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Prozess: "Sauerland-Terroristen" wollen aussagen

Die mutmaßlichen Bombenbauer der "Sauerland-Gruppe" kündigen überraschend Geständnisse an. Endet der Prozeß früher als erwartet? Und welche Rolle spielten die Geheimdienste? Von Annika Joeres

Szene im Gericht: Der Angeklagte Atilla S. (Mitte) und der Mitangeklagte Adem Y. (links hinten).
Szene im Gericht: Der Angeklagte Atilla S. (Mitte) und der Mitangeklagte Adem Y. (links hinten).
Foto: dpa

Die mutmaßlichen Terroristen der "Sauerland"-Gruppe werden gesprächig. Überraschend haben alle vier Angeklagten am Dienstag vor dem Düsseldorfer Oberlandesgericht angekündigt, ein Geständnis ablegen zu wollen. Die Initiative dazu ging von Adem Y. aus, der seit Beginn des Prozesses vor zwei Monaten mit demonstrativem Gähnen und Zwischenrufen schon zahlreiche Ordnungsstrafen provoziert hatte.

"Es ist mir egal, wie viel Sie mir geben, ob 20 oder 30 (Jahre). Ich möchte nur, dass das hier vorbeigeht. Mir ist langweilig", sagte der 29-Jährige am Dienstag vor Gericht. Sein Geständnis wollte er noch am gleichen Tag, dem 15. Verhandlungstag, vor zwei Beamten des Bundeskriminalamts (BKA) ablegen. Die drei anderen Angeklagten wollen sich öffentlich vor Gericht zu ihren Taten einlassen. Als Termin dafür gilt der nächste Verhandlungstag in zwei Wochen.

Die forsche Ankündigung von Adem Y. kommt aus Sicht der Verteidigung zu einem günstigen Zeitpunkt. Bundesanwaltschaft und der Vorsitzende Richter Ottmar Breidling hatten noch am Morgen deutlich gemacht, dass nur ein frühes, umfassendes Geständnis sich strafmildernd auf das Quartett auswirken werde. "Butter bei die Fische. Alle Karten auf den Tisch - und zwar offen, nicht gezinkt", verlangte Richter Breidling.

Denn dem Gericht sind ohnehin viele Details der geplanten Terroranschläge bekannt. Interessant für die Strafverfolger sind aber Auskünfte über mögliche Verflechtungen der Vier mit internationalen Terrorgruppen.

Monatelang hatten die Fahnder die Sauerland-Gruppe überwacht, sie im Auto, bei Telefongesprächen und in einer Ferienwohnung im Sauerland abgehört. Dabei sollen Adem Y., Daniel S., Attila S. und Fritz G. über Anschläge auf US-Militäreinrichtungen und Diskotheken gesprochen haben, die häufig von US-Amerikanern besucht werden. Im September 2007 nahm eine Spezialeinheit der Polizei die mutmaßlichen Attentäter fest.

Dunkle Flecken aufhellen

"Wenn unser Anschlag klappt, geht's ab. Die Welt wird brennen", soll Adem Y. laut Überwachungsprotokoll geäußert haben. Aus den Gesprächen geht auch hervor, dass die Gruppe mit ihren Anschlägen ein Zeichen gegen den Bundeswehreinsatz in Afghanistan setzen wollten. Die Bomben sollten wenige Tage vor der Entscheidung des Bundestages explodieren, das Mandat für den Isaf-Einsatz abermals zu verlängern. Es sollte dabei möglichst viele Opfer geben.

Die angekündigten Geständnisse könnten nun auch einige dunkle Flecken der Observation aufhellen. Denn in einem der größten deutschen Terrorprozesse ist die Rolle der Geheimdienste nach wie vor umstritten. Nach Zeugenaussagen steht beispielsweise der US-Geheimdienst CIA im Verdacht, über einen Mittelsmann die Zünder für die Bomben geliefert zu haben, die aus Wasserstoffperoxid hergestellt werden sollten. Unklar ist bislang auch, welchen Einfluss deutsche, usbekische US-Agenten in der ganzen Angelegenheit hatten.

Deutsche Stellen hatten nach der Festnahme mitgeteilt, die Männer seien Mitglieder der IJU, einer vor Jahren im zentralasiatischen Usbekistan formierter Terrorgruppe. Als Beweis galt eine türkische Internetseite, auf der vier Männer, verkleidet mit Tüchern auf dem Kopf und Waffen in der Hand, zu Anschlägen aufriefen und sich zur IJU bekannten.

Doch was ist die IJU wirklich? Hat sie Befehlshaber, ist sie international aufgestellt und verfügt sie über gewaltbereite Mitglieder? Es gibt Zweifel an der Echtheit dieser Organisation und ihrer Verbindung zu den vier Angeklagten. "Die IJU und der Rolle des CIA werden der interessante Teil der Geständnisse sein", sagte Johannes Pausch, Anwalt des angeklagten Daniel S., eines deutschen Konvertiten, der FR. Er kündigte eine Wende für den gesamten Prozess an. Ursprünglich hatte das Gericht knapp zwei Jahre für die Hauptverhandlung angesetzt. Sollten die Angeklagten umfassend aussagen, könnte das Urteil nun schon in wenigen Monaten fallen.

Autor:  ANNIKA JOERES
Datum:  9 | 6 | 2009
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