München. Im Münchner Prozess gegen den mutmaßlichen NS-Kriegsverbrecher John Demjanjuk will sich der 89-Jährige vorerst nicht zu den Vorwürfen äußern. "Der Angeklagte macht von seinem Recht, keine Angaben zu machen, Gebrauch", sagte sein Verteidiger Ulrich Busch am Dienstag vor dem Landgericht München II. Die Staatsanwaltschaft verlas unterdessen die Anklage, in der Demjanjuk Beihilfe zum Mord an 27.900 Juden vorgeworfen wird.
Staatsanwalt Hans-Joachim Lutz sagte bei der Anklageverlesung, der gebürtige Ukrainer sei im Jahr 1943 ein halbes Jahr Wärter in Sobibor gewesen. In dieser Zeit seien dort 15 Züge mit aus den Niederlanden deportierten Juden angekommen. In den Zügen wurden laut Anklage zwischen 1100 und 3030 Juden deportiert, insgesamt waren es demnach 29.579. Wie Lutz sagte, starben davon mindestens 27.900. Demjanjuk habe sich als Wärter, der die Juden in die Gaskammern trieb, der Beihilfe zum Mord an diesen schuldig gemacht.
Am zweiten Verhandlungstag erschien der 89-Jährige etwas reger als noch beim Prozessauftakt am Montag, wo er apathisch wirkte. Demjanjuk lag erneut auf einer Krankenbahre. Er unterhielt sich aber zwischenzeitlich mit seinem Arzt und seinem Verteidiger. Erneut machte er aber keinerlei Aussagen. Verhandelt werde darf nur zwei Mal 90 Minuten pro Tag.
Nachdem er schon am ersten Prozesstag einen Befangenheitsantrag gegen das Gericht und die Staatsanwaltschaft gestellt hatte, beantragte Verteidiger Busch am Dienstag, das Verfahren ganz einzustellen. Busch sagte, es gebe eine Reihe von Rechtshindernissen. So sei Demjanjuk "von einer tödlichen Krankheit befallen" im Mai aus den USA nach Deutschland gebracht worden.
Er sei außerdem wegen derselben Vorwürfe wie nun in München "unzweifelhaft" bereits in den 80er Jahren in Israel angeklagt gewesen. Die neue Anklage verletze damit den Grundsatz, dass ein Verdächtiger nicht zweimal wegen desselben Vergehens angeklagt werden dürfe. Auch in Polen sei schon gegen Demjanjuk ermittelt worden, dieses Verfahren sei rechtskräftig ohne Anklage eingestellt worden. Außerdem bestehe keine deutsche Staatszuständigkeit für den Prozess, sagte Busch.
"Bald sterben die letzten Täter und Opfer"
Am Rande des Prozesses sagte der ehemalige Sobibor-Insasse Thomas Blatt vor Journalisten, nach seiner Einschätzung sei dies der letzte große NS-Kriegsverbrecherprozess. "Bald sterben die letzten Täter und Opfer, dann ist es nur noch Geschichte." Blatt sagte, er verstehe nicht die Kritik daran, dass gegen den 89-jährigen, gesundheitlich angeschlagenen Demjanjuk ein Prozess stattfinde. Demjanjuk solle froh sein, dass er über Jahrzehnte unbehelligt in den USA leben und eine Familie gründen konnte. "Ich habe keine Familie mehr", sagte Blatt, der mit 15 Jahren nach Sobibor kam und dessen Eltern und Bruder dort vergast wurden.
Blatt sagte, er habe andere Bilder vor Augen als die Öffentlichkeit, wenn er an Demjanjuk denke. "Ich sehe noch die Stiefel voller Blut, wenn die Wärter in die Gaskammern gegangen sind und dort mit ihren Bajonetten in die Vergasten gestochen haben und anschließend wieder rausgekommen sind." Persönlich identifizieren kann Blatt Demjanjuk allerdings nicht. Die Staatsanwaltschaft glaubt, ihn mittels seines damaligen Dienstausweises überführen zu können.
Demjanjuk war im Mai 2009 nach monatelangem juristischen Tauziehen aus den USA abgeschoben worden. Zum Auftakt des Verfahrens am Montag waren zahlreiche Journalisten und Besucher aus aller Welt angereist. Unter ihnen waren auch rund 20 Nebenkläger vor allem aus den Niederlanden, die in Sobibor Angehörige verloren haben.
In dem Vernichtungslager im besetzten Polen hat Demjanjuk nach Auffassung der Anklage 1943 als Wachmann geholfen, die Nazi-Verfolgten in die Gaskammern zu treiben. Zwar ist ihm bisher keine konkrete Mordtat nachzuweisen. Doch die Anklage argumentiert, dass Sobibor ein reines Vernichtungslager war. Wer hier arbeitete, hatte keine andere Aufgabe als bei der Ermordung der aus verschiedenen Ländern eintreffenden Männer, Frauen und Kinder zu helfen. (afp/dpa)
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Damir Fras ist unser US-Korrespondent
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