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Rekrut Marc: "Bundeswehr hat Chance nicht genutzt"

Warum gehen junge Männer heute noch zur Armee? Im FR-Gespräch gesteht der 20-jährige Marc, dass er vor allem den Grad der Unfreiheit unterschätzt habe. Von Hans-Hermann Kotte

Er ist einer dieser jungen Männer mit den großen Taschen, die man am Wochenende in den Zügen sieht. Bei denen man sich fragt, wieso ist der zur Bundeswehr gegangen. Sieht doch eher nach Laientheatergruppe aus, nicht nach Schützenverein. Der Wehrdienstleistende Marc, 20, ist gleich nach dem Abitur zur Armee gegangen. Er hat die Grundausbildung bereits hinter sich, den "Kulturschock", wie er es nennt.

Ein bisschen Stolz klingt durch, wenn er, der bis vor kurzem noch Schüler war, davon erzählt, wie er die drei ersten Monate gemeistert hat - die körperlichen Herausforderungen, den strikten Zeitplan, das ständige Zusammensein mit nicht immer angenehmen Leuten auf engstem Raum.

Wir kommen ins Gespräch über die Bundeswehr. Reden auch über die jetzt beschlossene weitere Verkürzung der Wehrpflicht auf demnächst sechs Monate. Das sei doch lächerlich, sagt er, die Bundeswehr gehöre zu einer Berufsarmee umstrukturiert, Rekruten könne man ohnehin nicht an den Hindukusch schicken. Genug Freiwillige könne man auch ohne Wehrpflicht finden, das halte er auch für billiger.

Mich interessiert, wieso er sich für den Bund entschieden hat und nicht für den Zivildienst, wie die meisten heutzutage. Rund 45.000 Wehrdienstleistenden standen 2008 rund 85.000 Zivildienstleistende gegenüber. Doch Marc muss am übernächsten Bahnhof aussteigen. Wir vereinbaren, per E-Mail und Telefon in Kontakt zu bleiben.

Momentan macht Marc gerade "Gammeldienst", so wird die Zeit nach der Grundausbildung unter den Rekruten genannt. Nachdem die jungen Männer die Grundlagen des Soldatenhandwerks intus haben, muss die Bundeswehr sie weiter irgendwie auf Trab halten, und das ist eher eine Art Beschäftigungstherapie, wenn man es vornehm ausdrücken will.

Marc bezeichnet den Job, den er jetzt macht, als "Hilfshausmeister". Seine Aufgaben seien sehr überschaubar, mit langen Kaffee- und Zigarettenpausen. Er räumt Lagerräume aus, macht sauber, streicht Wände. Er hofft, demnächst auf der Schreibstube zu landen.

Marc hat jahrelang Handball gespielt, als Torwart. Er hat sich dabei einige Verletzungen zugezogen, aber die schlimmsten hat er nicht erwähnt bei der Musterung auf dem Kreiswehrersatzamt. Er wollte ja gern zum Bund. In seinem Abiturjahrgang sind von den 32 Männern nur sechs zur Bundeswehr gegangen.

Er hat sich dafür entschieden, weil er das "spannend" fand und "männlich". Andererseits war Marc auch klar, dass der Bund eine Riesenmutti sein würde, die ihm sämtliche Entscheidungen abnimmt, die sich kümmern würde um Unterkunft, Essen, Beförderungsmittel und so weiter. Das fand er ganz praktisch.

Wichtiger aber waren die vielversprechenden Vokabeln: Härte, Waffen, Belastung, Drill. Das, was schon Generationen von Männern durchgestanden haben, hatte eine Anziehungskraft für ihn. Er wollte raus aus der "Alltagslethargie" von dreizehn Jahren Schule, mal etwas ganz anderes machen, "neue Erfahrungen", bevor er ins Studium einsteigt. Geschichte und Anglistik, wahrscheinlich.

Grad der Unfreiheit unterschätzt

Er sei da wohl ein bisschen naiv gewesen, sagt er heute, er habe sich nicht richtig informiert. Besonders den Grad der Unfreiheit hat er unterschätzt: "Genervt hat, dass es erstmal überhaupt keine individuellen Spielräume mehr gibt, alles läuft streng nach der Uhr ab, du wirst in Formation zum Essen geführt, und musst froh sein, dass die dich nicht auch noch in Formation aufs Klo bringen."

Schon wer nur die Hände in den Hosentaschen hatte, bekam eine Zurechtweisung. Sehr anstrengend das alles - und viel mehr "sehr verschulten Unterricht" als erwartet gab es auch noch. "Dabei hatte ich Schule doch eigentlich abgehakt." Stupide und langweilig - das ist trotz Stress und Druck sein Langzeitempfinden. Und dann die dummen Sprüche und das "proletenhafte Auftreten" mancher Kameraden. "Ballermann mit Ballermann." Nicht sein Ding.

