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29. Februar 2012

Rassistische Karikaturen: Blankes Entsetzen über rassistischen Polizei-Kalender

 Von Bettina Vestring
In Bayern ist ein heftiger Streit über einen Polizeikalender entbrannt. Der Grund: Einige Karikaturen darin sollen geschmacklos oder sogar latent rassistisch sein.  Foto: dpa

Die Empörung über die Deutsche Polizeigewerkschaft ist groß: Ihr Landesverband in Bayern hat einen Kalender mit offenkundig rassistischen Karikaturen veröffentlicht. Der Münchner Polizeipräsident hat ihn verboten, Amnesty und die SPD sind entsetzt. Nur die Gewerkschaft selbst versteht die Aufregung nicht.

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Berlin –  

Die hässlichste Zeichnung zeigt einen festgenommenen Farbigen mit roten Wulstlippen, der zwei eingeschüchterte Polizisten auf der Wache in fehlerhaftem Deutsch anbrüllt. "was heiß' hie' Ve'dunklungsgefah'...?", heißt es die Textblase darüber. "Unserer Meinung nach ist dieses Bild ganz eindeutig rassistisch", sagte der Polizeiexperte von Amnesty International, Alexander Bosch, im Interview. "Ich glaube auch nicht, dass jemand mit afrikanischem Hintergrund, der dieses Bild sieht, darüber lacht."

Die Karikatur ist enthalten in einem Kalender, von dem die Deutsche Polizeigewerkschaft in Bayern 3000 Exemplare für ihre Mitglieder drucken ließ. Münchens Polizeipräsident Wilhelm Schmidbauer wies seine Dienststellen inzwischen an, den Kalender nicht mehr aufzuhängen. Solche Karikaturen spiegelten einen Geist wider, der mit dem Selbstverständnis der Münchner Polizei nicht zu vereinbaren sei, sagte Schmidbauer dem Bayerischen Rundfunk. Entsetzt äußerst sich auch der SPD-Bundestagsabgeordnete Sebastian Edathy, der selbst indische Wurzlen hat. "Die deutsche Polizeigewerkschaft wäre gut beraten, diesen Kalender selbst aus dem Verkehr zu ziehen und sich dafür zu entschuldigen", sagte er auf Anfrage.

Nur die Polizeigewerkschaft selbst sieht keinerlei Anlass zu Aufregung. Ihr Bundesvorsitzender Rainer Wendt sagte im Interview, der Kalender werde auf gar keinen Fall zurückgezogen. Seit er in München nicht mehr aufgehängt werden dürfe, sei die Nachfrage in den anderen Landesteilen sogar noch größer geworden. "In Zusammenhang mit diesem Kalender auf das Thema Alltagsrassismus zu kommen, ist völlig absurd", sagte er. "Das ist ein Kalender, der in humoristischer Weise den Sprachgebrauch und Alltag von Polizistinnen und Polizisten karikiert." Die Aufregung um die Zeichnungen seien, auf bayerisch ausgedrückt, "a Schmarrn".

Amnesty: Rassistische Äußerungen kommen häufiger vor

Weitere Karikaturen in dem Kalender zeigen, wie sich junge Männer prügeln, die ausnahmslos Migranten zu sein scheinen. Einer von ihnen sagt: „Boah... krass... 3ern BMW...!“ Das Januar-Bild zeigt die Heiligen Drei Könige und der schwarze König muss Kamel-Exkremente aufsammeln. In der August-Karikatur geht es um einen Selbstmörder und einen Polizisten, der ihm sagt: „Jetzt spring’ endlich, du Idiot, ich hab noch anderes zu tun heut!“

Der deutschen Polizeigewerkschaft in Bayern fehle es offensichtlich an Sensibilität, wenn es um Rassismus und Alltagsdiskriminierung gehe, sagte Bosch von Amnesty International. "Auf diese Weise wird sich der Vorwurf, die deutsche Polizei sei auf dem rechten Auge blind, niemals ausräumen lassen." Bosch erinnerte auch daran, dass die Bundesregierung erst in der vergangenen Woche eine Trauerfeier für Mordopfer des Rechtsextremismus abgehalten hatte. Die Opfer dieser Mordserie waren Menschen mit Migrationshintergrund gewesen. Ein Untersuchungsausschuss im Deutschen Bundestag soll klären, warum Polizei und Justiz den mutmaßlichen Tätern nicht schneller auf die Spur kamen.

Bosch sagte, es sei schwer zu sagen, wie weit Rassismus bei der deutschen Polizei verbreitet sei. Aber rassistische Äußerungen im Alltag kämen häufiger vor. "Beispielsweise wissen wir von einem Vorfall, wo Polizeibeamte einen farbigen Verdächtigen mit den Worten begrüßt haben: "Was hast Du Kanake schon wieder angestellt?"

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