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17. Juli 2012

Prozess gegen Heckenschützen von Malmö: Mangs will von Mordanklagen nichts hören

 Von Hannes Gamillscheg
Der mutmaßliche Serientäter von Malmö interessiert sich nicht für den Prozess gegen ihn. Foto: dpa

Die Ankläger halten Peter Mangs für einen rassistischen Serienattentäter, der drei Menschen ermordete und zwölf weitere Mordversuche auf dem Gewissen hat. Die Beweislage ist erdrückend. Doch der mutmaßliche Serienschütze selbst interessiert sich nicht für den Prozess - und hält sich die Ohren zu.

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Malmö –  

Während Staatsanwältin Solveig Wollstad im schwedischen Malmö Mangs Verbrechen mit lebenslangem Gefängnis taxiert, sitzt der 40-jährige Angeklagte scheinbar uninteressiert auf der Gerichtsbank, liest in einem Buch über „100 fantastische Städte“ und presst die Daumen in die Ohren, um nichts zu hören. Nur wenn er umblättert, nimmt er sie heraus.
Neun Wochen lang haben die Ankläger Mangs mit der Anschlagserie konfrontiert, die in Malmös Migrantengruppen große Angst auslöste, schoss der damals unbekannte Serienschütze doch scheinbar wahllos auf Dunkelhäutige. Vor Gericht äußerte sich der hagere, kahle Mann anfänglich einsilbig verneinend, dann hatte er „keinen Kommentar“ und schließlich koppelte er sich, hinter Bücher verschanzt, ganz aus dem Verfahren aus. Auch schon in den Polizeiverhören nach seiner Verhaftung im Herbst 2010 war Mangs zunächst zusammenarbeitswillig gewesen, doch später begann er lauthals zu singen, wenn er verhört werden sollte. Anders Breivik, der rechtsradikale norwegische Massenmörder, hat Mangs wegen seiner Attentate auf Einwanderer als Vorbild hervorgehoben. Doch während Breivik in seinen Verbrechen schwelgt und unbedingt für zurechnungsfähig gelten will, bestreitet Mangs alle Anklagen außer ein paar Lappalien und hat offensichtlich nichts dagegen, dass an seinem Geisteszustand gezweifelt wird.

Mangs soll Taten "bis ins Detail" geplant haben

Doch nicht einen Verrückten zeichnete Wollstad in ihrem Schlussplädoyer, sondern einen Mörder, der seine Taten „bis ins Detail“ plante, der „rücksichtslos das Leben vieler Menschen zerstörte“ und dabei „völlig gleichgültig“ blieb. Stets schoss er im Schutz der Dunkelheit und versteckt aus Hinterhalten. Dass seine Opfer fast ausschließlich Zuwanderer waren, sei „natürlich kein Zufall“. In seinem Computer fand die Polizei Mengen an rassistischer und antisemitischer Propaganda, und selbst seiner Mutter waren seine ausländerfeindlichen Tiraden zu viel. Als Beweise stützt sich die Staatsanwaltschaft vor allem auf Mangs Waffen und die Kugeln und Patronenhülsen, die an den Tatorten gefunden wurden. Als Mangs noch sprach, erklärte er, dass die Waffen von „anderen“ benützt wurden, ohne sagen zu können, wer diese seien, und dass jemand die Kugeln in dem Schützenklub, in dem er trainierte, mitgenommen und dann am Tatort ausgestreut habe.
Er bestritt auch, dass er die Taten sowohl einem Freund wie dem Gefängnispersonal gestanden habe. „Den Affen habe ich abgeknallt“, soll er dem Freund nach dem ersten Mord an einem Iraner erzählt haben. Unter Morddrohungen sei er zum Schweigen gezwungen worden, erklärte der Kumpan vor Gericht. Auch den Mord an einer jungen Frau, der einzigen ethnischen Schwedin unter den Opfern, soll er gestanden haben. Sie saß mit einem Zuwanderer in einem Auto und kam dem Täter wohl in die Quere, als er auf ihren Freund schießen wollte. Mangs räumte ein, dass er mit geladener Waffe und schusssicherer Weste durch Malmö ging, um den „Adrenalinstoß“ zu verspüren. Doch geschossen habe er nur auf Straßenschilder.

Verteidiger bezeichnen Indizien als "zu unsicher"

Nur für diese Sachbeschädigung könne er verurteilt werden, argumentierten am Dienstag Mangs Verteidiger. Weder DNA-Spuren noch sein Mobiltelefon binden ihn an die Tatorte, und die technischen Indizien seien zu unsicher, um einen Schuldspruch zu rechtfertigen. Doch Prozessbeobachter stufen die Aufgabe der Anwälte als „hoffnungslos“ ein, zu eindeutig sei die Beweislage. Schließlich gibt es auch Zeugen, die ihn wiedererkannt haben wollen, und Schlüssel und andere Gegenstände eines der Opfer, die die Polizei in Mangs Wohnung fand. Staatsanwältin Wollstad stufte die Attentate des mutmaßlichen Serienschützen auf der Strafskala als „auf dem Niveau von lebenslänglich“ ein, will aber das Ergebnis einer rechtspsychiatrischen Untersuchung abwarten, ehe sie das Strafmaß beantragt. Das Urteil soll Anfang September verkündet werden.

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