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12. Oktober 2010

RAF-Aufarbeitung: Das Doppelleben der Verena B.

 Von Christian Bommarius
Die ehemalige RAF-Terroristin Verena Becker vor Gericht.  Foto: dpa

Die frühere Terroristin Verena Becker arbeitete wahrscheinlich auch für den Verfassungsschutz. Der von Michael Buback gehegte Verdacht bekommt durch den Prozess gegen Becker neuen Auftrieb.

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Die frühere Terroristin Verena Becker arbeitete wahrscheinlich auch für den Verfassungsschutz. Der von Michael Buback gehegte Verdacht bekommt durch den Prozess gegen Becker neuen Auftrieb.

Wenige Stunden, nachdem am 7. April 1977 Generalbundesanwalt Siegfried Buback und zwei Begleiter in ihrem Dienstwagen von Mitgliedern der Rote Armee Fraktion von einem Motorrad aus erschossen worden waren, blendete die Tagesschau das Bild eines Augenzeugen ein und der Nachrichtensprecher erklärte: „ Dieser unmittelbare Zeuge des Überfalls auf Buback, ein Jugoslawe, berichtete, dass der Beifahrer auf dem Motorrad möglicherweise eine Frau gewesen sei.“

Einen Tag später präsentierte die Tagesschau jedoch drei Fahndungsfotos, die nur Männer zeigten – Günter Sonnenberg, Christian Klar, Knut Folkerts –, und der damalige Chef der Abteilung Terrorismus im Bundeskriminalamt, Gerhard Boeden, erwiderte auf die Frage eines Reporters, warum plötzlich nicht mehr nach einer Frau gesucht werde, lapidar: „Nun, wenn Sie sich die Fahndungsfotos ansehen, kann man nicht ausschließen, dass einer der drei Beteiligten so aussieht, wie auch eine Frau aussehen könnte.“

Alles sprach für die Beteiligung Beckers am Buback-Mord – angeklagt wurde sie nie

Einige Wochen später wurden Sonnenberg und seine Komplizin Verena Becker nach einer blutigen Schießerei festgenommen und etliche Waffen bei ihnen sichergestellt, darunter auch die beim Buback-Mord verwendete Maschinenpistole. Alle Indizien sprachen dafür, dass Becker und Sonnenberg am Karlsruher Attentat direkt beteiligt gewesen waren, entsprechend wurde gegen sie Haftbefehl wegen der Ermordung Bubacks und seiner Begleiter erlassen.

Zur Person
        

privat

Wolfgang Kraushaar ist Politikwissenschaftler am Hamburger Institut für Sozialforschung. Der 62-Jährige gilt als Chronist der 68erBewegung. Einer seiner Arbeitsschwerpunkte ist die Entstehung des deutschen Terrorismus.

In seinem Buch „Verena Becker und der Verfassungsschutz“ (Hamburger Edition) geht Kraushaar der Frage nach, warum Becker nach 1977 zunächst nicht wegen des Buback-Mordes angeklagt wurde.

Verena Becker arbeitete auch für den Verfassungsschutz - so die These. Sollte dies stimmen, wäre laut Kraushaar von einem „verschleppten Staatsskandal“ zu sprechen.

Aber angeklagt wurden sie deswegen nie. Denn ausgerechnet an derjenigen Terroristin, gegen die von Anfang an schwerwiegendste Indizien sprachen, ausgerechnet an Verena Becker, hatten die Ermittlungsbehörden schlagartig jegliches Interesse verloren. Jahre später wurden zwar Folkerts, Klar und – nur als „Rädelsführerin“ – Brigitte Mohnhaupt wegen der Karlsruher Morde zu lebenslangen Freiheitsstrafen verurteilt. Aber die Frage, wer die tödlichen Schüsse abgegeben hat, ist bis heute offen. Und rätselhaft ist auch, warum sich die Behörden seit 33 Jahren kaum für ihre Beantwortung interessieren.

Die Erklärung dafür liefert jetzt der Sozialwissenschaftler Wolfgang Kraushaar in seiner aufregenden Studie „Verena Becker und der Verfassungsschutz“. Sie ist so verblüffend wie schockierend. Wenn das, was Kraushaar eine „begründete Vermutung“ nennt, zutreffen sollte, dann handelt es sich tatsächlich um einen „verschleppten Staatsskandal“ (Kraushaar).

Die begründete Vermutung: Verena Becker hat die tödlichen Schüsse auf Buback und seine Begleiter abgegeben. Sowohl der Verfassungsschutz als auch die Abteilung Terrorismus im Bundeskriminalamt hatten ein elementares Interesse, Becker vor einer Verurteilung zu bewahren – denn unter keinen Umständen sollte bekannt werden, dass Becker seit 1972 als Informantin oder V-Frau des Verfassungsschutzes tätig war.

