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Politik
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03. Juni 2014

Proteste: Schockwellen in der DDR

 Von 
Bruderkuss 1989: Michail Gorbatschow und Erich Honecker.  Foto: REUTERS

In der Opposition ging 1989 die Angst um, dass die SED-Führung zur „chinesischen Lösung“ greifen würde.

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Im Juni 1989 herrschte auch in der DDR eine angespannte Atmosphäre. Die SED-Führung verfolgte mit Sorge, wie unter dem Eindruck von Gorbatschows Reformpolitik in der Sowjetunion, der Solidarnosc-Bewegung in Polen und dem allgemeinen wirtschaftlichen Niedergang die Stabilität der sozialistischen Nachbarstaaten zu bröckeln begann.

In Polen standen die ersten halbdemokratischen Wahlen bevor, in Ungarn bahnte sich die Öffnung der Grenze nach Österreich an. In den diplomatischen Vertretungen der Bundesrepublik in Ost-Berlin, Warschau und Prag drängten sich derweil Hunderte DDR-Bürger, die auf ihre Ausreise hofften und ständig andere nachzogen. Und in der DDR selber wurden oppositionelle Gruppen immer mutiger.

Die brutale Niederschlagung der Proteste auf dem Platz des himmlischen Friedens wirkte auf viele Menschen in der DDR wie ein Schock – verstärkt durch die Tatsache, dass die Staats- und Parteiführung der DDR die Gewaltakte in Peking ausdrücklich billigte. Ausgerechnet der für Sicherheitsfragen zuständige ZK-Sekretär Egon Krenz sagte in der Nachrichtensendung Aktuelle Kamera beifällig, auf dem Platz des Himmlischen Friedens sei lediglich die Ordnung wiederhergestellt worden. Am 8. Juni 1989 stellte sich dann die Volkskammer einstimmig hinter das Vorgehen der chinesischen KP, die bis dahin eher wenig Sympathie in der SED-Führung genossen hatte.

Moralische Schwelle erhöhen

Die Hoffnung auch mancher SED-Genossen, jüngere und weniger verknöcherte Funktionäre wie Hans Modrow oder Günter Schabowski könnten die DDR doch noch auf den Kurs von Michail Gorbatschow bringen, verflogen. Bald machte das Wort von der chinesischen Lösung die Runde – die Sorge, dass auch in der DDR die Staatsgewalt mit Maschinenpistolen und Panzern gegen protestierende Bürger vorgehen könnte. Und doch mehrte sich der Widerstand.

Am 6. Juni wollten 20 Aktivisten aus dem Umfeld der Umweltbibliothek eine Protestnote an der chinesischen Botschaft in Pankow übergeben. Sie wurden schon auf dem Weg dorthin festgenommen. Am Tag darauf versammelten sich an die 200 Oppositionelle in Prenzlauer Berg, die Fälschungen bei der Kommunalwahl und der Tiananmen waren ihre Themen. Polizei und Staatssicherheit ließen sie abführen.

Aus der Sorge, die SED-Führung könnte militärisch auf die wachsenden Proteste in der DDR reagieren, entwickelte sich dann eine der wesentlichen Losungen der Opposition in den stürmischen Oktober- und Novembertagen des Jahres 1989: „Keine Gewalt“. Damit sollte die moralische Schwelle für die andere Seite erhöht werden.


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Anfang Oktober reiste Egon Krenz zum 40. Jahrestag der chinesischen Revolution nach Peking. Doch anders als befürchtet, kam er nicht mit Anleitungen zur blutigen Unterdrückung einer Konterrevolution nach Ost-Berlin zurück. Eher im Gegenteil. Krenz gehörte zu jenen in der SED-Führung, die wenig später dafür sorgten, dass die Sicherheitskräfte nicht mit Waffengewalt auf die wachsenden Proteste und Demonstrationen reagierten und die Wende insgesamt friedlich verlaufen ist.

Allerdings ist auch von Stasi-Chef Erich Mielke angesichts der mächtigen Montagsdemonstrationen das Zitat überliefert: „Was sollen wir jetzt machen? Wir können doch nicht mit Panzern schießen!“

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