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Reportage: Im Land der Taliban

Der Autor Jürgen Todenhöfer hat im afghanischen Tora Bora mit Mullah Nasrat, dem dritthöchsten Führer der Taliban, gesprochen - über Recht und Unrecht, Schuld und Schuldige und die Zukunft eines geschundenen Landes.

Ein Flüchtlingslager nahe Jalalabad.
Ein Flüchtlingslager nahe Jalalabad.
Foto: Todenhöfer

Tora Bora, 22. August 2009.

"Dort drüben hatte Osama Bin Laden sein Versteck", erklärt uns Esmatullah leise. Der 19-Jährige zeigt auf einen gegenüberliegenden Berghang. "Zu Fuß sind das zwei Stunden", fügt er hinzu. Zusammen mit seiner zwölfjährigen Schwester Spogmai stehen wir an der Lehmmauer ihres kleinen Gartens im Dorf Landa Kheil. Der Flecken, in dem etwa 50 Familien leben, gehört zur Hindukusch-Region Tora Bora.

Zur Person
Spezial: Afghanistan

Jürgen Todenhöfer, 68, war über 20 Jahre lang Manager des Medienunternehmens Burda. Zuvor saß er 18 Jahre lang als Abgeordneter im Deutschen Bundestag, wo er unter anderem rüstungspolitischer Sprecher der Fraktion von CDU/CSU war.

Seit den 80er Jahren bereist er regelmäßig den Nahen und Mittleren Osten. Über seine Reisen durch Afghanistan und den Irak hat er Bücher geschrieben.

In "Warum tötest du, Zaid?" berichtet Todenhöfer vom Widerstand gegen die Besatzungstruppen im Irak.

Foto: ddp

Die Bundeswehr in Afghanistan. Erstmals befinden sich deutsche Soldaten in einem Kampfeinsatz außerhalb Europas.

Verteidigen wir tatsächlich unsere Sicherheit am Hindukusch? Grundlagen, Meinungen, Bilder, Hintergründe im Spezial: Einsatz in Afghanistan

Spogmai und ihr Bruder Esmatullah im Gespräch mit Jürgen Todenhöfer. Ort: Tora Bora.
Spogmai und ihr Bruder Esmatullah im Gespräch mit Jürgen Todenhöfer. Ort: Tora Bora.
Foto: Todenhöfer

Esmatullah ist ein schmächtiger, in sich gekehrter Junge. Er sieht aus, wie der jugendliche Gregory Peck wohl einmal ausgesehen hat. Die kleine, in einen lichtgrünen Schleier gekleidete Spogmai ist noch scheuer als er. Sie ist sehr anmutig, mit großen dunklen Augen, die schon viel zu viel gesehen haben in ihrem kurzen Leben. Die beiden bitten uns in ihr Lehmhaus.

Hier ist es kühl und still. Nur das Meckern einer kleinen Ziege, die in der sengenden Sonne vergeblich nach Gras sucht, dringt in das Halbdunkel des kargen Gästeraums. Spogmai bringt uns köstlich frisches Wasser. Dankbar nehme ich einen Schluck. Spogmai und ihr Bruder trinken nichts. Es ist Ramadan, Fastenzeit.

US-Soldaten fahren Patrouille.
US-Soldaten fahren Patrouille.
Foto: Todenhöfer

Im Morgengrauen war ich mit einem afghanischen Fahrer und einem Übersetzer Richtung Tora Bora aufgebrochen. Schon nach wenigen Minuten wurde uns dras-tisch vor Augen geführt, dass hier trotz der freundlichen Gelassenheit der meisten Afghanen ein unerbittlicher Krieg tobt: In den Vororten Kabuls kommt uns ein Militärkonvoi mit 20 riesigen Tiefladern entgegen. Sie transportieren schrottreife amerikanische Militärfahrzeuge, Humvees und Schützenpanzer aus der Provinz Kunar Richtung Bagram. Eine gespenstische Szenerie, eine Kurzfassung des Krieges auf Tiefladern!

