Klappern gehört zum Handwerk, aber wenn es bei einem arrivierten Rechtspopulisten wie Geert Wilders klappert, kann das schon mal diplomatische Aufregung auslösen. Der blondeste Islamhasser Hollands ist nämlich stinksauer. Auf Deutschland. Und weil er als Chef der rechtspopulistischen PVV die holländische Minderheitsregierung aus Rechtsliberalen und Christdemokraten duldet, kann Außenminister Uri Rosenthal das nicht ignorieren.
Wilders hatte ihn aufgefordert, den „deutschen Botschafter vorzuladen und ihm gehörig den Kopf zu waschen“. Die Bundesregierung verbreite „skandalöse Unterstellungen über das PVV-Gedankengut“. In einer Broschüre werde ihm, Wilders, unterstellt, seine Ideen bildeten den Nährboden für deutsche Neonazis!
Der Ober-Euroskeptiker steht nicht mehr zur Verfügung: FDP-Mann Frank Schäffler hat sich beim Mitgliederentscheid seiner Partei geschlagen gegeben, will jetzt erst einmal wieder brav sein. Unbehagen über das Hin- und Hergeschiebe all der Euro-Milliarden, über die Gipfel-Schwemme gibt es weiterhin, vermengt mit der Angst davor, irgendwann kein Geld mehr auf dem Konto zu haben, weil es irgendwie nach Griechenland gewandert sein könnte. Bei der CSU bedient Peter Gauweiler diese Ängste. Er will allerdings die Partei nicht verlassen. Freiwillig als Leithammel zur Verfügung gestellt hat sich der ehemalige Industrieverbands-Präsident und jetzige Talkshow-Hopper Hans-Olaf Henkel. Er hat als Bewerbung ein Buch namens „Rettet den Euro“ geschrieben. Am Montag will er sich mit Freie-Wähler-Chef Hubert Aiwanger als „politische Alternative in der bürgerlichen Mitte“ präsentieren.
In vielen europäischen Ländern haben Rechtspopulisten mit ausländer- und islamfeindlichen Parolen Erfolge gehabt, zum Beispiel Geerd Wilders in den Niederlanden. Ehrenmorde, Kopftücher, Hassprediger – mit diesen Begriffen lässt sich auch in Deutschland Angst vor dem Islam schüren. In Berlin ist der Ex-CDU-Mann René Stadtkewitz allerdings bei dem Versuch gescheitert, mit seiner neuen Partei „Die Freiheit“ ins Abgeordnetenhaus einzuziehen. Der frühere SPD-Finanzpolitiker Thilo Sarrazin ist der eigentliche Held der Bewegung. Einem Ausschlussverfahren aus der SPD entging Sarrazin nur knapp.
Die Popularität von Steuerreform-Modellen hat deutlich abgenommen, das hat inzwischen sogar die FDP gemerkt. Gleichwohl gibt es rechts der Mitte eine große Sehnsucht nach einem Wirtschafts- und Finanzexperten, der auf den Tisch hauen kann und der etwas verkündet, das nach „reiner Lehre“ aussieht – was im Zweifel bedeutet, dass man es ziemlich leicht versteht. Finanzminister Wolfgang Schäuble gilt als nicht radikal genug. Der ehemalige Unions-Fraktionschef Friedrich Merz ist der Traummann dieser Gruppe. Seine Bierdeckel-Steuerreform war zwar nicht finanzierbar, aber leicht verständlich. Merz hat sich nach einem Machtkampf mit Angela Merkel aus der Politik verabschiedet, aber er hat immer wieder mit einer Rückkehr kokettiert und auch mit einem Wechsel zur FDP. Dass es die bald nicht mehr gibt, könnte er als Chance begreifen. Wahrscheinlicher ist, dass er auf ein Scheitern Merkels hofft, um dann in seiner CDU wiederaufzuerstehen.
Es ist die Sehnsucht nach der guten alten Zeit, die diese Gruppe verbindet. Es sind die Zeiten, in denen die CDU locker über 40 Prozent kam und die Welt von klaren Feindbildern bestimmt war. Es mischen sich „Kinder, Küche, Kirche“-Glauben, christliche Heilslehre, Homo- und Islamophobie. Mitglieder der Gruppe finden sich in und um die CDU. Am radikalsten formuliert die „Aktion Linkstrend stoppen“, deren Sprecher Michael Nickel mit jeweils zwei, drei Mitstreitern durch zahlreiche CDU-Veranstaltungen tourte. Nickel sagt Sätze wie: „Noch nie in seiner tausendjährigen Geschichte war unser Vaterland so bedroht.“ Die Nazis, die gerne auch in 1000-Jahres-Zeiträumen dachten, scheinen in seinen Augen nicht so schlimm gewesen zu sein. Der frühere Ministerpräsident von Sachsen-Anhalt, Werner Münch, gehört zu den Erstunterzeichnern der Aktion. Er ist 2009 aus der CDU ausgetreten, um gegen deren angebliche Profillosigkeit zu protestieren. Den selben Vorwurf erheben immer wieder der ehemalige brandenburgische Innenminister Jörg Schönbohm und der hessische Fraktionsvorsitzende Christean Wagner.
Schnell berichteten holländische Medien über den Vorwurf; in der deutschen Botschaft in Den Haag herrschte Betriebsamkeit – und bei der Amadeu-Antonio-Stiftung in Berlin. Dort meldeten sich am Donnerstag niederländische Medien im Akkord, erzählt Stiftungschefin Anetta Kahane. Denn die 32-Seiten-Broschüre stammt nicht von der Regierung, sondern von dem kleinen Verein gegen rechte Gewalt. Der hatte die Strategien und Inhalte von Neonazis im Internet beschrieben.
Jeder Zehnte rechtpopulistisch
Das Justizministerium steuerte aber einen Druckkostenzuschuss und ein Grußwort seiner Hausherrin, Sabine Leutheusser-Schnarrenberger, bei. Sie klagt, dass laut Umfragen jeder zehnte Deutsche „eine rechtspopulistische bis rechtsradikale Einstellung“ habe und viele davon Gewalt gegen Minderheiten billigten. Das bilde den Nährboden für rechten Terror. Dazu steht die Ministerin, sagt ihr Sprecher, zumal sie sich seit Jahren „gegen Fremdenfeindlichkeit einsetzt und die Amadeu-Antonio-Stiftung als renommierte zivilgesellschaftliche Kraft schätzt“.
Der Name Wilders taucht im Heft erst 16 Seiten später auf, als beschrieben wird, wie gern Neonazis auf Thesen von bürgerlichen Islamkritikern zurückgreifen. „Wir stellen das ja nur fest“, sagt Kahane gelassen. „Die Herren sollten sich selbst Gedanken machen, wieso sie von diesen menschenfeindlichen Ideologien so oft zitiert werden.“
Wilders nur ein "Sängerknabe"
Wilders denkt anders. Er fordert seine Regierung zu einer Rüge dessen auf, „dass Broschüren, die eine wichtige niederländische Partei diffamieren, mit deutschen Steuergeldern bezahlt werden“. Prompt moserten niederländische Zeitungen, die Deutschen redeten ihre Schuld am Nationalsozialismus klein, denn im Vergleich zu Hitler sei Wilders ja nur ein Sängerknabe ... sodass auch Hollands Stammtisch etwas zu meckern hat. Und Populist Wilders erneut trefflich vorexerziert hat, wie Populismus funktioniert.
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