kalaydo.de Anzeigen

Proteste im Iran: Das Feuer schwelt weiter

Die religiöse Elite im Iran distanziert sich von Ahmadinedschad. Das Regime geht trotzdem mit aller Härte gegen Demonstranten vor. Es traut sich jedoch nit Mussawi festzunehmen. Von Martin Gehlen

Wieder Proteste. Irans Jugend lässt sich nicht unterkriegen.
Wieder Proteste. Irans Jugend lässt sich nicht unterkriegen.
Foto: getty

Um dem Tränengas auszuweichen, überquerte die alte Frau vor dem Teheraner Stadttheater den Vali-e-Asr Boulevard. "Lasst euch nicht einschüchtern", rief sie den jungen Demonstranten zu, die vor Polizisten mit Gummiknüppeln und Milizen auf Motorrädern zurückwichen. Da trat ihr ein Geheimagent in die Beine: "Halt das Maul oder ich werde dich erwürgen", schrie er. "Jetzt steh' auf und hau ab."

Keine zwei Tage alt ist dieser Augenzeugenbericht. Wieder hatten am Donnerstag tausende Iraner gegen das Regime protestiert. Auch wenn die Schlägertrupps des Obersten Religionsführers Ali Chamenei mit Gewalt Ruhe schaffen - die Empörung über die manipulierte Präsidentenwahl bleibt.

Die Sympathie für die wenigen Mutigen, die sich immer noch auf die Straße wagen, eint Jung und Alt. Und die Risse im Gebäude der Islamischen Republik werden immer sichtbarer. "Es ist unsere Pflicht, mit den Protesten fortzufahren, um die Rechte des Volkes zu verteidigen", ließ Mir Hossein Mussawi auch diese Woche wieder über seine Website verbreiten.

Bisher hat das Regime nicht gewagt, ihn festzunehmen. Er ist ein Mann des Systems, wichtige Teile des politischen und religiösen Establishments sind daher auf seiner Seite. Etwa die rund 100 Parlamentsabgeordneten, die demonstrativ der Siegesfeier von Mahmud Ahmadinedschad fernblieben.

Die tiefste Krise seit 1979

Die Spitzenkleriker des Landes wiederum distanzieren sich vom Obersten Religionsführer Chamenei. Drei der neun Großajatollahs aus Qom protestierten offen gegen Wahlbetrug und Verhaftungswelle. Außer einem hat bisher keiner aus der religiösen Top-Elite Ahmadinedschad zur Wiederwahl gratuliert - ein offener Affront, wie es ihn bisher noch nie gab.

Dabei hatte die Islamische Republik erst vor sechs Monaten ihr 30-jähriges Bestehen bejubelt. Jetzt steckt sie in der tiefsten Krise, seit Ajatollah Chomeini 1979 den Schah aus dem Land jagte. Inzwischen ist dem Regime nicht mehr nach feiern zumute. Denn jeder offizielle Gedenktag birgt das Risiko neuer Massenproteste.

Das spezifische Ineinander von Religion und Politik zeigt absurde Auflösungserscheinungen. Freitags predigen die Größen des Regimes als Willen Allahs unerbittliche Härte gegen Demonstranten. Wochentags lassen sie systematisch allen die Wohnung verwüsten, die aus Protest von ihrem Balkon "Allah ist groß" rufen. Doch Mussawi kalkuliert darauf, dass der iranische Gottesstaat auf absehbare Zeit Versammlungen wieder zulassen muss, will er sich nicht als Gesellschaftssystem aufgeben. Auch Internetblockaden und SMS-Blackouts lassen sich nicht durchhalten, ohne schwere wirtschaftliche Nebeneffekte zu erzeugen.

Doch momentan herrscht erzwungene Stille. Das Feuer des Protests ist übergegangen in einen Schwelbrand. Die Legitimitätskrise des Systems wird weitergehen, die geistlichen Machthaber haben ihre Aura der Unangreifbarkeit verloren. Und ihr Präsident Ahmadinedschad ist vom Sprecher gegen die Dominanz des Westens zu einem grinsenden Politbetrüger mutiert, der auf seine eigenen Landsleute schießen lässt.