Steinerne Erinnerungen an den Krieg der Sowjetunion

Ein Dorf in der Nähe von Laghman. Zerstört von den Sowjets.
Ein Dorf in der Nähe von Laghman. Zerstört von den Sowjets.
Foto: Todenhöfer

Wir fahren Richtung Dschalalabad entlang dem Kabulfluss, der hier nur ein algig-trübes Rinnsal ist. Die erst kürzlich von Chinesen mit EU-Geldern instandgesetzte Asphalt-Straße ist durch Spurrillen überladener Lastwagen schwer beschädigt und bereits wieder reparaturbedürftig. Wie eine Schlange windet sie sich durch die waldlosen Berge, die vor Dschalalabad wie große schlafende Bären aussehen. Ihre Ausläufer ähneln Tatzen, die gierig nach dem Wasser des immer breiter werdenden, inzwischen türkis funkelnden Flusses greifen. Am Straßenrand Dorfruinen, steinerne Erinnerungen an den zehnjährigen Krieg der Sowjetunion. Ihre einstigen Bewohner sind nie zurückgekehrt.

Endlich sind wir in Dschalalabad, einer brodelnden orientalischen Handelsstadt, die in vielem an die pakistanische Grenzstadt Peshawar erinnert. Stoff-, Schuh-, Obst- und Gemüsehändler buhlen in ihren winzigen Geschäften um Kundschaft. Auf den überfüllten Straßen kämpfen Schubkarren schiebende Kinder, Esels- und Pferdewagen, hupende Autos und knatternde Rikschas um ein Durchkommen.

Schulunterricht im Osten Afghanistans. Fortschritt nach acht Jahren Wiederaufbau?
Schulunterricht im Osten Afghanistans. Fortschritt nach acht Jahren Wiederaufbau?
Foto: Todenhöfer

Am Ortsausgang von Dschalalabad steigt, wie verabredet, ein ortskundiger Afghane zu. Der 40-jährige, freundlich lächelnde Paschtune trägt einen schwarzen Turban mit feinen weißen Streifen. Er ist unser Mittelsmann zu den Taliban. Wir haben ihn aus Sicherheitsgründen engagiert.

Ein Bauernhof reiht sich nun an den anderen. Viele sind ausgebombt, dies jedoch das Werk der Amerikaner. Die Männer, die vor ihren Hütten und Läden sitzen, werfen uns finstere Blicke zu. Wir sind im Land der Taliban. Sie sind hier überall und nirgendwo. Eine Geisterarmee, kaum zu orten - wie jene US-amerikanischen Tarnkappenbomber, gegen die sie kämpfen. Unser paschtunischer Wegbegleiter lächelt mir weiter freundlich zu.

Bomben, Raketen und Marschflugkörper

Wir nähern uns Landa Kheil. Die Straße geht in einen unebenen, staubigen Lehmweg über. Wir werden kräftig durchgerüttelt. Aber nicht nur deshalb sind alle hellwach, sondern auch wegen der zunehmend düsteren Blicke, die uns folgen. Ausländer sind hier selten und unbeliebt. Sie haben dem Land immer nur Not und Leid gebracht. Egal, woher sie kamen.

Als wir am Tor des kleinen Lehmhofes von Spogmai und Esmatullah ankommen, werden wir sofort von ein paar Dutzend staunenden Kindern und Erwachsenen umringt. Esmatullah erklärt ihnen auf Paschtu, dass wir Deutsche und als Freunde gekommen sind. Dann schließt er schnell das Hoftor.

Nach einem kleinen Rundgang führen uns Spogmai und Esmatullah zu jener Mauer, an der sie im Spätherbst 2001 staunend Zeugen des amerikanischen Dauerbombardements auf die Höhlen von Tora Bora wurden. Das ganze Dorf sah, wie gegenüber Tag und Nacht, roten Blitzen gleich, Bomben, Raketen und Marschflugkörper einschlugen und Leuchtmunition die Nacht zum Tag machte. Die Erde bebte auch in Landa Kheil, Rauchwolken verdüsterten die Sonne.

Lesen Sie auf der nächsten Seite, wie nach dem 11. September das Dauerbombardement auf Tora Bora begann

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Datum:  16 | 9 | 2009
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