In weißem Gewand mit rotem Vollbart steht Pierre Vogel auf dem Roßmarkt vor der Frankfurter Banken-Skyline. „Allahu Akbar“ (Gott ist der Größte), rufen 1500 junge Muslime dem Mann begeistert zu. Der deutsche Konvertit aus dem Rheinland hatte mit dem Auftritt im April für Aufsehen und Aufregung bei den Sicherheitsbehörden gesorgt. Sich selbst nennt Pierre Vogel Abu Hamza, und seine Anhänger feiern den lautesten der Salafisten in Deutschland wie einen Star.
Am Samstag will Vogel in Hamburg vor dem S-Bahnhof Dammtor seine vorerst letzte Kundgebung auf deutschem Boden halten. Der 32-Jährige will mit seiner Familie für einige Jahre in ein arabisches Land ziehen.
Der Islamist und ehemalige Profiboxer ist schon länger wegen verfassungsfeindlicher Bestrebungen im Blick der Staatsschützer. In Deutschland rechnet der Verfassungsschutz mit rund 37.400 Islamisten, die sich wiederum in 29 Gruppen aufteilen. Unter diesen wachsen die Salafisten am schnellsten und machen den Behörden die größten Sorgen. Wie viele Salafisten es genau gibt, wollen die Verfassungsschützer öffentlich nicht schätzen. Immerhin jeden Zehnten dieser nicht genannten Zahl aber halten sie für gewaltbereit.
Einfache, aber gewählte Sprache
Der Salafismus ist im 19. Jahrhundert in Saudi-Arabien als Gegenbewegung auf Neuerungen in der Religion entstanden, die schon damals aus Sicht der Salafisten dem Islam widersprachen. Sie forderten eine radikale Rückbesinnung auf den Koran und die Sunna, die als authentisch geltenden Überlieferungen von Taten und Worten des Propheten Mohammed und der Religionsauffassung seiner Gefährten, der „Salaf al Salih“, aus dem 7. Jahrhundert.
„Diese Rückwärtsbewegung zu akzeptieren hieße, die 1400 Jahre lange dynamische theologische Entwicklung und das geistige Erbe des Islams völlig außer Acht zu lassen sowie jegliche zeitgenössische Phänomene statisch in die Gegenwart zu transferieren“, erläutert Selçuk Doğruer, der hessische Landesbeauftragte von der Ditib, der Türkisch-Islamischen Union der Anstalt für Religion. „Die Dynamik des Islams in der Koranexegese, Prophetentradition und die gesamte Methodologie der Rechtslehre wird beim Salafismus durch die Dogmatisierung stillgelegt“, sagt er. Dagegen fördere und fordere der Koran aber die gesellschaftliche Entwicklung, sagt der Theologe und zitiert die zweite Sure im Vers 148: „Jeder Glaubensangehörige hat seine Gebete, denen er sich zuwendet. Wetteifert daher miteinander in guten Werken.“
Die meisten salafistischen Prediger in Deutschland haben keine abgeschlossene theologische Ausbildung, auch Pierre Vogel nicht. 2001 konvertierte er zum Islam. Später wollte er Übersetzer werden und lernte in Bonn Arabisch. 2004 ging er nach Saudi-Arabien und studierte drei Semester am Arabistischen Institut für Ausländer an der Umm-al-Qura-Universität in Mekka. Als er 2006 nach Deutschland zurückkehrte, begann er als Prediger im Internet Videobotschaften zu verbreiten. Vogel gebraucht eine einfache, aber gewählte Sprache – und ködert so junge Muslime.
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