Es ist früher Nachmittag, als sich Zeneida Álvarez endlich eine Pause in Zeiten des Protestes gönnt. Die 70-jährige Rentnerin hat sich in den Schatten eines Hauses im Zentrum der Hauptstadt von Honduras, Tegucialpa, geflüchtet und wischt sich den Schweiß von ihrer Stirn. Wie Tausende anderer Menschen ist sie zusammen mit ihrem Sohn seit den frühen Morgenstunden unterwegs und macht ihrem Zorn gegen die Putsch-Regierung Luft.
Fast zeitgleich an diesem Donnerstag trotzt der neue Präsident Roberto Micheletti den Demonstranten und erweitert in seinem klimatisierten Büro die Regierung. Er tritt vors Mikrofon und ruft in zackigem Ton den ersten Namen: Maria Edilme Quesada.
Die Übergangsregierung hat sich wenige Tage nach dem Putsch in Honduras offen für eine Neuwahl des Präsidenten gezeigt. Übergangspräsident Roberto Micheletti schloss auch ein Referendum über eine Rückkehr des gestürzten Staatsoberhaupts Manuel Zelaya nicht aus.
Die Regierung schlug damit kurz vor dem für Freitag erwarteten Besuch des Generalssekretärs der Organisation Amerikanischer Staaten (OAS), Jose Miguel Insulza, versöhnliche Töne an. Offenbar zeigt die internationale Kritik Wirkung.
Die OAS hat den Putschisten ein Ultimatum bis zum Wochenende gestellt, um den Konflikt beizulegen. Andernfalls will die OAS über die Suspendierung der Mitgliedschaft Honduras' beraten.
Die USA fuhren ihre Militärhilfe für das mittelamerikanische Land zurück. Davon betroffen sind gemeinsame Manöver beider Länder, Anti-Drogen- Aktionen und die Zusammenarbeit der Streitkräfte bei humanitären Einsätzen, erklärte das US-Südkommando.
Venezuelas Staatschef Hugo Chávez kündigte an, die Lieferung von verbilligtem Öl an das mittelamerikanische Land zu stoppen. "Wir haben die Öllieferungen unterbrochen", sagte Chávez am Donnerstag (Ortszeit). Demnach war eine Lieferung venezolanischen Öls an Honduras in der kommenden Woche vorgesehen.
Als Folge der Entscheidung werde der Benzinpreis in Honduras steigen, warnte der linksgerichtete Chávez, der Zelaya nach dem Militärputsch am Sonntag wiederholt den Rücken gestärkt und dessen Rückkehr an die Macht gefordert hatte.
Das europäische Parlament und die Bundesregierung sollen den Putsch in Honduras verurteilen, fordern entwicklungspolitische Organisationen. Zelaya müsse die Rückkehr in das mittelamerikanische Land ermöglicht werden.
Sie tritt aus der Reihe, hebt die Hand und schwört auf die Verfassung des zentralamerikanischen Landes. Nach wenigen Sekunden tritt sie als neue Privatsekretärin Michelettis zurück. Eine weitere Frau und sieben Männer werden genauso schnell Minister. In weniger als fünf Minuten ist das Kabinett des neuen Machthabers in Tegucigalpa um neun Mitglieder größer. Wie und wie lange es nun tatsächlichen regieren wird, ist unklar. Micheletti wird Freitagnachmittag verkünden, dass er eine Neuwahl des Präsidenten erwägt. Fraglich nur, ob ihm das hilft.
"Putschisten raus"; "Mel - kommt zurück"
Was das Volk nämlich von ihm und den neuen Ministern hält, könnte Micheletti hinter dem Rücken von Zeneida Álvarez lesen: An vielen Häusern steht gesprüht: "Putschisten raus"; "Mel - kommt zurück". Mel Zelaya, der entmachtete Präsident, "hat sich an die Armen erinnert", sagt Álvarez. "Deswegen haben sie ihn gestürzt. Weil er für uns was getan hat."
Es ist Tag fünf nach einem Putsch, der das zentralamerikanische Land quasi über Nacht ins politische Zentrum gerückt hat, seit am Sonntag vor Morgengrauen Soldaten Präsident Manuel Zelaya im Pyjama und ohne Socken in ein Flugzeug steckten, außer Landes schafften und der Kongress wenige Stunden später Parlamentspräsident Micheletti als neuen Staatschef vereidigte.
