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22. März 2016

Radovan Karadzic: Urteil wegen Völkermord-Anklage erwartet

 Von Norbert Mappes-Niediek
Zvornik in Ost-Bosnien, 1995: Karadzic und seine uniformierten Mordbanden.  Foto: STR New / Reuters

Fünf Jahre lang hat das Uno-Kriegsverbrechertribunal für das ehemalige Jugoslawien elf Anklagepunkte gegen den heute 70-jährigen Karadzic geprüft. Der Ex-Serbenpräsident muss sich auf lebenslange Haft gefasst machen.

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Es sei in Wirklichkeit „das serbische Volk, das unter Anklage steht“, verteidigte sich Radovan Karadzic, und nicht er, der Präsident der bosnisch-serbischen Republik Srpska von 1992 bis 1996. Die berüchtigten „ethnischen Säuberungen“ des Krieges hätten nicht stattgefunden. Entweder seien die Muslime und Kroaten auf dem Gebiet seiner Republik noch vor dem Einzug der serbischen Armee freiwillig abgezogen, so Karadzic, oder sie seien später gegangen – zwar „mit schwerem Herzen“, aber „aus freiem Willen“. Im Krieg der Jahre 1992 bis 1995 kamen etwa 100 000 Menschen ums Leben. 65 Prozent der Opfer waren bosnische Muslime, unter den Zivilisten gar mehr als 81 Prozent. Mehr als die Hälfte der 4,4 Millionen Einwohner wurden vertrieben.

Fünf Jahre lang hat das Uno-Kriegsverbrechertribunal für das ehemalige Jugoslawien elf Anklagepunkte gegen den heute 70-jährigen Karadzic geprüft. Die schwersten lauten auf Völkermord: für den Massenmord an mehr als 7 000 Männern und Jungen im ostbosnischen Srebrenica, aber auch generell für den Versuch, Muslime und Kroaten dauerhaft vom Gebiet der Republik Srpska zu vertreiben.

Hinzu kommen fünf Anklagepunkte wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit, darunter systematische Massenvergewaltigungen, und weitere vier wegen Verstößen gegen das Kriegsrecht, darunter eine Geiselnahme von Blauhelmsoldaten. An 497 Tagen wurden nicht weniger als 586 Zeugen vernommen. Nach den Plädoyers von Karadzic und UN- Ankläger Alan Tieger nahm sich das Gericht unter dem Vorsitz des Koreaners O-Gon Kwon noch einmal anderthalb Jahre Zeit zur Beratung.

Mit Spannung wird erwartet, wie das Gericht zur Völkermord-Anklage urteilen wird. Der ebenfalls in Den Haag ansässige Internationale Gerichtshof (IGH), der anders als das Tribunal über die Verantwortung von Staaten befindet, hatte bisher nur das Srebrenica-Massaker vom Juli 1995, nicht aber den Krieg der bosnischen Serben schlechthin als Völkermord qualifiziert. Völkerrechtler erwarten, dass ein Schuldspruch weitere Klagen vor dem IGH nach sich ziehen könnte. Der Prozess gegen Karadzic ist das vorletzte große Verfahren des Tribunals. Nach dem Urteil gegen den bosnisch-serbischen Generalstabschef Ratko Mladic, gegen den zurzeit noch verhandelt wird, soll der Gerichtshof geschlossen werden.

Er soll die treibende Kraft hinter den ethnischen Säuberungen gewesen sein

Die Serben seien „in Bosnien in die Enge getrieben“ worden, rechtfertigte sich Karadzic in seinem Plädoyer im Oktober 2014. Dabei hätten sie sich „dabei besser benommen als andere, die in der Ecke stehen“. Er, Karadzic, sei ein „wirklicher Freund der Muslime“ gewesen, und er wisse von niemandem in der bosnisch-serbischen Führungsspitze, der Muslimen oder Kroaten habe schaden wollen. Ankläger Tieger hatte dem Angeklagten dagegen vorgeworfen, er sei „die treibende Kraft der ethnischen Säuberungen“ gewesen. Das Wort hat Karadzic zwar öffentlich nie in den Mund genommen. Aber dass es kein Zusammenleben von Serben und Muslimen mehr geben könne, hat der Präsident öffentlich oft wiederholt.

