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Proteste in Iran: Propagandaschlacht um Neda

Das Regime gibt ausländischen Kräften die Schuld am Tod der Studentin. An Verschwörungstheorien herrscht kein Mangel. Der Arzt, der erste Hilfe bei Neda leistete, berichtet der BBC von seiner Version. Von Martin Gehlen

Diese Aufnahme soll Neda Agha Soltani zeigen - sie wird in dem Fotocommunity Flickr gezeigt.
Diese Aufnahme soll Neda Agha Soltani zeigen - sie wird in dem Fotocommunity Flickr gezeigt.
Foto: rtr/flickr

An Verschwörungstheorien um den Tod der Studentin Neda herrscht in der Propaganda des iranischen Regimes kein Mangel. Zunächst behauptete am Dienstag der staatliche Sender Khabar, das Video über den Tod der 26-Jährigen am Rande einer Protestkundgebung sei gefälscht.

Zwei Tage später meldeten sich konservative Zeitungen mit einer anderen Version zu Wort. Diesmal war der Tod echt, aber der Schütze eine finstere Gestalt - mit einer Waffe aus dem Ausland oder gar vom Ausland angeheuert. "Die Untersuchung ergab, dass jemand mit einer Schmuggelwaffe das Feuer auf mehrere Menschen in der Karegar-Straße eröffnete, und eine der Kugeln traf Neda Agha-Soltan in den Rücken", meldeten die Blätter unter Berufung auf die konservative Nachrichtenagentur Fars.

Die Zeitung Watan Emrus, die Präsident Mahmud Ahmadinedschad nahe steht, verstieg sich gar zur Behauptung, der inzwischen des Landes verwiesene BBC-Korrespondent Jon Leyne habe "einen Killer angeheuert und ihn bezahlt, damit dieser jemanden für seinen Dokumentarfilm tötet".

Das war dem iranischen Mediziner und Literaten Arash Hejazi, der der tödlich getroffenen Studentin erste Hilfe geleistet hatte, dann doch zu viel. Hejazi lebt normalerweise in Teheran und hat dort einen Buchverlag. Im Augenblick studiert er aber in Oxford Verlagswesen. Kurz nach seiner Rückkehr aus Teheran meldete sich der 38-Jährige jetzt in einem BBC-Interview zu Wort.

Er sei mit ein paar Freunden in seinem Verlagsbüro gewesen, sagte er. "Wir hörten, es gebe in der Nähe Proteste und wollten uns das ansehen." Plötzlich seien Tränengasgranaten geflogen, Motorräder auf die Menge zugerast. Die Menschen gerieten in Panik, rannten. "Dann hörten wir einen Schuss", berichtete Hejazi.

Neda, die er vorher nicht kannte, habe einen Meter von ihm entfernt gestanden. "Ich drehte mich um, sah, wie Blut aus ihrer Brust schoss, und versuchte die Wunde zuzupressen." Zunächst seien alle davon ausgegangen, der Schuss sei von einem Hausdach gekommen. Dann aber hätte die umstehende Menge einen Motorradfahrer der Basidsch-Milizen als Schützen ausgemacht. "Wir haben ihn", hätten sie geschrieen, nachdem sie den Mann entwaffnet hatten. Die Menge sei außer sich gewesen, der Milizionär habe gebrüllt: "Ich wollte sie nicht töten." Ein Demonstrant habe die Menge beschworen, den mutmaßlichen Täter nicht zu lynchen. Die aufgebrachten Protestierer nahmen ihm seinen Basidsch-Ausweis ab, fotografierten ihn. Dann ließen sie ihn laufen, weil sie nicht wussten, was sie mit ihm tun sollten.

Da war Neda bereits auf dem Asphalt verblutet. "Sie starb in weniger als einer Minute. Nie zuvor habe ich so eine Wunde gesehen. Die Kugel muss innerhalb ihres Körpers explodiert sein", sagte Hejazi. Er selbst riskiere mit dem Interview, nicht in den Iran zurückkehren zu dürfen. Trotzdem habe er sich entschieden, mit seinem Wissen an die Öffentlichkeit zu gehen: "Ich will nicht, dass die junge Frau umsonst gestorben ist."

Autor:  MARTIN GEHLEN
Datum:  27 | 6 | 2009
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