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Rechtsextremismus: Der unerwünschte Blick

Dieser Blick ist mir vertraut, seit die Mauer aufging. Er verrückt seinen Träger unwiederbringlich aus dem normalen Fluss des Lebens. Dass er nicht verrückt ist, zeigt sich jetzt. Zehn Morde gehen allein auf das Konto des „Zwickauer Nazitrios“ und seiner Helfer.

Das zerstörte Haus der rechtsextremen Terrorzelle in Zwickau. Die Neonazis, auf deren Konto die beispiellose Mordserie an Ausländern und einer Polizistin in ganz Deutschland gehen soll, hatten etwa drei Jahre in der Frühlingsstraße in einer Wohnung im ersten Stock gewohnt.
Das zerstörte Haus der rechtsextremen Terrorzelle in Zwickau. Die Neonazis, auf deren Konto die beispiellose Mordserie an Ausländern und einer Polizistin in ganz Deutschland gehen soll, hatten etwa drei Jahre in der Frühlingsstraße in einer Wohnung im ersten Stock gewohnt.
Foto: dpa
Berlin –  

Der Blick sagt: Ich habe etwas erlebt, und niemand glaubt mir das! Und: Jemand muss etwas dagegen tun! Wenn nichts passiert, hat das furchtbare Folgen. Schaut, was die mir angetan haben! Wieso will das niemand sehen? Es ist der Blick von Menschen, die Opfer rechtsextremer Gewalt geworden sind. Viele von ihnen sind zur Polizei gegangen, manche wurden ihre Anzeigen gegen die Täter los, einige haben später als Zeugen in den Prozessen gesessen, wenige hatten ausreichend Unterstützung – und keiner von ihnen glaubt mehr, dass es in Deutschland kein Problem mit Nazis gibt. Zehn Morde gehen allein auf das Konto des „Zwickauer Nazitrios“ und ihrer Helfer. Jetzt sprechen mit einem Mal alle darüber. Das ist gut, so fühlt man sich weniger allein und beschämt, weil man die Umgebung anderes gesehen hat als die meisten Menschen. Doch es ist keine Erleichterung.

Seit vielen Jahren folgt unsere Stiftung der Spur dieser Blicke, die auch unsere geworden sind. Jeder, der sich gegen Rechtsextreme engagiert, kennt das: abwiegelnde Behörden; Bürgermeister, die mehr um das Ansehen ihrer Stadt besorgt sind, als um den Schutz Einzelner; zynisches Nichtstun bei den Strafverfolgern und böse Beschuldigungen aller Art gegen jene, die die Dinge nicht auf sich beruhen lassen wollen. Thüringen kurz vor der Jahrtausendwende war ein besonders krasses Beispiel für die Kluft zwischen der realen Präsenz von Neonazis und der allgemeinen Abwehr, sie zur Kenntnis zu nehmen.

Neonazi-Terror
Die rechtsextremistische Terrorzelle aus Zwickau, hier im Bild Beate Zschäpe und Uwe Böhnhardt.

13 Jahre lang überziehen Rechtsextreme der Zwickauer Zelle das Land mit Morden, Bombenanschlägen und Überfällen. Ermittler und Verfassungsschutz stehen in der Kritik. Analysen, Zeittafel und Karte im Spezial zum Neonazi-Terror.

Die unselige Mischung aus Appeasement und Ignoranz machte das Land zu einer Spielwiese für Neonazis, die ihre wenigen Gegner bei jeder Gelegenheit zusammenschlugen.

Um die Zeit, als das Mördertrio untertauchte, fuhr ich oft nach Thüringen, um mich mit einigen der Blickträger zu beraten, oder auch nur, um die Geschichten anzuhören, die sie ohne Unterlass erzählten. In Weimar kontrollierten Nazis den Theaterplatz und terrorisierten Touristen, in Saalfeld ließ eine Jugendclubleiterin zu, dass ihre Nazikids Pfeile auf ein Foto von Ignatz Bubis schossen, in Jena wurden Jugendliche der Jungen Gemeinde geschlagen oder von Naziautos absichtlich angefahren. Die Mitarbeiter der Gedenkstätten in Nordhausen und Buchenwald erlebten feist-lachende Neonazis, die überall ihre Spuren hinterließen. Die Neonazis störten Veranstaltungen, patrouillierten auf Straßen, Bahnhöfen. Immer voran: der Thüringer Heimatschutz. Der Verfassungsschutz beargwöhnte derweil Gewerkschafter, Punks, Hausbesetzer und alle, die man irgendwie für links halten könnte.

Der Terror der Zwickauer Zelle

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Rechter Terror ist nicht neu

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Von Alltagsterror zu berichten, ist nicht einfach. Wie in einem Bannkreis stecken jene, die es versuchen. Außerhalb wollen die Leute davon oft nichts wissen. Die meisten, weil sie es sich nicht vorstellen können, wie gegenwärtig die rechte Gewalt ist und wie wenig der Staat sie ernst nimmt. Heute wird von der „Mörderbande“ gesprochen oder vom „Trio“, als seien sie gesellschaftsferne Sonderlinge. Dass ich nicht lache!

Autor:  Anetta Kahane, Vorsitzende der Amadeu-Antonio-Stiftung.
Datum:  24 | 11 | 2011
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