Marc steht zwar der SPD nahe und hat auch schon mal Grüne gewählt, aber er ist eben kein Pazifist. Von der Freiheitlich-demokratischen Grundordnung (FDGO) spricht er ohne Ironie. "Soldaten sind Mörder", das umstrittene Tucholsky-Zitat, ist ihm kein Begriff. Als er jetzt die Uniform anzog, musste er zwar an Romane wie "1984" oder "Brave New World" denken. Aber er hat die Uniform doch anbehalten.

Und als er das Schießen mit Pistole, Sturmgewehr und Maschinengewehr lernte, hat er "moralische Fragen verdrängt", versucht, nicht daran zu denken, dass er zu einem Tötungsinstrument ausgebildet wird. Er hofft, dass er niemals auf einen Menschen schießen muss. Deshalb kommt für ihn auch nicht in Frage, sich länger für den Dienst zu verpflichten, denn dann käme unweigerlich der Auslandseinsatz. Nach Afghanistan will er nicht, dazu fühlt er sich nicht in der Lage, er hat auch auch zuviel Angst um sein eigenes Leben.

Als ich ihn auf die Verbrechen der deutschen Armeen in den Weltkriegen anspreche, sagt er, dass er diese "eher auf die politischen Machthaber und nicht nur auf den fanatischen Patriotismus oder Nationalismus vieler Soldaten" zurückführe. Und er meint, dass "diese Denkweisen in einem modernen deutschen Heer überwunden sein sollten". Da klingt er fast wie ein Presse-Offizier der Bundeswehr.

Als ich wissen will, ob man bei der Bundeswehr auch lerne, wie man einen Mensch mit bloßen Händen töten kann, lacht er irritiert. Nein, "solche barbarische Nahkampfausbildung findet nicht statt".

Seine Entscheidung für den Bund bedauere er nicht, sagt Marc. "Aber ich habe mir schon überlegt, ob es nicht doch sinnvoller gewesen wäre, etwas Soziales zu tun. Meine Freunde, die Zivildienst leisten, machen damit gerade gute Erfahrungen, die sind ganz froh."

Am Anfang war Marc ziemlich verzweifelt, dachte auch mal an Verweigerung, aber dann habe er sich gesagt: "Da kämpfe ich mich durch." In seiner Kaserne entschieden sich zwei Männer nachträglich zur Verweigerung, und das, was mit denen passierte, war keine Ermutigung für Marc: "Bis die rauskamen hatten die noch ein paar sehr unangenehme Wochen beim Bund zu verleben - die mussten Drecksarbeiten machen und wurden hochnäsig behandelt."

Das System von Befehl und Gehorsam verlangte einige "Umstellung" von ihm, schließlich werde jungen Leuten auf der Schule eigentlich beigebracht "immer alles zu hinterfragen". Es gab zwar keine "Monster-Schleifer" wie im Kino, aber "Geschrei statt Dialog", das war schon der Eindruck der ersten Wochen. Und für Vorgesetzte gab es jederzeit Gelegenheit, ihre Launen an den Untergebenen auszuleben. Da musste die Stube schon mal so lange gereinigt werden, bis auch in der Steckdose kein Staubkörnchen mehr zu sehen war, oder es wurden 50 Liegestütze mehr aufgebrummt.

Selbst der unsinnigste Befehl musste befolgt werden. "Und unsinnige Befehle gibt’s da genügend", sagt Marc. Als die Grundausbildung zu Ende ging, und es nur noch wenig zu tun gab, da erhielten sie den Befehl "Vollzähligkeit der Ausrüstung prüfen".

Jeder Rekrut musste auf einer Zeltplane im Flur sämtliche Gegenstände aus dem Spind ausbreiten, die von einer Liste abgehakt wurden. Zwar werde den Soldaten im Unterricht auch beigebracht, dass sie bestimmte Befehle, die die Menschenwürde tangieren, nicht befolgen sollten, sagt Marc. Doch das ändere ja nichts am generellen Verlust von Mündigkeit: "Man gewöhnt sich an das System - aber mein System ist das nicht."

Marc wird die neun Monate jetzt hinter sich bringen. Aber mehr auch nicht. Er habe der Bundeswehr eine Chance gegeben. "Doch die Bundeswehr hat die Chance nicht genutzt."

Autor:  Hans-Hermann Kotte
Datum:  3 | 11 | 2009
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