockerungen bei der Präimplantationsdiagnostik sieht Nicklas-Faust kritisch: Sie fürchtet in der Folge ein menschenfeindliches Klima in der Gesellschaft, das dazu führen könnte, dass Behinderungen zunehmend als vermeidbar eingeschätzt und als Kostenproblem gesehen werden. fra

Frau Nicklas-Faust, ärgern Sie sich über den Spruch des Bundesgerichtshofs zur Präimplantationsdiagnostik, kurz PID?

Das nicht, aber wir hätten uns eine andere Entscheidung gewünscht. Wichtig ist, dass die Reproduktionsmedizin das jetzt nicht als Freibrief zur Selektion von Embryonen auffasst.

Jeanne Nicklas-Faust ist Ärztin und Professorin für medizinische Grundlagen der Pflege an der Evangelischen Hochschule in Berlin. Außerdem ist sie Vize-Vorsitzende der Bundesvereinigung Lebenshilfe für Menschen mit geistiger Behinderung.
Jeanne Nicklas-Faust ist Ärztin und Professorin für medizinische Grundlagen der Pflege an der Evangelischen Hochschule in Berlin. Außerdem ist sie Vize-Vorsitzende der Bundesvereinigung Lebenshilfe für Menschen mit geistiger Behinderung.
 Foto: Lebenshilfe

Das hatte der Gerichtshof wohl auch nicht im Sinn...

Nein, er sagt ja ausdrücklich, dass PID nicht strafbar ist, wenn aufgrund familiärer Vorbelastungen mit bestimmten, schweren Erbkrankheiten beim Kind zu rechnen ist. Das sollte der Gesetzgeber jetzt aber auch fixieren. Er muss klar machen, dass der BGH-Spruch keine positive Selektion legalisiert. Sonst haben wir mit einem Schlag Zehntausende Fälle im Jahr, wo Embryos bei der künstlichen Befruchtung untersucht werden.

PID würde es Ärzten erlauben, den vielversprechendsten Embryo auszuwählen. Bisher werden oft drei eingepflanzt, um die Chance zu erhöhen, dass die Frau schwanger wird. Damit steigt aber das Risiko gefährlicher Mehrlingsschwangerschaften. In solchen Fällen dürfen schon heute Embryonen im Mutterleib getötet werden.

Die Reproduktionsmediziner sind davon ausgegangen, dass sie dank PID die Schwangerschaftsraten erhöhen könnten. Eine aktuelle Auswertung zahlreicher Studien sagt jedoch, dass sich diese Hoffnung so nicht bewahrheitet hat.

Noch mal: Es ist erlaubt, bei Gefahr für die Mutter, Föten im Mutterleib zu töten, bis zum Geburtstermin. Wäre es nicht in vielen Fällen sinnvoller, vorher nachzuschauen - per PID?

Mein Problem ist: Gibt man PID frei, wird die Vermeidbarkeit von Behinderung stärker in den Fokus gerückt. Es entsteht ein Bild vom Leben mit Menschen mit Behinderung, als ruiniere es das ganze Leben. Es entsteht ein Klima, das verstärkte Selektion fördert zulasten der Solidarität. Das hätte auch Auswirkungen auf die Integration von Menschen mit Behinderung. Ich fürchte, wir hätten bei hemmungsloser PID irgendwann keinen menschenfreundlichen Umgang mehr miteinander.

Wäre es nicht möglich, mit strengen Gesetzen den Missbrauch der PID zu verhindern, sie aber in begründeten Fällen zu erlauben?

Theoretisch kann man das regeln, praktisch kommt es häufig zu Ausweitungen wie bei der Pränataldiagnostik zur Suche nach angeborenen Behinderungen, die eigentlich nur für Risikofamilien gedacht war. Inzwischen nutzen sie mehr als 80 Prozent der Schwangeren. Deshalb bin ich da sehr misstrauisch.

Zurück zum behindertenfeindlichen Klima: Haben Sie schlechte Erfahrungen gemacht, weil sie eine behinderte Tochter haben?

Ja, mir ist es einmal sogar auf einer kirchlichen Podiumsveranstaltung passiert, dass ich gefragt wurde, ob die Betreuung und Versorgung meiner Tochter nicht sehr teuer sei. Genau so etwas meine ich: Da kommen Kostendiskussionen auf und die implizite Botschaft: Das hätten Sie doch verhindern können, wenn Sie abgetrieben hätten.

Ihre Tochter ist 19 und auf dem Entwicklungsstand einer Einjährigen. Haben Sie Verständnis für angehende Eltern, die sagen: Ich würde das nicht schaffen?

Natürlich habe ich Verständnis dafür, wenn manche sich gegen ein Leben mit behindertem Kind entscheiden. Es gibt ja auch den Fall, dass eine Familie ein behindertes Kind betreuen kann, aber ein zweites nicht schaffen würde. Ich sehe es allerdings sehr kritisch, wenn Kinder bloß auf Verdacht abgetrieben werden, wie nach der sogenannten Nackenfaltenuntersuchung: Jede achte Frau kriegt daraufhin die Nachricht, ihr Kind habe vielleicht ein Down-Syndrom. Dabei sind 90 Prozent der Kinder mit zu dicker Nackenfalte gesund.

Aber auf so einen vagen Verdacht hin treibt eine Frau mit Kinderwunsch doch nicht gleich ab!

Ich kenne Familien, die mir geschrieben haben: Wenn wir auf unseren Frauenarzt gehört hätten, hätten wir abgetrieben, dabei ist das Kind gesund.

Das Problem scheint da ja eher der Frauenarzt zu sein. Ist die Befürchtung, dass PID Designer-Babys zur Folge hat, berechtigt?

Ich glaube nicht, dass in Deutschland übermorgen Embryonen aussortiert würden, weil sie das falsche Geschlecht haben, aber ich sehe die Gefahr, dass bestimmte Eltern, auf bestimmte Merkmale schauen würden. Außerdem verändert die bewusste Wahl, die PID ermöglicht, die Liebe ohne Bedingung im Eltern-Kind-Verhältnis: Man nimmt nicht mehr an, was man kriegt.

Ist es denn überhaupt so schlimm, ein behindertes Kind zu haben?

Meistens nicht. Es ist anstrengend, das ja. Aber schlimm, im Sinne von weniger Lebensglück, ist es nicht. Wir haben genauso viel zu lachen wie andere Familien, trotz, oder gerade wegen unserer Tochter.

Und sogar Berufstätigkeit - wie bei Ihnen - ist möglich.

Ja, als meine Tochter ein Jahr alt war, habe ich wieder angefangen zu arbeiten. Mein Mann und ich haben immer 1,5 Stellen zusammen gehabt. Das kann anstrengend sein, aber das ist es für Eltern mit gesunden Kindern auch.

Interview: Frauke Haß

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