Sie werden auch heute wieder draußen in der Kälte stehen, so wie sie 21 Monate lang dort standen, Prozesstag für Prozesstag, pünktlich um neun, wenn sich die Türen zum Landgericht Dessau öffneten. Sie werden noch einmal ihre Transparente entrollen, darauf die Worte: "misshandelt, gefesselt, verbrannt". Dann werden sie rufen: "Oury Jalloh - es war Mord!" Ein letztes Mal werden sie hoffen, dass ihrem toten Freund Gerechtigkeit wiederfährt und da drinnen zwei Polizisten schuldig gesprochen werden. Aber sehr wahrscheinlich ist das nicht.
Fast drei Jahre ist es inzwischen her, dass der Asylbewerber Oury Jalloh im Keller des Polizeireviers Dessau verbrannte. Am heutigen Montag nun will das Dessauer Landgericht diesen quälend langen Prozess beenden. Aber ob es überhaupt zu einem Urteil kommt, ist seit letzter Woche fraglich. Zwei Prozesstage wurden da ohne Begründung abgesagt, hinter vorgehaltener Hand war von einem bevorstehenden Deal die Rede, plötzlich schien es möglich, dass dieses Verfahren nach annähernd 60 Verhandlungstagen kurzerhand eingestellt wird. Es wäre die letzte verblüffende Wendung in einem an Merkwürdigkeiten reichen Prozess.
Dass der überhaupt im März 2007, gut zwei Jahre nach Oury Jallohs Tod, beginnen konnte, ist nur dem immensen öffentlichen Druck zu verdanken, den Freunde des Opfers und Menschenrechtsgruppen ausübten. Sie bezweifelten stets die offizielle Polizeiversion, dass sich der 36-Jährige am 6. Januar 2005 in einer Ausnüchterungszelle selbst verbrannt habe. Am Ende, nachdem immer neue Ungereimtheiten zu Tage gekommen waren, blieb dem Gericht nichts anderes übrig, als diesen Prozess zu eröffnen.
Im Kern ging es vor der 6. Strafkammer um die Frage, ob der Dienstgruppenleiter Andreas S. an jenem Vormittag das Leben des Oury Jalloh hätte retten können, wenn er ausreichend schnell gehandelt hätte. Sie ließ sich nie zweifelsfrei beantworten. Etliche Gutachten wurden für den Prozess verfertigt, mehrere Male wurde der Feuertod des Mannes aus Sierra Leone nachgestellt und wurden dabei die Sekunden gestoppt. Ob aber S., ein biederer Beamter mit traurigem Gesicht, wirklich absichtlich Zeit verstreichen ließ, nachdem er in seinem Dienstzimmer den Feueralarm gehört hatte, ließ sich im Grunde nicht mehr hinreichend genau rekonstruieren.
Für die "Initiative in Gedenken an Oury Jalloh" aber ging es von Anfang an noch um eine ganz andere Frage: Ob es möglich ist, dass sich ein Mann mit fast drei Promille Alkohol im Blut, der an Händen und Füßen gefesselt auf einer feuerfesten Matratze liegt, selbst verbrennen kann. Dem Gutachter, der das - als theoretische Möglichkeit - bejahte, schenkten Jallohs Freunde keinen Glauben. So schwebte all die Monate ein ungeheurer Verdacht über dem Prozess. Er wird bleiben.
Genährt wurde der Argwohn der Beobachter ausgerechnet von jenen, die ihn hätten ausräumen sollen: den Dessauer Polizisten selber. Als Zeugen verstrickten sie sich mitunter in abenteuerliche Lügen - so lange, bis Richter Manfred Steinhoff rief: "Wir leben in keiner Bananenrepublik!" Die Hauptbelastungszeugin wurde gleich zu Prozessbeginn plötzlich zur Entlastungszeugin. Andere Beamte tischten dem Gericht Geschichten auf, die zu geschönt wirkten, um wahr zu sein. Dazu passte, dass der Revierleiter mitten im laufenden Prozess alle Polizeizeugen zu einem Treffen bat. Was genau dort besprochen wurde, bleibt nebulös.
Kein gutes Licht auf Dessaus Polizei warf auch der Mitschnitt eines Telefonats zwischen dem Angeklagten S. und dem Arzt, der den gefesselten Jalloh untersuchen sollte: "Ja, piekste mal 'nen Schwarzafrikaner." - "Ach du Scheiße, da finde ich immer keine Vene bei den Dunkelhäutigen." - "Na bring' doch 'ne Spezialkanüle mit."
Im Lauf der Jahre verschwanden zudem auf mysteriöse Art Beweismittel. Dafür tauchten andere auf, wie das Feuerzeug, mit dem sich Jalloh selbst angezündet haben soll und das der Mitangeklagte Hans-Ulrich M. angeblich bei der Leibesvisitation des Asylbewerbers übersah. Man fand es erst bei der zweiten Durchsuchung der ausgebrannten Zelle. Mit wachsendem Groll führte Richter Steinhoff diesen Prozess, zwischendurch drohte er, er werde verhandeln, "bis einer umfällt". Aber es fiel niemand um.
Heute nun soll das Ende kommen. Wie immer es aussehen mag, Fragen werden bleiben. Eines aber habe der Prozess offenbart, sagt Rolf Gössner, der Vize-Präsident der Internationalen Liga für Menschenrechte: "ein makabres Stück bundesdeutschen Polizeialltags".
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