Facebook und Twitter waren der Motor der tunesischen Jasmin-Revolution. Und so scheint es nur gerecht, dass der bekannteste Blogger des Landes einen Job in der Regierung erhielt. Slim Amamou ist seit gestern Staatssekretär im Ministerium für Jugend und Sport.
Der 33-Jährige war erst am vergangenen Donnerstag aus dem Gefängnis entlassen worden – am Tag, an dem der geflüchtete Ex-Präsident Zine el Abidine Ben Ali die Pressefreiheit verkündete und die gesperrten Internet-Seiten freigab. Amamou war eine Woche zuvor wegen mutmaßlicher Zugehörigkeit zur Hacker-Gruppe Anonymous festgenommen worden. Diese hatte die Websites sämtlicher Ministerien, der Nationalbank und der Börse lahmgelegt, um gegen die Pressezensur zu demonstrieren. Die tunesischen Medien hatten die Unruhen, die sich zur Jasmin-Revolution auswuchsen, wochenlang totgeschwiegen.
Die neue Koalitionsregierung in Tunesien steht möglicherweise vor dem Scheitern. Der seit zwölf Jahren amtierende Ministerpräsident Mohamed Ghannouchi hatte nach der Flucht des Präsidenten Zine el Abidine Ben Ali die Spitzenpolitiker von drei Oppositionsparteien und auch zwei Gewerkschafter ins neue Kabinett berufen. Ein dritter Gewerkschafter wurde Staatssekretär. Gestern traten alle drei zurück.
Die Gewerkschafter begründeten dies damit, dass die wichtigen Ressorts – Finanzen, Innen, Außen und Verteidigung – nicht neu besetzt wurden, sondern weiter von den Ministern des alten Kabinetts, die alle der bisherigen Staatspartei RCD angehören, geleitet werden. Allerdings wussten sie das natürlich schon, bevor sie ihre Ämter antraten.
Vermutlich sind die Rücktritte eine Reaktion auf den Unmut darüber, dass die RCD nach allem, was passiert ist, noch mitregiert. Das Regime der Staatspartei ist unter anderem für den Tod von offiziell 78 Personen verantwortlich, die bei den Unruhen erschossen wurden. Deswegen will auch die postkommunistische Partei Ettajdid ihre Regierungsbeteiligung überdenken.
Bei den Demonstrationen am Dienstag waren anders als bei früheren Protesten kaum Frauen zu sehen. Die französische Presseagentur afp behauptet, Sadok Chourou, ein früherer Führer der verbotenen islamistischen Partei Ennahda, sei an der Spitze des Zuges marschiert. Chourou war im Oktober nach 20 Jahren Haft freigelassen worden.
Gegen die neue Regierung sprach sich gestern auch Sihem Bensedrine aus, die bekannteste Menschenrechtlerin des Landes. Auf einer Pressekonferenz verlangte sie den Rücktritt von Premierminister Ghannouchi, der sich noch nach der Flucht Ben Alis mit diesem beraten habe. Auch der Innenminister Ahmed Friaâ müsse gehen. Er habe die Demonstranten verhöhnt.
(Thomas Schmid)
Die Stimme des Internet-Volkes
Amamou sagte in einem Interview mit dem französischen Sender TF 1, ihm sei das Amt erst eine halbe Stunde vor der Präsentation der neuen Regierung angetragen worden. Die Ernennung habe ihn völlig überrascht. Er habe nie einer Partei angehört und sei politisch nie aktiv gewesen, aber nun wolle er der „Stimme des Internet-Volkes“ Gehör verschaffen.
Immer wieder heißt es, in Tunesien habe die erste Internet-Revolution der Weltgeschichte stattgefunden. Amamou mag das Wort nicht. Zwar hätten Facebook und Twitter eine wichtige Rolle gespielt. Aber entscheidend sei doch gewesen, dass die Menschen dann tatsächlich auf die Straßen geströmt seien, um zu demonstrieren. Bislang kennt die Bloggerszene ihren Star als Mann mit Dreitagebart, Designer-Brille und Pfeife im Mund. Sein Outfit wird sich ändern. Doch da hat Amamou keine falschen Hemmungen.
Er sei bereit, eine Krawatte zu tragen, aber nie und nimmer, auf die totale Freiheit zu verzichten, sagte der frischgebackene Staatssekretär, der bislang Chef einer kleinen Beratungsfirma in der Internetbranche war. Auf Blogs wird er bereits aufgefordert, den neuen Job nicht anzutreten. Viele sprechen von einer verratenen oder konfiszierten Revolution, weil Mohamed Ghannouchi, der dem verhassten geschassten Ben Ali zwölf Jahre als Ministerpräsident diente, sowie eine Reihe weiterer Minister der alten Staatspartei RCD im Amt bleiben.
Ministern das Twittern beibringen
„Ich bin für den Dialog und meiner Überzeugungen gewiss“, beschied Amamou den enttäuschten Bloggern, „wann ich demissioniere, entscheide ich selbst.“ Im übrigen scheint ihn die Bürde des Amtes nicht sonderlich zu plagen. „Ich werde erst mal den andern Ministern beibringen, wie man twittert“, twitterte er gestern.
Bereits im Mai 2010 war Amamou inhaftiert worden, weil er eine „Bürgeraktion für ein freies Internet“ mitgegründet hatte. Damals war er wohl auch gefoltert worden. Jedenfalls hatte er im Internet dann mit entstelltem Gesicht dazu aufgefordert, von öffentlichen Demonstrationen abzusehen. Auch den Begriff Jasmin-Revolution lehnt der neue Staatssekretär ab. Denn er stecke diese Revolution in dieselbe Schublade wie die „farbigen“ Revolutionen, etwa die orange Revolution in der Ukraine. „Aber die tunesische Revolution war anders, sie war weder geplant noch organisiert“, so Amamou.
Nachrichten aus der Politik, Kommentare, Doku und Debatten

Damir Fras ist unser US-Korrespondent
Olivia Schoeller berichtete zuvor aus Washington
Daniel Haufler ist Redakteur im Ressort Meinung
Countdown für Obama - das Weblog zur US-Wahl
Bleibt Barack Obama Präsident der USA? Oder macht Mitt Romney von den konkurrierenden Republikanern das Rennen?
US-Wahl-Spezial mit Analyse und Hintergrund
Interaktive Karte zu den Vorwahlen der Republikaner
Exklusive Reportagereise durch den Wahlkampf
Weblog der USA-Experten unserer Redaktion
Bombardiert Israel die iranischen Atomanlagen? Weitet sich der Konflikt zum Regionalkrieg aus? Werden gar die USA hineingezogen? Die Lage in Nahost spitzt sich dramatisch zu. Das Spezial.
Ihr Wunsch-Bundespräsident Wulff scheitert, sie muss Gauck als Nachfolger hinnehmen, ihre Mehrheit steht im Bundestag nicht mehr hinter ihr: Die Autorität von Bundeskanzlerin Merkel schwindet. Das Spezial.
Manchmal sind es die kleinen, schönen Dinge am Rande, die beeindrucken. Die zeigen wir in unseren Bildern des Tages.