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Reportage: Im Land der Taliban

Die afghanischen Taliban würden sich nach einem Abzug der US-Streitkräfte gerne an Wahlen oder an einer Loya Jirga, der traditionellen afghanischen Stammesversammlung, beteiligen. Sie würden auch deren Ergebnis akzeptieren und seien zu einem Dialog und zur Kooperation bereit. "Wir kämpfen nicht gegen Afghanistan. Wir kämpfen für Afghanistan." Nach einem Abzug der US-Truppen werde es in Afghanistan daher keine Anschläge mehr geben. Auch die waziristanischen Taliban müssten und würden als Nichtafghanen das Land verlassen. Ihre Aufgabe sei mit einem Rückzug der Nato aus Afghanistan erfüllt.

Während der letzten Minuten unseres Gesprächs ist Mullah Nasrat zunehmend unruhig geworden. Noch häufiger als zuvor geht sein Blick zu dem vermummten Talib an der offenen Tür, der auch immer nervöser wird. Er hat inzwischen deutlich hörbar seine Waffe entsichert.

Mullah Nasrats Anwesenheit scheint sich nicht nur im Dorf, sondern auch darüber hinaus herumgesprochen zu haben. Der vermummte Talib im Türrahmen ruft Mullah Nasrat mehrmals erregt etwas zu, bis dieser endlich aufspringt. Er schüttelt mir beide Hände. Er müsse jetzt los, sagt er. Seine Stimme klingt belegt. Fast wie ein Schatten, so plötzlich wie er gekommen ist, entschwindet er durch die Tür.

Ich will mich wieder setzen, aber mein sonst so freundlicher paschtunischer Wegbereiter mahnt hektisch zum Aufbruch. Auch wir müssten schnell aus dem Dorf raus. Vor Einbruch der Dunkelheit müssten wir in Dschalalabad sein. Auch er wirkt angespannt.

Wenige Minuten später rumpelt unser Geländewagen wieder über Felder und Bachbetten und über denselben, fast unbefahrbaren Feldweg wie vorher. Unser Fahrer fährt noch schneller. Immer wieder werden wir von unseren Sitzen hoch geworfen oder gegen die Tür gepresst. Als ich ihn frage, warum er so rast, antwortet er kurz angebunden, in ein paar Minuten kämen wir vielleicht nicht mehr raus. Mullah Nasrat werde nicht nur von den Amerikanern gejagt.

Wie viel Unehrlichkeit verträgt eine Demokratie?

Wie wir abends erfahren, explodiert eine halbe Stunde nach unserer Durchfahrt auf dem Feldweg eine Sprengfalle. Zwei Mitglieder einer afghanischen Hilfsorganisation werden getötet, drei verletzt. Wer den Weg, der am Tag höchstens ein dutzend Mal befahren wird, vermint hatte, werde ich nie erfahren. Die afghanischen Taliban waren es wohl kaum. Gastfreundschaft ist den Paschtunen eine heilige Tradition.

Während wir über Stock und Stein nach Dschalalabad rattern, denke ich zurück an meine ersten Besuche in Afghanistan. In den achtziger Jahren war ich mehrfach zusammen mit afghanischen Mudschaheddin in dieser Gegend. Im Deutschen Bundestag hatten wir uns parteiübergreifend für einen Abzug der Sowjets aus Afghanistan eingesetzt. Deutschland und die USA hatten wegen der Besetzung des Landes 1980 sogar die olympischen Spiele in Moskau boykottiert. Nie hätte ich mir vorstellen können, dass wir eines Tages dieselben Fehler machen könnten wie die Sowjets. Die Nato - und leider auch unser Land - haben sich längst aus der Rolle des Befreiers in die Rolle des Besatzers gebombt.

In Deutschland wird die Diskussion über die Beteiligung am Afghanistankrieg nicht ehrlich geführt. Selten ist mir das so deutlich geworden wie in diesen Tagen im Hindukusch. Die Behauptung des sonst so klugen SPD-Politikers Peter Struck, "unsere Sicherheit werde auch am Hindu-kusch verteidigt", ist nicht nur falsch. Das Gegenteil ist richtig: Wir gefährden mit unserer Beteiligung am Afghanistankrieg unsere Sicherheit. Mit jedem durch westliche Waffen getöteten afghanischen Zivilisten wächst die Gefahr des Revanche-Terrorismus in Deutschland.

Noch falscher ist die Behauptung des deutschen Verteidigungsministers Jung, "wenn wir den Terror nicht in Afghanistan bekämpften, dann kommt der Terror zu uns". Die Bundeswehr bekämpft in Afghanistan gar keine internationalen Terroristen, die Deutschland bedrohen. Sie kämpft gegen nationale Aufständische, die sich gegen die westliche Besatzung wehren. Das ist etwas völlig anderes. Die Männer Mullah Nasrats wollen und wer-den nie deutsche Städte angreifen. Sie wollen ihr Land befreien.

Am unredlichsten ist die Behauptung Jungs, "der zivile Wiederaufbau sei (uns) genauso wichtig wie der militärische Aspekt". Deutschland gibt in Afghanistan viermal so viel für militärische Zwecke aus wie für echte Entwicklungshilfe - die USA sogar zehnmal so viel. Wie viel Unehrlichkeit verträgt eine Demokratie?