Nach einer Volksabstimmung, an der fast nur Muslime und Kroaten, aber nur wenige der rund 31 Prozent Serben teilgenommen hatten, hatte sich die damalige jugoslawische Republik Bosnien-Herzegowina Anfang April 1992 für unabhängig erklärt. Daraufhin waren die Serben aus dem Parlament ausgezogen und hatten in den serbischen Mehrheitsgebieten ihrerseits eine unabhängige Republik ausgerufen. Einheiten der jugoslawischen Armee, die sich fortan als „Armee der Republik Srpska“ definierten, belagerten die Hauptstadt Sarajevo. Freischärlertruppen und Banden, oft aus dem benachbarten Serbien, terrorisierten und vertrieben Muslime und Kroaten.

Der Terror sei das Werk von „Kriminellen und Verrätern“ gewesen, rechtfertigte sich Karadzic vor Gericht. Das Massaker von Srebrenica habe er nicht angeordnet. Die Anklage warf ihm aber vor, absichtlich nichts gegen die Verbrechen unternommen zu haben. Als „Staatsoberhaupt“ und förmlicher Oberbefehlshaber der Truppen sei er verantwortlich gewesen.

Radovan Karadzic, Jahrgang 1945, war als Fünfzehnjähriger aus einem Weiler im Gebirge von Montenegro mit der Familie in die bosnische Hauptstadt gekommen. Nach einem Medizinstudium ließ er sich als Psychiater nieder, erwarb sich einen guten Ruf und behandelte Patienten aus allen Volksgruppen. Das Jahr 1975 verbrachte Karadzic als Gasthörer in den USA. Neben seinem Beruf schrieb er Gedichte, später meist im epischen Stil, und galt in Society-Kreisen als gebildet und weltmännisch, bei anderen auch als Schwadroneur. Als die neu gegründete „Serbische Demokratische Partei“ ihn im Juli 1990 nach Absagen anderer Kandidaten überraschend zu ihrem Vorsitzenden machte, verfügte Karadzic über keinerlei politische Erfahrung. Auch von einer besonderen Abneigung gegen andere Volksgruppen war vor Kriegsausbruch 1992 nichts bekannt.

Die ersten Jahre des Bürgerkriegs verbrachte der Lebemann mit der ungebärdigen Stirntolle, der oft beim Kartenspiel und nicht selten bis mittags im Bademantel anzutreffen war, in der Schweiz, wo er für die bosnischen Serben zähe, fruchtlose Friedensverhandlungen führte. Während in seiner Heimat gekämpft und gemordet wurde, fütterte Karadzic in seinem Hotelzimmer am Genfer See die Medien mit Beteuerungen seines Friedenswillens und Ideen für die künftige Gestaltung des Zusammenlebens in Bosnien. Er traf den Uno-Sondergesandten Yasushi Akashi, die Unterhändler Cyrus Vance und Lord David Owen und schließlich, in freundschaftlicher Atmosphäre, sogar den Ex-US-Präsidenten Jimmy Carter. Erst als dessen Nach-Nachfolger Bill Clinton sich in den bosnischen Krieg einschaltete, wurde der „Serbenführer“ international zur persona non grata.

2008 wurde Karadzic gefasst

Von den Friedensverhandlungen in Dayton im US-Bundesstaat Ohio im November 1995 blieb Karadzic, da schon unter Anlage stehend, zusammen mit der gesamten bosnisch-serbischen Führung ausgeschlossen. Nach dem Friedensschluss erzwang US-Unterhändler Richard Holbrooke im Sommer 1996 darüber hinaus seinen Rücktritt und völligen Rückzug aus der Politik. Als Gegenleistung, so Karadzic später, habe Holbrooke ihm Straffreiheit zugesichert.

Mit gehöriger Verspätung begann dann nach einem weiteren Jahr die anfangs noch träge „Jagd“ auf den inzwischen untergetauchten Ex-Präsidenten. Erst 2008 konnte die serbische Polizei Karadzic in Belgrad verhaften. Getarnt mit einem langen weißen Bart, hatte der Psychiater sich einen – falschen – Namen als Naturheiler gemacht. Neun Tage später lieferte ihn die serbische Regierung dem Haager Tribunal aus. Frisch rasiert tauchte der Gefangene wieder in der Öffentlichkeit auf und sprach dem Gerichtshof die Legitimation ab. Im Prozess verteidigte er sich, gestützt auf seinen „juristischen Berater“ Peter Robinson und ein ganzes Anwälteteam, mit wachsender Professionalität selbst.

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