Den Verdacht, Becker sei die Schützin auf dem Motorrad gewesen und werde von einer „schützenden Hand“ vor Strafverfolgung bewahrt, hatte zuvor zwar schon der Sohn des ermordeten Generalbundesanwalts, Michael Buback, in seinem Buch „Der zweite Tod meines Vaters“ geäußert. Nur seiner Hartnäckigkeit ist es zu verdanken, dass jetzt gegen Becker 33 Jahre nach der Tat doch noch wegen des Buback-Mordes Anklage erhoben wurde.

Aber auch dieser Prozess wird voraussichtlich nicht die Frage nach dem Todesschützen beantworten. Becker schweigt, und die Bundesanwaltschaft hat sie zwar als Mittäterin angeklagt, jedoch nicht wegen der tödlichen Schüsse, sondern wegen des Versendens der Bekennerschreiben nach der Tat. Und bei aller Akribie, mit der Buback jr. in seinem Buch die schier unendliche Liste unerhörter Schlampereien und leichtfertigen Versäumnissen der Ermittler bei der Aufklärung der Karlsruher Morde zusammenstellte und den Verdacht, Becker habe die Schüsse abgegeben, zu erhärten versuchte, gelang ihm doch keine plausible Erklärung, warum die Behörden über Becker seit Jahrzehnten ihre „schützende Hand“ gehalten haben sollten.

Das gelingt Kraushaar mit einer kenntnisreichen Spurenlese. Er rekonstruiert die ersten Schritte Beckers in den Terrorismus als Mitglied der „Bewegung 2. Juni“. Michael „Bommi“ Baumann behauptet: „Ich habe sie eingestellt.“ Heute lässt er sich von Kraushaar mit den Worten zitieren, er vermute, das Berliner Landesamt für Verfassungsschutz habe Becker schon während ihrer ersten Haftzeit im Sommer 1972 angeworben. Das deckt sich mit einem Aktenvermerk der für Spionage zuständigen Stasi-Hauptabteilung II zur „BRD-Terroristin Becker, Verena“ vom 2. Februar 1978: „ Es liegen zuverlässige Informationen vor, wonach die B. seit 1972 von westdeutschen Abwehrorganen wegen der Zugehörigkeit zu terroristischen Gruppierungen bearbeitet bzw. unter Kontrolle gehalten wird. Diese Informationen wurden durch Mitteilungen der HVA von 1973 und 1976 bestätigt.“

Offenbar wurde Becker schon früh auf führende Köpfe der RAF angesetzt

Die Quellen sind nicht das Ergebnis der Recherche Kraushaars, sondern deren Ausgangspunkt. Von dort führt ihn die Spurensuche zum skandalösesten Strafprozess der deutschen Nachkriegsgeschichte im Mordfall Schmücker. Die Ermordung von Beckers Komplizen Ulrich Schmücker, der in Untersuchungshaft als V-Mann kooptiert worden war, konnte in vier Gerichtsverfahren nicht aufgeklärt werden, vor allem dank der destruktiven Bemühungen des Berliner Landesamtes für Verfassungsschutz. Als entscheidende Figur im Hintergrund erwies sich Michael Grünhagen (alias Peter Rühl), der in der Terror-Szene erfolgreich V-Leute anzuwerben versuchte, auch Verena Becker.

Kraushaar vermutet – mit zahlreichen Indizien belegt –, dass Becker vom Verfassungsschutz in den folgenden Jahren, vor allem während ihrer Haft, die sie nach den versuchten Morden an Polizisten bei ihrer Festnahme in Singen verbüßte, auf führende RAF-Mitglieder angesetzt wurde. Die Öffentlichkeit wurde jahrelang über den Aufenthaltsort Beckers getäuscht. Als es offiziell hieß, sie werde in der JVA Kassel wegen Tbc behandelt, befand sie sich gesund in Stuttgart-Stammheim und durfte sich auch über Nacht mit Gudrun Ensslin in einer Zelle einschließen lassen. Während ihrer Haft in Berlin-Moabit im Oktober 1974 war ihr gestattet worden, mit Ulrike Meinhof eine Zelle zu teilen. So wurde sie zur intimen Vertrauten der Köpfe der RAF.

Kraushaar kann seine Vermutungen gut begründen, beweisen kann er sie selbstverständlich nicht. Aber der Verdacht, Verena Becker sei nicht nur Terroristin, sondern eine aus dem Ruder gelaufene V-Frau des Verfassungsschutzes gewesen, und der Buback-Mord bleibe nur deshalb unaufgeklärt, weil die Behörden diese Enthüllung fürchteten, ist unabweisbar. Kraushaars Buch über Verena Becker ist ein Buch über einen unerhörten Staatsskandal.

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