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15. November 2013

Pussy Riot: "Es war wie im Gulag"

 Von 
Nadeschda Tolokonnikowa bei einer Anhörung im Juli 2013 in Saransk, in der Teilrepublik Mordwinien. Damals hatte sie die Entlassung auf Bewährung beantragt.  Foto: REUTERS

Vier Wochen lang gab es kein Lebenszeichen von der inhaftierten Pussy-Riot-Aktivistin Nadja Tonokonnikowa. Ihr Ehemann, der Künstler Piotr Wersilow spricht im Interview über seine lange verschollene Frau, ihre Haft und westliche Hilfe.

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Vier Wochen lang gab es kein Lebenszeichen von Nadja Tolokonnikowa. Vor mehr als einem Jahr war die Sängerin der Band „Pussy Riot“ für einen Putin-kritischen Auftritt in einer Moskauer Kirche zu zwei Jahren Lagerhaft verurteilt worden. Mitte Oktober wurde sie aus einem Lager in der Teilrepublik Mordwinien verlegt – wohin, blieb unklar. Erst an diesem Donnerstag erfuhr ihr Mann, der russisch-kanadische Künstler Pjotr Wersilow, dass seine Frau in einem Justizkrankenhaus im sibirischen Krasnojarsk liegt.

Herr Wersilow, wissen Sie schon, wie es Ihrer Frau geht?
Noch nicht genau. Ich bin gerade auf dem Weg zu ihr. Als ich mit ihr telefonieren konnte, war ich aufgrund früherer Hinweise immerhin schon in Sibirien, aber noch 300 Kilometer von Krasnojarsk entfernt.

Wie lange wussten Sie nicht, wo Nadeschda Tolokonnikowa ist?
Ich hatte zuletzt vor anderthalb Monaten mit ihr gesprochen, ihre Anwältin am 18. Oktober. Es war also fast ein Monat ohne jedes Lebenszeichen und ohne Information, wo sie ist und wie es ihr geht. Wenn jemand in ein anderes Gefängnis verlegt wird, haben die Behörden das Recht, keine Angaben dazu zu machen. Das haben sie genutzt, um Nadja zu verstecken.

Sie klingen sehr gefasst. Dabei müssen Sie doch in großer Sorge gewesen sein. Immerhin hatte Ihre Frau zuletzt von Gewaltdrohungen berichtet und musste nach einem Hungerstreik auf die Krankenstation.
Natürlich waren wir krank vor Sorge. Aber ich muss der Situation, in der Nadja ist, eben standhalten. Was bleibt uns übrig. Wir sind Aktivisten: Wenn wir mit Herausforderungen konfrontiert werden wie der, dass einer von uns monatelang fortgeschafft und ferngehalten wird, müssen wir Wege finden, sie aufzuspüren. Ich versuche, mich darauf zu konzentrieren und nicht so sehr auf meine Sorgen.

Wie lebt Ihre gemeinsame fünfjährige Tochter damit?
Wir versuchen, sie nicht mit allem zu belasten. Sie ist in Moskau, bei ihren Großeltern. Sie malt Bilder für ihre Mutter oder entwirft Fluchtpläne, die sie ihr schickt.

Pjotr Wersilow.
Pjotr Wersilow.
 Foto: REUTERS

Der Grund für ihre Verlegung war ein offener Brief, in dem sie ihre Haftbedingungen angeprangert hat ...
Sie hatte selbst um eine Verlegung gebeten, weil ihr von Wärtern und Mitgefangenen Gewalt angedroht wurde. Das lag auch daran, dass sie öffentlich beklagt hatte, dass die Frauen da 17 Stunden arbeiten müssen, dass 800 Frauen einen Waschraum nutzen müssen, der für fünf gedacht ist und völlig verdreckt, dass es drastische Bestrafungsaktionen gab. Sie hat nicht darum gebeten, nach Sibirien zu kommen. Aber zumindest sind die Gefängnisse hier besser als in Mordwinien. Dort war es wie im Gulag.

Menschenrechtsgruppen machten auf Nadeschdas Lage aufmerksam, um zu helfen. Gab es auch Hilfe von westlichen Politikern?
Es gab großen internationalen Druck im gesamten Fall. Angela Merkel sprach sich noch am Tag des Urteils im August 2012 gegen eine Verurteilung der Mädchen aus. Putin stand unter enormem Druck. Leider hat das die Situation nicht sehr verbessert – außer dass es den Mädchen etwas Sicherheit bringt, dass die gesamte Welt hinsieht.

Die Kritik ließ schnell nach.
Es gab durchaus ernste diplomatische Spannungen auch in den letzten Monaten. Nadjas Briefe wurden von westlichen Medien breit aufgegriffen. Leider üben die westlichen Politiker nicht mehr viel Druck aus – obwohl der uns zurzeit sehr helfen würde. Wir wünschen uns, dass vor allem Regierungschefs sich zu Wort melden und von der russischen Regierung verlangen, mit ihren Kritikern nicht so umzugehen.

Gibt es Pussy Riot noch, als Band oder als Aktivistengruppe?
Aber ja. Wir sind nach der Verurteilung der drei Frauen stets in engem Kontakt geblieben, und die Gruppe setzt ihre Aktivitäten fort. Im Sommer haben sie ein neues Video veröffentlicht, das die russische Öl-Förderung kritisierte.

Sie sind weiter von Russland aus aktiv? Ist das nicht höchst riskant?
Das glaube ich nicht. Mag sein, dass wir wieder Ärger bekommen. Wer sich entscheidet, ein politischer Aktivist in Russland zu sein, muss sich eben darauf einstellen, verhaftet oder gar verurteilt zu werden. Aber wir fürchten uns nicht davor.

Könnten Sie nicht Ihre kanadische Staatsbürgerschaft nutzen, um mit Ihrer Tochter nach Kanada zu gehen und Ihre Frau dann nachzuholen?
Nein. Man kann doch seiner eingesperrten Frau nicht vom Ausland aus helfen! Das wäre dumm und brächte nichts. Wir wollen hierbleiben und das Land von innen verändern. Putin und seine Parteigenossen haben doch jede Menge Bankkonten und Residenzen im Ausland. Sollen die doch ins Ausland gehen!

Interview: Steven Geyer

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