"Wen Gott bestrafen will, den lässt er in Afghanistan einmarschieren", sagen weise Asiaten. Dieser Krieg, der in Deutschland nicht Krieg heißen darf, weil die UNO nie ein ausdrückliches Kriegsmandat gegeben hat, ist nicht zu gewinnen.

Gespräche könnten viele Jahre Krieg ersparen

Nicht, weil unsere Soldaten und ihre Offiziere schlecht wären. Die meisten unserer Soldaten sind Löwen, leider geführt von Eseln. Von Politikern, die von Afghanistan kaum etwas wissen, und die nicht den Mut haben, der Weltmacht USA entgegenzutreten und zu sagen: "Schluss, es reicht! Hört auf dieses arme Land zu bombardieren! Acht Jahre Blut und Chaos sind genug."

In zwei bis drei Jahren sollte kein deutscher Soldat mehr am Hindukusch stehen. Bis dahin muss der Westen die afghanischen Sicherheitskräfte so stärken, dass sie sich selbst verteidigen können. Der Westen sollte ferner Afghanistan endlich jene massive Entwicklungshilfe gewähren, die er dem bettelarmen Land immer wieder versprochen hat. Und er sollte Verhandlungen Afghanistans mit dessen Nachbarn und mit den Taliban unterstützen - egal, wie lang deren Bärte sind.

Warum hat nie ein westlicher Politiker versucht, auch nur eine einzige Stunde mit Männern wie Mullah Nasrat zu sprechen? Niemand behauptet, dass derartige Gespräche zu einem schnellen Ergebnis führen würden. Selbstverständlich muss jede der Aussagen Mullah Nasrats auf ihre Belastbarkeit überprüft werden. Ich mache mir über die Taliban - auch über "die reformierten Taliban" - keine Illusionen. Aber geduldige, mitunter auch zähe Gespräche könnten uns viele Jahre Krieg ersparen. Sie könnten zahllosen Afghanen, aber auch deutschen Soldaten das Leben retten.

Am Ende werden die USA ohnehin mit den Taliban verhandeln - so wie sie in Vietnam trotz aller Dementi am Ende mit dem Vietcong verhandelten. Auch darüber darf man sich keinen Illusionen hingeben.

Wir Deutschen sollten bei der Suche nach einer friedlichen Afghanistanstrategie eine Vorreiterrolle spielen. Wir dürfen nie mehr Besatzer sein. Es tut richtig weh, wenn der deutsche Verteidigungsminister, der unser Land immer tiefer in den Sumpf dieses Krieges redet, erklärt, der Einsatz der Bundeswehr in Afghanistan geschehe "im Bewusstsein der Verantwortung vor Gott". Unser Gotteskrieger hat nichts verstanden. Deutschlands Aufgabe am Hindukusch ist es nicht, kraftvol-le Kriegsmacht zu sein, sondern kraftvolle Friedensmacht.

Wir haben 60 Jahre gebraucht, um - zum ersten Mal in der deutschen Geschichte - eines der angesehensten und beliebtesten Länder der Welt zu werden. Die Bundesregierung und ihr kriegerischer Verteidigungsminister sind dabei, dieses mühsam erarbeitete Ansehen als Friedensmacht leichtfertig zu verspielen.

Der internationale Terrorismus, der einst in Afghanistan, in Tora Bora, eine seiner Zentralen hatte, wird nicht mehr in die unwirtlichen Berge des Hindukusch zurückkehren. Er hat sich längst mit Hilfe unserer Antiterrorkriege globalisiert und dezentralisiert. Er braucht keine Zentrale mehr.

Sie wissen nicht wirklich , was sie tun

Die Terroristen, die unsere Städte bedrohen, leben seit langem im Westen mitten unter uns. Warum sollten sie zurück in dieses Land am Ende der Welt, in dem jede Höhle ausgespäht und registriert ist? Bei uns im Westen lebt und bombt es sich viel bequemer. Afghanistan war gestern. Die richtige Antiterrorstrategie heißt nicht Krieg, sondern Frieden. Gerechter Frieden in Afghanistan, im Irak und in Palästina.

Draußen ist es inzwischen dunkel geworden. In der Nähe des Ortes Sarobi lenkt unser Fahrer den Jeep über einen steinigen Weg ans Ufer des Kabulflusses. Meine muslimischen Begleiter haben wegen des Ramadan den ganzen Tag nichts gegessen und nichts getrunken. Jetzt dürfen sie das Fasten brechen. Ein romantischeres Picknick als hier am Kabulfluss kann man sich nicht vorstellen.

Bevor unser Fahrer mit dem Essen beginnt, geht er noch einmal zu seinem Geländewagen. Aus dem Laderaum holt er eine kleine Ziege heraus und lässt sie am Fluss ihren Durst löschen. Spogmai und Esmatullah hatten uns die kleine Ziege am Ende unseres Besuchs geschenkt, weil sie uns wegen des Ramadans nichts hatten anbieten können.

Selten haben mich zwei junge Menschen so beschämt wie Spogmai und Esmatullah. Diese zwei Kinder, die so gerne Kinder wären, aber Eltern sein müssen. Weil die Terroristen von El Kaida - und leider auch führende westliche Politiker - nicht wirklich wissen, was sie tun.

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Datum:  16 | 9 | 2009
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