Autor:  MARTIN GEHLEN
Datum:  11 | 7 | 2009
Kommentare:  Kommentieren
Empfehlen:  E-Mail
Leserbrief:  Leserbrief
Artikel:  Drucken
Ressort

Nachrichten aus der Politik, Kommentare, Doku und Debatten


Kolumne

Unser Autor Stephan Hebel macht launische Bemerkungen über die doppelte Merkel, den griechischen Unmut über Spar-Kommissare - und, natürlich, den Sylt-Urlaub unseres Staatsoberhaupts.

Spezial
        

 Polizisten vor dem  durch eine Explosion zerstörten Haus in Zwickau,  in dem das rechtsradikale Trio zuletzt untergeschlüpft war.

13 Jahre lang überziehen Rechtsextreme der Zwickauer Zelle das Land mit Morden, Bombenanschlägen und Überfällen. Analysen und Hintergründe im Spezial zum Neonazi-Terror.

Interaktiv

Hier finden Sie alle Termine und aktuellen Ergebnisse der Vorwahlen der Republikaner, sowie Informationen zu den Präsidentschaftskandidaten.

Interaktiv

Wer sitzt mit wie vielen Abgeordneten im Bundesrat? Alle Ministerpräsidenten, alle Zahlen und Fakten hier!

Fotostrecke
Fotostrecke
Politiker-Pannen 2011 (14 Bilder)
Spezial
Die Gegner von S 21 freuen sich über den Etappensieg.

Seit Februar 2010 laufen Bauarbeiten am Stuttgarter Bahnhof. Diskussion, Hintergründe, Fotostrecken und mehr im FR-Spezial.

Fotostrecke
Plaßmanns Welt (240 Bilder)

Anzeige

Spezial
Rechte Proteste gegen den Bau der Kölner Zentralmoschee (Archivbild).

Radikales Gedankengut erreicht unter dem Deckmantel von Islamkritik das bürgerliche Lager. Das Spezial zur Neuen Rechten.

In eigener Sache

FR-Online.de möchte Lesern unter vielen Texten zielführende Diskussionen ermöglichen. Die Redaktion prüft Beiträge in verschiedenen Verfahren.

Sonderthema
Protest in Libyen.

Tunesien, Ägypten, Libyen, Algerien, Jemen - das Volk wagt den Aufstand gegen die Autokraten. Einige sind gefallen, andere bekämpfen die Revolutionäre bis aufs Blut.

Videos
Fotostrecke
Zum Anbeißen: Der Zoo Hannover sorgt beim Füttern für die saisonal passende Deko. Das Erdmännchen hat offenbar seinen Spaß dran.

Manchmal sind es die kleinen, schönen Dinge am Rande, die beeindrucken. Genau die zeigen wir in unseren Bildern des Tages.

Anzeige

Spezial

Bespitzelung von Beschäftigten, Datenklau, Elena, Swift - Was passiert mit unseren Daten?

Anzeige

 
Quiz
Wissens-Test.

Politik, Sport, Wirtschaft - wie gut sind Sie informiert? Machen Sie den Test mit dem unterhaltsamen Tagesquiz.

Fotostrecke
Plaßmanns Klima (19 Bilder)
Meistgeklickt
Mohamadou Idrissou: Noch reicht die Kraft nicht für 90 Minuten, vielleicht reicht sie aber für Fortuna Düsseldorf?
Eintracht gegen Fortuna 
Moderator Günther Jauch.
Günther Jauch 
Gegen seine alten Kollegen in der Startelf: Bamba Anderson.
Eintracht gegen Fortuna 
Ohne Draht zum Volk: Adolf Sauerland.
Kommentar zu Sauerland 
Interaktive Karte
Die Karte Freiheit im Internet 2011 wurde von der NGO Freedom House erstellt - und von der FR als Google Map umgesetzt.

FR-online.de zeigt die Ergebnisse der Studie "Freedom on the Net 2011" in einer interaktiven Karte.

ANZEIGE
- Business
- Kauftipps!