Zelaya kämpft seither um sein Amt und will am Wochenende in seine Heimat zurückkehren, eskortiert von Argentiniens Präsidentin Cristina Kirchner und José Miguel Insulza, dem Chef der Organisation Amerikanischer Staaten. Micheletti will Zelaya ins Gefängnis werfen, sollte er zurückkehren. Ohnehin forcieren die neuen Machthaber ihre Pläne. Die Forderung der Organisation Amerikanischer Staaten (OAS) zur Wiedereinsetzung des gestürzten Staatschefs lehnten sie am Samstag ab.
Gleichzeitig kündigte die Regierung unter Interimspräsident Micheletti den Austritt des Landes aus dem OAS-Staatenbund an. Honduras werde sich den "einseitigen und unwürdigen" Forderungen der OAS nicht beugen, hieß es in der Nacht zum Samstag in einer Erklärung. Zudem ordnete die Übergangsregierung an, die geltende Ausgangssperre in dem mittelamerikanischen Land bis diesen Sonntag zu verlängern.
Erst konservativ, dann links
Als Zelaya 2005 ins Amt gewählt wurde, deutete nichts daraufhin, dass sich der Sohn einer Familie von Großgrundbesitzern von einem rechtsliberalen Kandidaten zu einem linken Präsidenten wandeln würde. Dann näherte er sich der Linksachse um Venezuelas Staatschef Hugo Chávez an, trat dem alternativen Wirtschaftsbündnis Alba bei und sprach von Wiederwahl, Verfassungsreferendum und Sozialismus. Das Risiko war groß. In Honduras bleibt für gewöhnlich nur im Amt, wer den Interessen der Mächtigen dient.
Als Zelaya Anfang des Jahres den Mindestlohn von 3500 auf 5500 Lempiras erhöhte und das Minimaleinkommen der Honduraner auf monatlich umgerechnet 206 Euro stieg, feierten ihn die Armen, aber die Oligarchen senkten endgültig den Daumen über sein Schicksal.
Der Filmemacher Walter Hernández, der am Mittwoch noch eine Mail voller Angst schrieb, weil er die Übergriffe der Polizei gefilmt hatte und sich dann um sich und seine Crew sorgte, kann am Donnerstagabend doch zum Treffen kommen. Grau-schwarze Bartsoppeln zieren sein Gesicht. Die Augen sind rot unterlaufen, spuren des letzten Tränengaseinsatzes und der Müdigkeit.
"Ich habe seit Tagen nicht vernünftig geschlafen", sagte er und bestellt einen Kaffee. Er erzählt von untergetauchten Kollegen und von seinem Team, das sich nach Tagen im Untergrund wieder gemeldet hat.
"In Honduras kontrollieren ein bis zwei Prozent der Elite 90 Prozent der Wirtschaft, und die große Masse der Menschen hat nicht genug zum Essen", sagt Hernández. Nach Zahlen der Vereinten Nationen lebt mehr als die Hälfte der 7,8 Millionen Honduraner unter der Armutsgrenze. Elf Prozent der Kinder gelten als unterernährt.
Die Abgeordneten, die beim Putsch gegen Zelaya mit dem Militär konspirierten, streichen monatlich 60 000 Lempiras (rund 2200 Euro) ein. "In Honduras sind alle Voraussetzungen für eine Revolution gegeben", sagt der Filmemacher.
Rückschritt in alte Zeiten
Im Präsidentenpalast steht Micheletti mittlerweile vor der Presse und wiederholt den Satz, den er so oft wie keinen anderen in den vergangenen Tagen gesagt hat: "Es war kein Staatsstreich, es war ein demokratischer Übergang." Die Verfassung erlaube die Absetzung des Präsidenten, wenn er sich Machtbefugnisse aneigne, die ihm nicht zustünden.
Über das Argument kann Hernández fast schon wieder lachen. "Wie oft haben sie in all den Jahren nachts um elf die Verfassung geändert, wenn es etwa um Steuerbefreiung für Unternehmer ging. Und jetzt ist das Grundgesetz plötzlich unantastbar?"
So genau wie mit der Verfassung nehmen es die neuen Machthaber mit den Bürgerrechten nicht. Oppositionelle Radio- und Fernsehsender sind geschlossen. Gegen Demonstranten ging die Polizei mit Tränengas und scharfer Munition vor. Oppositionelle wurden außer Landes geschafft, wie der Zeitungskarikaturist Alan McDonald. Er wurde nachts aus seinem Haus verschleppt und nach Nicaragua deportiert.
"Wenn Zelaya nicht zurückkommt, ist zwischen Bürgerkrieg und völliger Apathie alles möglich", sagt Hernández. Aber an Eines glaubt er nach den Vorkommnissen nicht mehr: "Eine Versöhnung unter uns Honduranern wird für sehr lange Zeit unmöglich sein."
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