Harmlos und unpolitisch war Wladimir Putin mit Fernsehteam und Fotografen unterwegs im Ussuri-Reservat im fernen Osten Russlands, um Wissenschaftler zu besuchen. Ein Tierarzt erklärte dem russischen Premier, wie so ein Betäubungsgewehr funktioniert - just da befreit sich ein Sibirischer Tiger aus einer Falle und rennt auf die Gruppe zu. Putin hebt die Knarre, zielt, schießt und rettet mit einem lupenreinen Volltreffer alle Beteiligten.
Es sei nicht festzustellen, ob der Vorfall inszeniert war, schreiben Zeitungen außerhalb Russlands. Daheim feierte der Fernsehsender Rossija, dessen Team den Ex-Kreml-Chef begleitete, die Heldentat im Aufmacher der Abendnachrichten: Putin in Wintertarnfarben und Taigastiefeln, furchtlos und reaktionsschnell, wie der Ex-Spion sich seit KBG-Tagen gern inszeniert. Immerhin: nicht halbnackt wie auf Bildern vom Sommer 2007.
Der Naturbursche bedankte sich bei Wissenschaftlern aus Europa und den USA für ihren Beitrag zur Rettung der Raubkatze und dafür, "engagiert gewesen zu sein in einer für Russland schweren Zeit, als niemand sich darum kümmerte". Der Amur- oder Ussuri-Tiger, die größte Raubkatze der Welt, war zeitweise fast ausgestorben, hat sich aber laut WWF erholt.
Es kann Zufall sein, wenn sich ein Tiger auf rund 17 075 400 Quadratkilometern Russland just dann und dort aus einer Falle befreit, wenn und wo ein Premier vorbeikommt. Es könnte aber auch eine Inszenierung von fast freudianischer Symboldichte sein: Der Tiger steht gemeinhin als Symbol für Asien. Der Premier legte dem betäubt zu seinen Füßen liegenden Tier eigenhändig einen Sender an und maß die Länge des Schneidezahns - ein Beitrag zur Zoologenstatistik, der nach magischem Männlichkeitsritual riecht.
Im Klartext: Schönen Dank auch, EU und USA, ich kümmere mich schon selbst um die entlaufenen Tiger Zentralasiens. Ich schieße so schnell - die werden schon als Bettvorleger landen. Und wer war noch mal dieser Medwedew? Noch in Tarnfarben äußerte sich Putin wegwerfend über die Mühen der EU-Staatschefs, eine gemeinsame Antwort auf Moskaus Großmachtpolitik in Zentralasien zu finden.
Historische Ironie: Just am Ussuri waren China und Russland 1969 im Grenzkonflikt um unwichtige Gebiete bewaffnet aneinandergeraten. Der Spalt im kommunistischen Block bereitete einem Dialog des Westens mit Peking den Weg - und läutete auf ganz, ganz lange Sicht das Ende des Kalten Krieges ein.
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